{"id":556,"date":"2014-08-08T15:17:47","date_gmt":"2014-08-08T15:17:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/?p=556"},"modified":"2014-08-08T15:17:47","modified_gmt":"2014-08-08T15:17:47","slug":"a-salikov-kants-friedensprojekt-und-die-ansatze-zur-losung-des-sicherheitsdilemmas-in-der-modernen-theorie-der-internationalen-beziehungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/a-salikov-kants-friedensprojekt-und-die-ansatze-zur-losung-des-sicherheitsdilemmas-in-der-modernen-theorie-der-internationalen-beziehungen\/","title":{"rendered":"A. Salikov. Kants Friedensprojekt und die Ans\u00e4tze zur L\u00f6sung des Sicherheitsdilemmas in der modernen Theorie der internationalen Beziehungen"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_558\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/al-300x225.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-558\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-558\" alt=\"\u0410\u043b\u0435\u043a\u0441\u0435\u0439 \u0421\u0430\u043b\u0438\u043a\u043e\u0432\" src=\"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/al-300x225.jpg\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/al-300x225.jpg 300w, https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/al-300x225-65x50.jpg 65w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-558\" class=\"wp-caption-text\">\u0410\u043b\u0435\u043a\u0441\u0435\u0439 \u0421\u0430\u043b\u0438\u043a\u043e\u0432<\/p><\/div>\n<p>Das Sicherheitsdilemma ist ein viel diskutiertes Problem in der modernen Theorie der internationalen Beziehungen (ferner \u2014 IB-Theorie). Auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen bedeu\u00adtet das Sicherheitsdilemma eine unvermeidliche Notwendigkeit, ein Beziehungsmodell hinsichtlich eines anderen Staates zu w\u00e4hlen: auf der Basis der Kooperation, des Wettbewerbes oder der Konfrontation. Dabei ist diese Wahl unter Umst\u00e4nden des Mangels und der Unvollst\u00e4ndigkeit der Information \u00fcber die Absichten von anderen Akteuren zu treffen, was potenziell zu einer Konfronta\u00adtion, zur Steigerung der Milit\u00e4rausgaben und, schlimmstenfalls, zum Krieg f\u00fchren kann (Booth, Wheeler, 2008, P. 1\u201418). Der Versuch, das Sicherheitsdilemma zu l\u00f6sen, wird in mehreren Para\u00addigmen der IB-Theorie unternommen: die wichtigsten Ans\u00e4tze werden im vorliegenden Artikel kurz skizziert. Au\u00dferdem wird im Aufsatz auch der Versuch unternommen, eine Analyse der M\u00f6g\u00adlichkeit zu liefern, das Sicherheitsdilemma von dem Gesi\u00adchtspunkt der Philosophie Kants zu l\u00f6sen. Das scheint aus zwei Gr\u00fcnden von Bedeutung zu sein: 1) Nach allgemeiner Ansicht war Kant der Ers\u00adte, der auf das Problem, das die Grundlage des Sicher\u00adheitsdi\u00adlem\u00admas ausmacht, hingewiesen hat, lange vor dem deutsch-ameri\u00adka\u00adni\u00adschen Politikwissenschaftler John Herz, der es 1951 erstmals in mo\u00adderner Gestalt formuliert hat (Herz, 1950; Herz, 1951); 2) Im\u00adma\u00adnuel Kant gilt als einer der V\u00e4ter der Liberalen Str\u00f6mung (und vor allem der Theorie des demokratischen Friedens) in der IB-The\u00ado\u00adrie, die einen der wichtigsten Ans\u00e4tze zur L\u00f6sung des Sicherheits\u00addilemmas erarbeitete. Allerdings gibt es mehrere Gr\u00fcnde, daran zu zwei\u00adfeln, ob der Liberalismus die Ideen Kants ad\u00e4quat und korrekt inter\u00adpretiert (etwa die Aufs\u00e4tze von Luigi Caranti und von Lothar Brock im vorliegenden Band, auch Salikov, 2012).