{"id":612,"date":"2014-09-15T17:20:49","date_gmt":"2014-09-15T17:20:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/?p=612"},"modified":"2014-09-15T17:21:18","modified_gmt":"2014-09-15T17:21:18","slug":"interview-mit-dr-werner-stark-2-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/interview-mit-dr-werner-stark-2-teil\/","title":{"rendered":"Interview mit Dr. Werner Stark \u2013 2. Teil"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_396\" style=\"width: 227px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/wst_12b-217x300.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-396\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-396\" alt=\"Dr. Werner Stark\" src=\"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/wst_12b-217x300.jpg\" width=\"217\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-396\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Werner Stark<\/p><\/div>\n<p>Dr. Werner Stark, Honorarprofessor an der Philipps-Universit\u00e4t Marburg und weltweit bekannte Expert in der historisch-orientierten Kantforschung, hat freundlich auf unsere weitere Fragen beantwortet. Damit alle Antworten klar sind, m\u00fcssen Fragen numeriert bleiben.<\/p>\n<p><strong>1. Welche Rolle in Ihrer T\u00e4tigkeit spielten Kontakten und Zusammenarbeit mit Kollegen aus UdSSR und Russland? Vielleicht, nicht nur die Kant-Forschern\u2026<\/strong><\/p>\n<p>\u2014 Leider habe ich &#8211; wohl auch wegen mangelnder Sprachkenntnisse auf meiner Seite \u2013 ausserhalb der Kant-Forschung im weitern Sinn keine Kontakte zu anderen Wissenschaftlern.<\/p>\n<p><strong>2. Wann und wie haben Sie Russland zum ersten mal besucht? Welche Ver\u00e4nderungen waren bei den n\u00e4chsten Besuchen auff\u00e4llig? Oder irgendwelche lebendige Eindr\u00fccke?<\/strong><\/p>\n<p>\u2014 Unverge\u00dflich sind mir meine beiden ersten Besuche sowohl in Kaliningrad (Herbst 1990) als auch in Moskau (Januar 1992). Beide Besuche galten meinen Recherchen nach den seit 1945 verschollenen Kant-Handschriften der fr\u00fcheren Staats- und Universit\u00e4tsbibliothek K\u00f6nigsberg. Eindrucksvoll war die Begegnung mit Menschen, auf die ich dort getroffen bin. Herr Kalinnikov und der allzu jung verstorbene Vladimir Bryushinkin haben meine Arbeit stets wohlwollend unterst\u00fctzt. \u00c4hnliches gilt auch f\u00fcr Moskau, doch bin ich dort als Wissenschaftler selbst nur ein einziges Mal gewesen. J\u00fcngere russische Kollegen haben sich sp\u00e4ter ebenfalls f\u00fcr die Suche nach den verschwundenen, unersetzlichen Dokumenten f\u00fcr Leben und Werk von Immanuel Kant interessiert: Vadim Kurpakov und Alexei Krouglov. Mit beiden stehe ich seither im best\u00e4ndigen Kontakt.<\/p>\n<p><strong>3. Welchen Eindruck haben Sie von der Entwicklung der Kant-Forschung in Russland?<\/strong><\/p>\n<p>\u2014 Hier mu\u00df ich \u00fcberwiegend passen wegen mangelnder Sprachkenntnisse auf meiner Seite.<\/p>\n<p><strong>4. Sehen Sie irgendeine Tendenzen in der Entwicklung der Politik und der politischen Kultur in Russland?<\/strong><\/p>\n<p>Wie 3.<\/p>\n<p><strong>5. Haben Sie eine klare Vorstellung \u00fcber die Grundlagen der russischen Bildungssystem im Vergleich mit der europ\u00e4ischen bzw. d<strong>er deutschen?