{"id":576,"date":"2014-08-22T12:36:38","date_gmt":"2014-08-22T12:36:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/?p=576"},"modified":"2014-08-22T12:36:38","modified_gmt":"2014-08-22T12:36:38","slug":"volker-gerhardt-die-menschheit-in-unserer-person-funf-grunde-kant-in-kaliningrad-zu-ehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/volker-gerhardt-die-menschheit-in-unserer-person-funf-grunde-kant-in-kaliningrad-zu-ehren\/","title":{"rendered":"Volker Gerhardt. Die Menschheit in unserer Person. F\u00fcnf Gr\u00fcnde Kant in Kaliningrad zu ehren"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_577\" style=\"width: 226px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/image_preview-1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-577\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-577\" alt=\"Volker Gerhardt\" src=\"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/image_preview-1-216x300.jpg\" width=\"216\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/image_preview-1-216x300.jpg 216w, https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/image_preview-1.jpg 242w\" sizes=\"(max-width: 216px) 100vw, 216px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-577\" class=\"wp-caption-text\">Volker Gerhardt<\/p><\/div>\n<p align=\"center\"><b><i>Ein langer Weg nach Kaliningrad<\/i><\/b><\/p>\n<p>Im April 2000, in der Schlussdebatte des 9. Internationalen Kant-Kongresses wurde angeregt, den turnusm\u00e4\u00dfig nachfolgenden 10. Kongress um ein Jahr vorzuverlegen, damit er 2004 im ehemaligen K\u00f6nigsberg stattfinden k\u00f6nne. Das hat sich leider nicht durchsetzen lassen. Der F\u00fcnfjahresrhythmus war wichtiger als die Umstellung auf die Lebensdaten von Immanuel Kant. Bei dieser Priorit\u00e4t wird man auch Kants dreihundertsten Geburtstag im April 2024 um ein Jahr verfehlen.<\/p>\n<p>Um so mehr darf man sich freuen, dass es in enger Zusammenarbeit mit der Universit\u00e4t Kaliningrad gelungen ist, am 200. Todestag Immanuel Kants eine Gedenkfeier in der Stadt auszurichten, in der er geboren und gestorben ist. Nach den in beiden L\u00e4ndern \u00fcberwundenen Schwierigkeiten kann es \u00fcberdies als gl\u00fccklicher Umstand gelten, dass auch die hohe Politik aus Moskau und Berlin anreist, um Kant die Ehre zu erweisen.<\/p>\n<p>Die Politik verdankt dem Lebenswerk Immanuel Kants besonders viel. Seinen bezwingenden Argumenten f\u00fcr die Freiheit, die Gleichheit und die Selbst\u00e4ndigkeit der Individuen kann sie sich nirgendwo auf der Welt entziehen. Mit der Verabschiedung der Charta der Vereinten Nationen hat sie sich im Sinne Kants darauf verpflichtet, den Weltfrieden auf der Grundlage des Rechts zu sichern. Dieses schwere Gesch\u00e4ft muss sie als \u201eReform nach Prinzipien\u201c betreiben. Dabei hat sie daf\u00fcr Sorge zu tragen, dass die sozialen Gegens\u00e4tze nicht zur Bedrohung f\u00fcr den Rechtsfrieden werden.<\/p>\n<p>Bedenken wir, dass Kant seine Forderung bereits im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts erhoben hat, dann wird augenblicklich bewusst, wie lang der Weg bis zur Feier am 12. Februar 2004 in Kaliningrad tats\u00e4chlich gewesen ist.<\/p>\n<p align=\"center\"><b><i>Ein geschichtliches Zeichen<\/i><\/b><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich braucht man nicht zu begr\u00fcnden, warum man sich am Geburtsort eines gro\u00dfen Menschen versammelt, um seiner zu gedenken. Wenn er diesen Ort nie verlassen hat, schlie\u00dflich auch dort gestorben und begraben ist, ist es geradezu eine Pflicht, sich hier zu seiner Erinnerung einzufinden.