<\/p>\n<p align=\"center\"><b>Realismus<\/b><\/p>\n<p>Innerhalb der realistischen Denkschule unterschei\u00adden die For\u00adscher den offensiven Realismus und den defensiven Realismus, die die Logik des Sicherheitsdilemmas in den interna\u00adtionalen Bezie\u00adhungen auf eine unterschiedliche Weise interpre\u00adtieren (Lancov, Usmonov, 2013). Der offensive Realismus be\u00adtrachtet die Macht als eine Triebkraft, die das Verhalten der Staaten unter den Bedingun\u00adgen der Anarchie des internationalen Systems bestimmt. Den An\u00adh\u00e4ngern des offensiven Realismus zu\u00adfolge befinden sich die Staa\u00adten im Zustand einer permanenten Konkurrenz miteinander, um das h\u00f6chstm\u00f6gliche Niveau an Si\u00adcherheit zu erreichen, wobei die offensiven Realisten die M\u00f6glich\u00adkeit einer erfolgreichen internati\u00adonalen Mitarbeit verneinen und den Zustand eines dauerhaften und stabilen Friedens f\u00fcr un\u00aderreichbar halten (Lancov, Usmonov, 2013). Die Anh\u00e4nger des de\u00adfensiven Realismus halten es hingegen f\u00fcr zweckm\u00e4\u00dfig, nicht nach einer absoluten, sondern nach einer re\u00adlativen Macht\u00fcberlegenheit zu streben. Selbst die Existenz des Si\u00adcherheitsdilemmas f\u00fchrt ihrer Meinung nach nicht zu einer Steige\u00adrung der Konfrontation in den internationalen Beziehungen (Lancov, Usmonov, 2013). Die wirtschaftlich und milit\u00e4risch m\u00e4chtigen Staaten werden nicht un\u00adbedingt grobe Machtmittel anwenden, um die Welthegemonie zu erreichen, weil es zur Vereinigung von schw\u00e4cheren Staaten in Verteidigungsb\u00fcndnisse gegen die st\u00e4rkere Hegemonialmacht f\u00fchren k\u00f6nnte. Die defensiven Realisten halten die Anarchie in den internationalen Beziehungen nicht f\u00fcr un\u00fcber\u00adwindlich und betrach\u00adten das Ph\u00e4nomen der Sicherheit als einen re\u00adlativen und nicht als einen absoluten, durch die Macht\u00fcberlegen\u00adheit bedingten Begriff. Deshalb seien die Perioden der Stabilit\u00e4t und Kooperation zwischen den Staaten erreichbar und real (Lancov, Usmonov, 2013). Trotz aller Unterschiede zwischen dem of\u00adfensiven und dem defensiven Realismus nimmt keiner von beiden die M\u00f6glichkeit einer endg\u00fcltigen L\u00f6sung des Sicherheitsdilemmas an. In diesem Sinne sieht das Sicherheitsdilemma vom Gesichts\u00adpunkt der Real\u00adisten als prinzipiell nicht l\u00f6sbar aus.