<\/strong><\/strong><\/p>\n<p>\u2014 Leider nicht gen\u00fcgend, vor allem ist mir unklar, ob und wie das System nach dem Untergang der Sowjetunion ver\u00e4ndert wurde. Haben die Universit\u00e4ten inzwischen eine gr\u00f6\u00dfere Unabh\u00e4ngigkeit von staatlichen Instanzen?<\/p>\n<p><strong>6. Es ist sehr interessant, etwas von Ihrer politischer T\u00e4tigkeit zu erfahren. Sie sind Abgeordnete in Ihrer Kreis \u2013 stimmt das?<\/strong><\/p>\n<p>\u2014 Ja, ich bin ein wenig auf der politischen Klein-B\u00fchne des Dorfes \u203aC\u00f6lbe\u2039 unterwegs, in dem ich seit nunmehr 18 Jahren lebe, teils als Mitglied der \u203aGemeindevertretung\u2039 und teils als Mitglied des \u203aGemeindevorstands\u2039. Momentan ist dies Gesch\u00e4ft wenig erfreulich, weil die Gemeinden im Dreiklang der \u00f6ffentlichen H\u00e4nde (Gesamtstaat, Bundesland, St\u00e4dte und Gemeinden) in der schw\u00e4chsten Position sind; denn die Gesetzeshoheit &#8211; und damit der entscheidende Zugriff auf finanzielle Ressourcen &#8211; ist den beiden oberen Instanzen vorbehalten. Mit der Folge, da\u00df die Gemeinden zunehmend in finanzielle Engp\u00e4sse geraten. Das Ganze ist f\u00fcr mich als historisch denkendem Menschen etwas paradox: St\u00e4dte und Gemeinden sind vielfach wesentlich \u00e4lter als der heutige Gesamtstaat oder die nach 1945 bzw. 1989 gegr\u00fcndeten Bundesl\u00e4nder. Auch unter dem Aspekt der Demokratie sind die Gemeindevertreter direkter mit den W\u00e4hlern verbunden; wegen der Ortsn\u00e4he leben alle im selben Umfeld und begegnen sich dort direkt. Dies ist auch einer der Gr\u00fcnde, die mein Engagement vor Ort tragen.<\/p>\n<p><strong>7. Wie steht es heutzutage in Deutschland mit der Beachtung des Kants Gebot, dass \u201edie Staaten\u201c den Philosophen die Redefreiheit lassen und Ihre Meinung zu Rate ziehen?<\/strong><\/p>\n<p>\u2014 Die Frage erfordert &#8211; nach meiner Ansicht &#8211; einen sehr weiten Blick und dennoch viele Detail-Informationen, deswegen m\u00f6chte ich darauf nicht wirklich antworten. Wenn man sich daf\u00fcr interessiert, sollte der Blick auf Verb\u00e4nde und Organisationen der Wissenschaftler \u00fcberhaupt gerichtet werden. Ich sehe nicht, da\u00df heute den \u203aPhilosophen\u2039 eine besondere Rolle im politischen Leben oder der \u00d6ffentlichkeit zukommt; es sei denn, es geht um \u203aLeben oder Tod\u2039: In \u203aEthik-Kommissionen\u2039 sind Philosophen, neben Medizinern, Juristen und Theologen aktiv beteiligt: Anscheinend wirkt hier noch die alte, in vier Fakult\u00e4ten gegliederte Universit\u00e4t etwas nach.<\/p>\n<p><strong>8. K\u00f6nnten Sie ein Paar Beispiele daf\u00fcr einf\u00fchren, dass Kantische Ideen einen gewissen Einfluss auf die Kultur und auf die rechtlich-politische Ordnung Deutschlands gewonnen haben?<\/strong><\/p>\n<p>\u2014 Eine sehr interessante Frage, die ebenfalls zu einem weiten Ausflug einl\u00e4dt, doch ich m\u00f6chte ganz kurz antworten: Im ersten Paragraphen unserer \u203aGrundgesetzes\u2039, d. h. der Verfassung, findet sich ein essentieller Begriff der Kantischen Ethik: \u00bbDie W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar.\u00ab Historisch gesehen, ist diese Formulierung kaum nachvollziehbar ohne die von Kant 1785 ver\u00f6ffentlichte \u203aGrundlegung zur Metaphysik der Sitten\u2039. So meine ich wenigstens, oder kennen Sie eine Verfassung eines anderen, modernen Staates in der der Begriff der \u203aMenschenw\u00fcrde\u2039 so weit oben angesiedelt ist?<\/p>\n<p><strong>9. An welchen Projekten Arbeiten Sie jetzt?<\/strong><\/p>\n<p>\u2014 Woran ich jetzt arbeite? Es sind drei Gebiete oder Themen: (1) Edition einer Kantischen Handschrift, die ich zusammen mit polnischen Kollegen vor \u00fcber 10 Jahren in der fr\u00fcheren Stadtbibliothek Danzig gefunden habe. (2) Edition der studentischen Nachschiften \u00fcber die Physische Geographie. (3) Eine Frage: Was genau ist das Beweisziel der \u203aGrundlegung zur Metaphysik der Sitten\u2039?<\/p>\n<p><strong>10. K\u00f6nnten Sie den Schleier des Geheimnisses l\u00fcften: Was interessantes enth\u00e4lt das Marburger Kant-Archiv?<\/strong><\/p>\n<p>\u2014 Das Marburger Kant-Archiv ist im wesentlichen ein Sekund\u00e4rarchiv, d. h. dort finden sich \u00fcberwiegend Kopien (Filme \/ Digitalisate \/ Xerokopien) von Kantischen Handschriften sowie der studentische Nachschriften seiner Vorlesungen. Eine kurze \u00dcbersicht ist 1988 in den \u203aKant-Studien\u2039 erschienen. Und &#8211; in Marburg sind zwei f\u00fcr eine historisch ausgerichtete Kant-Forschung wichtige Einrichtungen: Die Universit\u00e4tsbibliothek (zahlreiche Erstdrucke der Kantischen Schriften, drei Handschriften seiner Studenten) und das Herder-Institut mit seinen vielf\u00e4ltigen Sammlungen zu ehemaligen Siedlungsgebieten von Deutschen in Ost- und Mittel-Europa.<\/p>\n<p><strong>11. Sind in Kants Philosophie, Ihrer Meinung nach, in manchen gr\u00f6\u00dferen oder kleineren wesentlichen Punkten ungel\u00f6ste Wiederspr\u00fcche geblieben?<\/strong><\/p>\n<p>\u2014 Die Widerspr\u00fcche (Ich w\u00fcrde lieber von Differenzen sprechen.) in \u203ader\u2039 Kantischen Philosophie lassen sich h\u00e4ufig aufl\u00f6sen bzw. verst\u00e4ndlich machen, wenn man die Schriften historisch-genetisch liest und nicht meint, da\u00df diese insgesamt als \u203aein System\u2039 gedacht werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>12. Rechtlich-politische Universalismus von Kant \u2013 wie sehen Sie seine Bedeutung f\u00fcr heute? Ist es von heutigen Wirklichkeit gest\u00fctzt?<\/strong><\/p>\n<p>\u2014 Auch heute l\u00e4\u00dft sich von der Art und Weise, wie Kant philosophiert hat, noch lernen, vor allem das Nachdenken und diesen Proze\u00df zu einem bestimmten Ende zu bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Interviewiert von Andrey Zilber<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Werner Stark, Honorarprofessor an der Philipps-Universit\u00e4t Marburg und weltweit bekannte Expert in der historisch-orientierten Kantforschung, hat freundlich auf unsere weitere Fragen beantwortet. Damit alle Antworten klar sind, m\u00fcssen Fragen numeriert bleiben. 1. Welche Rolle in Ihrer T\u00e4tigkeit spielten Kontakten und Zusammenarbeit mit Kollegen aus UdSSR und Russland? 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