<\/p>\n<p>Doch wir wollen und wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass es jahrzehntelang nicht m\u00f6glich war, hierher zu reisen. Eine Weile war es in der Stadt noch nicht einmal erlaubt, \u00f6ffentlich von Kant zu sprechen.<\/p>\n<p>Das hatte Gr\u00fcnde, an denen die Deutschen alles andere als unschuldig sind. Die Russen mussten f\u00fcrchten, dass die Erinnerung an den Philosophen nur ein Mittel ist, um alte nationale Interessen ins Spiel zu bringen. Von solchen Absichten k\u00f6nnte uns, wenn es denn \u2013 dreiundsechzig Jahre nach dem \u00dcberfall Hitlers auf die Sowjetunion \u2013 immer noch n\u00f6tig w\u00e4re, gerade Kants kritisches Philosophieren befreien. Denn sein alles andere als \u201emonologisches\u201c Denken ist in allem auf Verst\u00e4ndigung und Mitteilung angelegt.<\/p>\n<p>Die kritische Philosophie ist \u00fcberdies der Realit\u00e4t des menschlichen Daseins verpflichtet. Sie nimmt den Menschen als endliches und bed\u00fcrftiges Wesen ernst, sucht nach den Grenzen seines Wissens, gr\u00fcndet das Recht auf den leibhaftigen Gebrauch der Freiheit und verteidigt den politischen Kompromiss, solange er nicht gegen die menschliche W\u00fcrde oder gegen geltendes Recht verst\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>Schon die Notwendigkeit, an diese Momente der Philosophie Kants zu erinnern, macht uns bewusst, dass es, zumindest f\u00fcr einen Deutschen, nicht selbstverst\u00e4ndlich ist, in einem Ort namens Kaliningrad \u00fcber Kant zu sprechen. Nach allem, was geschehen ist, kann es dennoch als ein gutes Omen gewertet werden. F\u00fcr dieses geschichtliche Zeichen lassen sich mindestens <i>f\u00fcnf<\/i> Gr\u00fcnde nennen.<\/p>\n<p align=\"center\"><b><i>Kant und K\u00f6nigsberg<\/i><\/b><\/p>\n<p>Es ist ein dummes, aber immer wieder zitiertes Wort, bei einem Philosophen gen\u00fcge es zu wissen, wann er geboren und gestorben sei. Im \u00fcbrigen komme es nur auf sein Denken an. Wo und wie er gelebt habe, k\u00f6nne auf sich beruhen. Gesetzt, das Wort w\u00e4re wahr, dann h\u00e4tte Immanuel Kant ein musterg\u00fcltiges Leben gef\u00fchrt. Er ist in K\u00f6nigsberg geboren, er ist hier gestorben und in der Zwischenzeit hat er sein Werk verfasst.<\/p>\n<p>Die Nachwelt hat fast zweihundert Jahre lang so getan, als habe Kants Leben dieser Karikatur entsprochen. Tats\u00e4chlich haben die ersten Biographen ein von allen Widerspr\u00fcchen gereinigtes Bild vom alten Kant \u00fcberliefert. Heute, zweihundert Jahre nach seinem Tod, kann es jeder wissen, dass sich die gro\u00dfen Ereignisse im Leben des Immanuel Kant keineswegs nur in seinem Kopf abspielten.<\/p>\n<p>Am g\u00e4renden, hart umk\u00e4mpften Rand des Preu\u00dfischen Staates hat Immanuel Kant ein von schweren Spannungen und dramatischen Wendungen reiches Leben gef\u00fchrt. Hoch sensibel, mit der starken Leidenschaft f\u00fcr Gerechtigkeit und Freiheit, getrieben von einer exzessiven Erkenntnis- und Mitteilungslust, bei schw\u00e4chlicher Konstitution und am Ende mit einem Arbeitsertrag, der auch im neuen Jahrhundert Generationen von Philosophen besch\u00e4ftigen wird, bewegt sich sein Leben in Extremen, zwischen denen sein Philosophieren den theoretischen Ausgleich sucht.<\/p>\n<p>Kants kritische Philosophie ist von den durchlebten Krisen seines Daseins gepr\u00e4gt. Dabei sind der im K\u00f6nigsberg seiner Zeit kompromisslos ausgetragene Gegensatz zwischen Pietismus und Orthodoxie, die ohne Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Gegenseite tobenden Streitigkeiten zwischen Rationalisten und Empiristen, der sich r\u00fccksichtslos auch gegen die Wahrheit durchsetzende akademische D\u00fcnkel sowie die im Niedergang der Zunft seines Vater erfahrene wirtschaftliche Dynamik entscheidend.