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>Theorie des demokratischen Friedens (Liberalismus)<\/b><\/p>\n<p>Der liberalen Theorie des demokratischen Friedens (ferner \u2014 DF-Theorie) nach sind die Beziehungen innerhalb der Gruppe der de\u00admokratischen Staaten immer friedlicher und \u00f6fter auf Kompro\u00admisse gegr\u00fcndet als die Beziehungen zwischen nichtdemokra\u00adtischen L\u00e4ndern oder innerhalb einer gemischten Gruppe von de\u00admokratischen und nichtdemokratischen Staaten. Einen positiven Einfluss auf die friedliche L\u00f6sung des Sicherheitsdilemmas sollte auch die Einbeziehung der demokratischen Staaten in den Welthandel und somit ein h\u00f6herer Grad an Interdependenz der de\u00admokratischen Staaten haben: die Handelspartner betreiben eine friedlichere Au\u00dfenpolitik in Bezug aufeinander, weil ein Krieg we\u00adsentliche finanzielle Verluste bedeuten w\u00fcrde. Au\u00dferdem sind de\u00admokratische L\u00e4nder mit mehreren internationalen Organisationen verbunden, die es erlauben, Konflikte noch in ihren fr\u00fchen Stadien friedlich beizulegen, und die notwendigen Einflussmittel auf ihre Mitglieder haben. Alle diese Argumente berechtigen die Anh\u00e4nger der DF-Theorie zu behaupten, dass die L\u00f6sung des Sicherheitsdi\u00adlemmas in der Demokratisierung unseres Planeten liegt: Sobald alle Staaten der Erde demokratisch werden, wird auch das Sicher\u00adheitsdilemma sich von selbst l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Der Optimismus der Vertreter der DF-Theorie wird aber von den Neorealisten nicht geteilt, denn sie glauben, dass der Demokra\u00adtisierungsprozess keinen wesentlichen Einfluss auf die anarchische Struktur der Welt sowie auf den Stil der internationalen Beziehun\u00adgen aus\u00fcben kann (Waltz, 2000, p. 10). Viele Wissenschaftler sind der Auffassung, dass es nicht m\u00f6glich sei, die Staaten nach ihrem Wesen als kriegerisch oder friedlich zu charakterisieren oder \u00fcber die gr\u00f6\u00dfere Friedlichkeit von irgendwelchen Formen der Staats-, Wirtschafts- oder Regierungsorganisation zu sprechen. Diese Schlussfolgerungen lassen sich durch konkrete Untersuchungen der Kriege und der bewaffneten Konflikte vom XVIII. Jahrhundert an bis zum XX. Jh. inklusive (Russett, Starr, 1981) belegen. Au\u00dfer\u00addem kann die Friedlichkeit der Demokratien auch von der Gesi\u00adchtspunkt der Friedlichkeit der Mitglieder eines homogenen Sys\u00adtems (d.\u00a0h. eines Systems mit einem hohen Grad der Gleichartigkeit in Hinsicht der politischen Regime der Beitrittsstaaten, der Wirtschaftsformen, der Ideologien, der Kultur usw.) zueinander erkl\u00e4rt werden. Es liegt auf der Hand, dass die gleichartigen Sys\u00adteme sich als stabiler und weniger kriegerisch als die heterogenen Systeme erweisen. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob dieses ho\u00admogene System ein demokratisches, ein sozialistisches oder ein faschistisches System ist. Somit erweist sich der Ansatz der DF-Theorie in Bezug auf das Sicherheitsdilemma als ziemlich ein\u00adseitig, weil diese Theorie die L\u00f6sung des Sicherheitsdilemmas nur im Falle der Beziehungen zwischen Demokratien voraussetzt. Wenn wir aber den Fall der Beziehungen zwischen Demokratien und Nichtdemokratien oder nur zwischen Nichtdemokratien neh\u00admen, so kann die DF-Theorie keine Basis f\u00fcr den Aufbau eines dauerhaften Friedens bieten.