<\/p>\n<p>Damit ist der <i>erste<\/i> Grund genannt, der es zu einer philosophischen Verpflichtung macht, in der Stadt seines Lebens und Sterbens an Kant zu erinnern.<\/p>\n<p align=\"center\"><b><i>Kants politisches Verm\u00e4chtnis<\/i><\/b><\/p>\n<p>Der <i>zweite<\/i> Grund liegt in der lange Zeit untersch\u00e4tzten politischen Bedeutung von Kants Rechts- und Staatsphilosophie. Sie ist nicht darauf beschr\u00e4nkt, in der Tradition der gro\u00dfen Friedensutopien auch einen Entwurf <i>Zum<\/i> <i>ewigen<\/i> <i>Frieden<\/i> beigesteuert zu haben. Entscheidend ist der Realit\u00e4tsgehalt seiner auf \u00d6konomie, geschichtliche Kontinuit\u00e4t und wirksame Macht gegr\u00fcndeten politischen Theorie. Das h\u00f6ren die Kantianer nicht gern. Es ist bequemer, sich Kant als einen blo\u00dfen Idealisten zurechtzulegen.<\/p>\n<p>Aber Tatsache ist, dass er sowohl in seiner Treue gegen\u00fcber dem preu\u00dfischen K\u00f6nig wie auch in seinem Einspruch gegen revolution\u00e4re Ver\u00e4nderungen die historisch gewachsenen Machtverh\u00e4ltnisse zu ber\u00fccksichtigen wusste. Das Recht bedarf der Macht, um wirksam zu sein. Gleichwohl kann es sich nicht auf die gegebenen Verh\u00e4ltnisse festschreiben lassen. Der Reformimpuls ist daher ein aus eigener Logik gebotenes Moment einer jeden Politik.<\/p>\n<p>Zu Kants gro\u00dfen Leitungen geh\u00f6rt die Begr\u00fcndung der Politik durch die Publizit\u00e4t. Damit ist nicht nur der Raum bestimmt, der der \u00f6ffentlichen Meinung zukommt; auch die Philosophie, die mit Platon gelegentlich von einer k\u00f6niglichen Stellung tr\u00e4umte, wird auf die Funktion einer demokratischen Teilhabe beschr\u00e4nkt: Ihre genuine Aufgabe liegt in der Kritik der Politik.<\/p>\n<p>Alles in allem haben wir in Kant einen liberalen Denker von europ\u00e4ischem Format. Im Anschluss an die Ideen von Hobbes, Locke, Montesquieu und Rousseau stellt er den politischen Liberalismus auf ein neues Fundament, \u00f6ffnet ihn f\u00fcr soziale Fragen und zeigt, warum Volkssouver\u00e4nit\u00e4t, Repr\u00e4sentation, Gewaltenteilung und \u00f6ffentlich ge\u00fcbte Urteilskraft unerl\u00e4sslich sind. In diesem <i>zweiten<\/i> Punkt k\u00f6nnen Russen und Deutsche noch einiges von ihm lernen.<\/p>\n<p align=\"center\"><b><i>Die kopernikanische Wende zum Leben<\/i><\/b><\/p>\n<p>Lange Zeit galt Kant als der philosophische Statthalter der Newtonschen Physik. Tats\u00e4chlich zieht er die metaphysischen Konsequenzen aus der Mechanisierung des Himmels. Doch heute wissen wir, dass Kants theoretische Innovation nicht in der philosophischen Akkreditierung der neuzeitlichen Mechanik besteht. Im Gegenteil: Er hat seit seiner ersten Schrift \u00fcber die \u201eWahre Sch\u00e4tzung der lebendigen Kr\u00e4fte\u201c nach einem \u00dcbergang zu einem dynamischen Verst\u00e4ndnis der Natur gesucht.<\/p>\n<p>Den ebnet er sich mit seiner \u201ekopernikanischen Wendung\u201c zum Menschen als dem Tr\u00e4ger aller Erkenntnis. In der Fundierung der Praxis allein durch den Willen, der jeder Zwecksetzung vorausgeht, vollzieht er einen weiteren Schritt. Der n\u00e4chste erfolgt in der bis heute zu wenig beachteten Theorie des Lebens. Hier wird der \u00dcbergang von der mechanischen zur dynamischen Naturtheorie ausdr\u00fccklich zum Thema: Alles Lebendige ist ein Fall von individueller Selbstorganisation im Prozess einer sich in und durch die Individuen vermehrenden Gattung. Jeden Organismus betrachten wir so, \u201eals ob\u201c er im strukturellen Aufbau wie auch im Gang seiner prozessualen Entwicklung eigenen Zwecken folgte.