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>Regimetheorie (neoliberaler Institutionalismus)<\/b><\/p>\n<p>Die Regi\u00admetheorie (wie \u00fcbrigens der Institutionalismus insgesamt) nimmt eine Mittelstellung zwischen Realismus und Liberalismus ein: Sie h\u00e4lt eine Kooperation zwischen Staaten f\u00fcr prinzipiell m\u00f6glich, zwar nicht von einer \u201erealistischen\u201c, jedoch von einer \u201eliberalen\u201c Grundlage aus. Diese Tendenz ist auch im Ansatz der Regimetheo\u00adrie zur L\u00f6sung des Sicherheitsdilemmas zu beobachten, der in sich sowohl realistische als auch liberale Einstellungen verbindet, aber von beiden abweicht. Genauso wie der Realismus definiert die Regimetheorie den Charakter der internationalen Beziehungen als Anarchie und h\u00e4lt die Staaten f\u00fcr Hauptakteure der internationalen Prozesse, die daran interessiert sind, rationale Handlungen in den Beziehungen zu den anderen Staaten zu vollziehen. Doch im Unterschied zum Realismus h\u00e4lt die Regimetheorie das Sicher\u00adheitsdilemma f\u00fcr prinzipiell l\u00f6sbar. Diese L\u00f6sung sehen die An\u00adh\u00e4nger der Regimetheorie in der Verrechtlichung und Verbesse\u00adrung der Kooperation zwischen Staaten. Der Meinung der An\u00adh\u00e4nger der Regimetheorie nach befinden sich alle Staaten der Welt in einer Lage der gegenseitigen Abh\u00e4ngigkeit: die maximal ration\u00adale Handlung f\u00fcr die Minimisierung des Sicherheitsrisikos sei also die internationale Kooperation, die durch internationale Institute, die eine regulierende Funktion auf der Ebene der internationalen Beziehungen spielen, zu sichern ist. W\u00e4hrend die Existenz und Wirksamkeit dieser Institute von einem oder mehreren f\u00fchrenden Staaten unterst\u00fctzt wird, sollen sie die Zusammenarbeit zwischen Staaten koordinieren. Mit dem Lauf der Zeit wird diese Zusam\u00admenarbeit immer effizienter und dadurch das Sicherheitsdilemma \u00fcberwunden.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>Konstruktivismus<\/b><\/p>\n<p>Der Konstruktivismus geht davon aus, dass die L\u00f6sung des Si\u00adcherheitsdilemmas von der Identit\u00e4t des Staates abh\u00e4ngig sei. Die Konstruktivisten glauben, dass die Inter\u00adessen eines Staates mit seiner Identit\u00e4t eng verbunden seien. Diese Identit\u00e4t sei ihrerseits nicht unver\u00e4nderlich und befinde sich im st\u00e4ndigen Prozess der Transformation. So sei das Verhalten der Staaten auf der internati\u00adonalen B\u00fchne von mehreren Motiven bee\u00adinflusst, und zwar nicht nur von \u00f6konomischen und innenpoli\u00adtischen Faktoren, sondern auch von solchen Ph\u00e4nomenen wie Kul\u00adtur, nationale Psychologie, Ideologie usw., die die Identit\u00e4t eines Staates bilden. Im Gro\u00dfen und Ganzen ist es den Konstruktivisten gelungen, durch diese Ver\u00adbindung der strategischen Wahl der Staaten mit den Besonderhei\u00adten ihrer Identit\u00e4ten eine alternative Erkl\u00e4rung f\u00fcr ihr Verhalten in der Situation des Sicherheitsdilem\u00admas anzubieten. Allerdings gab es Schwierigkeiten hinsichtlich der Formalisierung der von den Konstruktivisten erhobenen Argu\u00admente sowie ihrer Pr\u00fcfung, weil die Identit\u00e4t sich sehr schwer mit Hilfe von quantitativen Metho\u00adden messen oder als Modell formal\u00adisieren l\u00e4sst. Die Methode der qualitativen Analyse erwies sich im Vergleich mit der quantitativen Methode als effizienter; ander\u00aderseits fehlte ihr wegen der deutlich breiteren Interpretation von Ergebnissen aber die notwendige Strenge der Argumentation (Ti\u00admofeev, 2013, S. 49). Allem An\u00adschein nach ist der konstruktiv\u00adistische Ansatz zur Analyse des Si\u00adcherheitsdilemmas eben aus die\u00adsem Grund keine vollwertige Al\u00adternative zu anderen Ans\u00e4tzen, so\u00adlange keine ad\u00e4quaten formali\u00adsierten Modelle des Einflusses der Identit\u00e4t auf die strategische Wahl der Staaten angeboten werden (Timofeev, 2013, S. 49).<\/p>\n<p align=\"center\"><b>Immanuel Kant<\/b><\/p>\n<p>Der Begriff des Sicherheitsdilemmas taucht nirgendwo in Kants Schriften auf. Dennoch gibt es mehrere Stellen in seinen Werken, die einen Schl\u00fcssel f\u00fcr die L\u00f6sung des Sicher\u00adheits\u00addilem\u00admas von dem Gesichtspunkt seiner Philosophie aus ge\u00adben k\u00f6nnten. Es geht in erster Linie um zwei Werke Kants: \u201eZum ewigen Frie\u00adden\u201c und \u201eRechtslehre\u201c (d.\u00a0h. um den zweiten Teil der \u201eMetaphy\u00adsik der Sitten\u201c), wo ein Abschnitt dem V\u00f6lkerrecht ge\u00adwidmet ist.<\/p>\n<p>Kant sieht das Recht als einen Regulator der internationalen Beziehungen an. Diese Beziehungen Regelungen zu unterwerfen und sie zu verrechtlichen, sollte also zu einem wichtigen Instru\u00adment f\u00fcr die Erreichung der Sicherheit und des dauerhaften Frie\u00addens werden. In diesem Zusammenhang sollte sich auch das Ge\u00adwicht der internationalen Organisationen steigern, die eine ver\u00admittelnde Rolle in Bezug auf Staaten spielen und die entstehenden Konflikte bereits in den Anfangsphasen regeln.<\/p>\n<p>Eine vollst\u00e4ndige Friedensstiftung zu erreichen und somit das Sicherheitsdilemma endg\u00fcltig zu l\u00f6sen, ist laut Kant nur durch die Einrichtung eines f\u00f6derativen Friedensbundes (foedus pacificum) m\u00f6glich (Kant, 1795, S.\u00a0356). Dabei k\u00f6nnte ein regionaler oder lo\u00adkaler V\u00f6lkerbund (wie die heutige EU im Gro\u00dfen und Ganzen) nur als eine Vorstufe auf dem Weg zur Schaffung eines globalen V\u00f6lk\u00aderbundes, in dessen Rahmen eine vollst\u00e4ndige und endg\u00fcltige L\u00f6sung des Sicherheitsdilemmas allein m\u00f6glich sei, betrachtet wer\u00adden. Diesem globalen Friedensbund sollten alle L\u00e4nder der Welt unabh\u00e4ngig von ihrer inneren Staatsordnung (in dieser Frage unter\u00adscheidet sich Kants Stellung von der Position der DF-Theorie) bei\u00adtreten. Nur ein solcher V\u00f6lkerbund, der die Fl\u00e4che der ganzen Erde umfassen w\u00fcrde, k\u00f6nnte Kants Forderung nach einer kom\u00adpletten Abschaffung aller Streitkr\u00e4fte auf unserem Planeten er\u00adf\u00fcllen. An\u00addernfalls sollte auch der Friedensbund eine stehende Armee besit\u00adzen, um m\u00f6gliche Aggressione seitens der Nicht-Mitglieder