<\/p>\n<p>Der philosophische Weg von Newton zu Darwin ist damit er\u00f6ffnet. Der \u201eSelbstdenker\u201c Immanuel Kant ist ein Vordenker der modernen Biologie. Er empfiehlt, in der kausalen Analyse der lebendigen Prozesse bis zum \u00c4u\u00dfersten zu gehen, und bleibt dennoch dabei, dass wir ohne Selbsterkenntnis nichts von dem verstehen, was f\u00fcr das Leben wesentlich ist.<\/p>\n<p>Dieser <i>dritte<\/i> Grund sollte die russischen und die deutschen Forscher ermutigen sich in gemeinsamen Vorhaben den Lebenswissenschaften zuzuwenden. Unter der philosophischen Anleitung durch Kant m\u00fcssten sich die verbreiteten Vorbehalte gegen die Biotechnik noch am ehesten ausr\u00e4umen lassen.<\/p>\n<p align=\"center\"><b><i>Kants moralische Innovation<\/i><\/b><\/p>\n<p>Kants bedeutendste philosophische Leistung liegt in der Begr\u00fcndung der menschlichen Freiheit, die ihren Ausdruck in der Moralit\u00e4t des einzelnen Menschen findet. Die wiederum zeigt sich darin, dass der Mensch sich und seinesgleichen ein Beispiel zu geben hat. Wir haben die \u201eMenschheit in unserer Person\u201c zu wahren. Wenn dies nicht unser Geheimnis bleiben, sondern in unserem Handeln hervortreten soll, dann ist jede moralische Tat ein exemplarischer Akt.<\/p>\n<p>Das moralische Wesen nimmt sich in einem Universum wahr, in dem es nicht nur sich selbst, sondern grunds\u00e4tzlich jedem in die Augen sehen k\u00f6nnen m\u00f6chte. Deshalb lassen sich, nach Kant, alle Tugenden letztlich in einer einzigen zusammenfassen: in der der \u201eWahrhaftigkeit\u201c. Der Unterschied zur Politik liegt darin, dass in der Moral letztlich jeder f\u00fcr sich allein zu verantworten hat, f\u00fcr was er sich entscheidet.<\/p>\n<p>Gleichwohl bewegt es sich mit seinen Fragen in einem prinzipiell \u00f6ffentlichen Raum, in dem es idealer Weise von seinesgleichen wahrgenommen und in m\u00f6glichst bester Verfassung erkannt werden m\u00f6chte. Da aber niemand anderes exakt die gleiche Stellung einnimmt, vermag das handelnde Individuum seinesgleichen tats\u00e4chlich nur ein Beispiel geben.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re nicht nur kurios, sondern abwegig wollten russische und deutsche Philosophen im Namen Kants beschlie\u00dfen, der Menschheit nunmehr gemeinsam ein Beispiel zu geben. Aber die in jeder moralischen Verpflichtung angelegte Humanit\u00e4t sollte die Verst\u00e4ndigung zwischen den einzelnen Menschen erleichtern, damit auch die beiden V\u00f6lker n\u00e4her zueinander finden. Damit ist der <i>vierte<\/i> Grund genannt.<\/p>\n<p align=\"center\"><b><i>Eine theologische Perspektive der Humanit\u00e4t<\/i><\/b><\/p>\n<p>Kant gilt als der \u201eAllerzermalmer\u201c der Metaphysik. Durch seine Destruktion der Gottesbeweise scheint er die Philosophie in eine un\u00fcberbr\u00fcckbare Distanz zum Glauben ger\u00fcckt zu haben. Sein Bekenntnis, er wolle das Wissen begrenzen, um dem Glauben Platz zu machen, wird heute als Tribut an den r\u00fcckst\u00e4ndigen Zeitgeist des 18. Jahrhunderts gedeutet.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte sein, dass diese Deutung selbst einem Vorurteil des 19. und 20. Jahrhunderts entstammt. Jedenfalls lohnt es dar\u00fcber nachzudenken, warum der in religi\u00f6sen Dingen so freie und mutige Kant, sich gen\u00f6tigt sah, das \u201ePostulat\u201c von der Existenz Gottes einzuf\u00fchren. R\u00fccksichten auf seine Zeitgenossen \u2013 oder gar auf seinen Diener Lampe \u2013 scheiden aus.