des Bundes abzuwehren. Nach Kant ist der Friedens\u00adbund keine zentra\u00adlisierte Weltrepublik, weil sonst die Mitglieder dieses Bundes ihre Souver\u00e4nit\u00e4t verlieren w\u00fcrden. Die Ordnung des Friedensbundes sollte also f\u00f6derativ und dezentralisiert sein, wobei die Mitglied\u00adstaaten den f\u00f6derativen Instituten nur so viel Souver\u00e4nit\u00e4t und Kompetenzen delegieren sollten, wie notwendig w\u00e4re, um die M\u00f6glichkeit des gegenseitigen Krieges abzuschaffen. Dabei ist zu bemerken, dass Kants Begriffe der F\u00f6deration und der f\u00f6derativen Verfassung streng genommen dem heutigen politikwis\u00adsenschaft\u00adli\u00adchen Begriff der Konf\u00f6deration entsprechen, d.\u00a0h. eines Zusam\u00admen\u00adschlusses selbstst\u00e4ndiger Staaten, die nach au\u00dfen hin gemein\u00adsam auftreten, ihre Souver\u00e4nit\u00e4t aber beibehalten. Im Falle der F\u00f6de\u00adration geht es dagegen um eine begrenzte Selbstst\u00e4ndig\u00adkeit bei den Teileinheiten, die nur eine Autonomie innerhalb des f\u00f6derati\u00adven Staates behalten und keine Souver\u00e4nit\u00e4t haben. Dem kanti\u00adschen Bild des Friedensbundes entspricht heutzutage am meisten die Europ\u00e4ische Union, die mit der Zeit zu einem \u201eMit\u00adtelpunkt der f\u00f6\u00adderativen Vereinigung f\u00fcr andere Staaten\u201c (Kant, 1795, S. 356) werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Allerdings werden die Aussichten f\u00fcr Kants Projekt der prak\u00adtischen Erreichung eines dauerhaften Friedens auf der ganzen Erde, d.\u00a0h. der endg\u00fcltigen L\u00f6sung des Sicherheitsdilemmas, von mehre\u00adren Spezialisten skeptisch betrachtet. Ihre Kritik an Kant l\u00e4sst sich in folgenden Punkten zusammenfassen:<\/p>\n<ol>\n<li>Kants V\u00f6lkerbund stellt eine Konf\u00f6deration dar. Diese hat aber eine ziemlich instabile Struktur. Deswegen ist es kaum m\u00f6glich, in ihrem Rahmen das Sicherheitsdilemma endg\u00fcltig zu l\u00f6sen.<\/li>\n<li>Kants Friedensplan setzt eine allgemeine Benevolenz voraus. Wenn aber \u201eeine konsequente Malevolenz auftritt, verf\u00fcgt ein sol\u00adcher Bund weder \u00fcber den notwendigen gemeinsamen Wil\u00adlen noch \u00fcber die milit\u00e4rischen Mittel\u201c (Seidelmann, 1998, S.\u00a0173\u2014174).<\/li>\n<li>Das Sicherheitsdilemma kann durch Kants Friedensplan nicht gel\u00f6st werden, weil es einen Widerspruch zwischen der For\u00adderung nach f\u00f6derativer Verfassung des Friedensbundes und dem Souver\u00e4nit\u00e4tsprinzip gibt (Seidelmann, 1998, S. 167\u2014168). Der Friedensbund, die Verregelung und Verrechtlichung der interna\u00adtio\u00adnalen Beziehungen, die republikanische Verfassung \u2014 all das be\u00adgrenzt die milit\u00e4rische Drohung, ohne jedoch das Sicherheitsdi\u00adlem\u00adma im Sinne eines dauerhaften und wirksamen \u201eewigen\u201c Friedens zu l\u00f6sen. Letzterer wird erst dann erreicht, wenn der Na\u00adtionalstaat seine sicherheitspolitische Souver\u00e4nit\u00e4t einer \u00fcber\u00adgeordneten sup\u00adra- bzw. superstaatlichen Instanz vollst\u00e4ndig \u00fcber\u00adgibt (Seidelmann, 1998, S. 168).