<\/p>\n<p>Nach Kant wird das Postulat von der Existenz Gottes ben\u00f6tigt, um dem Menschen wenigstens die Hoffnung auf einen guten Ausgang seiner vern\u00fcnftigen Bem\u00fchungen zu geben. Gott ist der Name f\u00fcr eine Macht, \u00fcber die der Mensch nicht verf\u00fcgt, auf die er dennoch \u2013 aus blo\u00dfer Vernunft, wohl aber im Bewusstsein der eigenen Bed\u00fcrftigkeit \u2013 Anspruch erhebt. Nur ein Gott kann die rationale Erwartung mit dem sinnlichen Wunsch zur Deckung bringen.<\/p>\n<p>Kant postuliert die Existenz Gottes nicht allein im Interesse einer spekulativen Erl\u00f6sung des Menschen am Ende aller Zeiten. Der prim\u00e4re, der praktische Sinn des Postulats zielt auf Gelassenheit im Dasein: Der Mensch, der sich zwar viel denken und noch mehr vorzustellen vermag, tats\u00e4chlich aber nur wenig erreichen kann, soll sich mit seinen begrenzten Kr\u00e4ften zufrieden geben k\u00f6nnen, ohne an seiner Vernunft irre zu werden. So wird die Existenz Gottes im Interesse der epochalen Existenz des Menschen postuliert. Damit kann sie die Sinnbedingung des menschlichen Handelns retten. Gott kommt ins Spiel, um dem Leben eine humane Perspektive zu geben.<\/p>\n<p>Russland und Deutschland haben unterschiedliche religi\u00f6se Traditionen, die nicht ohne Einfluss auf die Politik ihrer Staaten gewesen sind. Vielleicht er\u00f6ffnet das Nachdenken \u00fcber Kants Motive bei der Einf\u00fchrung des Postulats von der Existenz Gottes eine kultur\u00fcbergreifende Perspektive f\u00fcr die gemeinsame Forschung. Wenn wir uns daran erinnern, dass Kant, wie alle anderen K\u00f6nigsberger am 24. Januar 1758, einen Treueeid auf die Zarin Katharina geschworen hat, dass er sich w\u00e4hrend der vierj\u00e4hrigen Besetzung K\u00f6nigsbergs mit den russischen Offizieren bestens verstanden hat und dass er sowohl Mitglied der Preu\u00dfischen Akademie der Wissenschaften in Berlin wie auch Ehrenmitglied der russischen Akademie in St. Petersburg gewesen ist, dann m\u00fcssten f\u00fcr das russisch-deutsche Gespr\u00e4ch \u00fcber Grundprobleme des Philosophierens beste Aussichten bestehen. Wenn wir uns an ihn erinnern, haben wir auch eine Chance, uns an ihm ein Beispiel zu nehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b><i>Der Text dieses Vortrages wurde im Sammelband \u201eKant zwischen West und Ost\u201c (2005) ver\u00f6ffentlicht<\/i><\/b><i>:<\/i><\/p>\n<p>Gerhardt, Volker. Die Menschheit in unserer Person. F\u00fcnf Gr\u00fcnde Kant in Kaliningrad zu ehren\/\/ Kant zwischen West und Ost. Zum Gedenken an Kants 200. Todestag und 280. Geburtstag. Hrsg. Von Prof. Dr. Wladimir Bryuschinkin. Bd.1. Kaliningrad, 2005. S. 17 &#8211; 23.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein langer Weg nach Kaliningrad Im April 2000, in der Schlussdebatte des 9. Internationalen Kant-Kongresses wurde angeregt, den turnusm\u00e4\u00dfig nachfolgenden 10. Kongress um ein Jahr vorzuverlegen, damit er 2004 im ehemaligen K\u00f6nigsberg stattfinden k\u00f6nne. Das hat sich leider nicht durchsetzen lassen. Der F\u00fcnfjahresrhythmus war wichtiger als die Umstellung auf die Lebensdaten von Immanuel Kant. Bei [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":578,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/576"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=576"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/576\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":579,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/576\/revisions\/579"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/578"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=576"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=576"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=576"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}