<\/li>\n<\/ol>\n<p>Auch wenn die Kritik an Kants Ansatz zur L\u00f6sung des Sicher\u00adheitsdilemmas berechtigt ist, bedeutet das noch nicht, dass seine Idee des dauerhaften Friedens als Ganzes falsch sein sollte. Kants Projekt des ewigen Friedens k\u00f6nnte f\u00fcr die moderne Theorie und Praxis der Friedensstiftung in dem Fall einen Sinn haben, wenn man es im Sinne \u201eeiner gradualistischen Strategie\u201c als den ersten \u201eSchritt auf dem Weg zur supranationalen Ordnung\u201c versteht (Sei\u00addelmann 1998, S.\u00a0177\u2014178). In dieser Hinsicht gewinnen Al\u00adlian\u00adzen, Regime, multilaterale Organisationen nicht nur eine be\u00addingt si\u00adcherheitspolitische Bedeutung, sondern auch eine friedens\u00adpo\u00adli\u00adtisch-erzieherische Funktion (Seidelmann, 1998, S.\u00a0177\u2014178). Ob\u00adwohl Kants Friedensprojekt das Sicherheitsdi\u00adlemma nicht l\u00f6st, schafft es jedoch die wichtigsten theoretischen Voraussetzungen f\u00fcr seine L\u00f6sung.<\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p><strong>The bibliography<\/strong><\/p>\n<p><i>Alekseeva \u0422.\u00a0\u0410., 1993:<\/i> Dilemmy bezopasnosti: amerikan\u00adskij variant, <i>in:<\/i> Polis. Nr. 6.<\/p>\n<p><i>Booth K.; Wheeler N., 2008:<\/i> The Security Dilemma: Fear, Coo\u00adpera\u00adtion and Trust in World Politics. N.\u00a0Y. P. 1\u201418.<\/p>\n<p><i>Cygankov P.<\/i><i>\u00a0<\/i><i>\u0410<\/i><i>., 2003:<\/i> Teorija me\u017edunarodnych otno\u0161enij. \u041c.<\/p>\n<p><i>Herz J. H., 1950:<\/i> Idealist Internationalism and the Security Di\u00adlem\u00adma. World Politics. Vol. 2. No. 2. Cambridge. P. 171\u2014201.<\/p>\n<p><i>Herz J. H., 1951:<\/i> Political realism and political idealism. Chi\u00adcago.<\/p>\n<p><i>Izgarskaja \u0410.<\/i><i>\u00a0<\/i><i>\u0410., 2008:<\/i> Faktory umirotvorenija \u010delove\u010destva v sovre\u00admennoj liberal\u2019noj paradigme \u00abdemokrati\u010deskogo mira\u00bb: kriti\u010deskij analiz, <i>in:<\/i> Vestnik NGU. Serija: Filosofija. 2008. Nr. 1. S. 54\u201458.<\/p>\n<p><i>Jaberg S., 2002:<\/i> Kants Friedensschrift und die Idee kollektiver Sicher\u00adheit. Eine Rechtfertigungsgrundlage f\u00fcr den Kosovo-Krieg der NATO? Hamburg.<\/p>\n<p><i>\u041a<\/i><i>ant I., 1795:<\/i> Zum ewigen Frieden<i>, in:<\/i> Kant I. Gesammelte Schriften (Akade\u00admie-Ausgabe). Bd. VIII.<i><\/i><\/p>\n<p><i>Karanti L., 2012:<\/i> \u00abVe\u010dnyj\u00bb mir i mir \u00abliberal\u2019nyj\u00bb: tri punkta neponi\u00admanija. Tezisy doklada na Me\u017edunarodnom issle\u00addovatel\u2019skom semina\u00adre: \u00abKantovskij projekt ve\u010dnogo mira v kontekste sovremennoj po\u00adlitiki\u00bb. URL: issuu.com\/kant-online\/docs\/caranti_-_perpetual_peace_and_liberal _peace (Zugriff am 23.05.2012).<\/p>\n<p><i>Kulagin V.<\/i><i>\u00a0<\/i><i>\u041c., 2000:<\/i> Mir v XXI veke: mnogopoljusnyj balans sil ili global\u2019nyj Pax democratica (Gipoteza \u201cdemokrati\u010deskogo mira\u201d v kon\u00adtek\u00adste al\u2019ternativ mirovogo razvitija), <i>in:<\/i> Polis. Nr. 1. S. 23\u201438.<\/p>\n<p><i>Lancov S.<\/i><i>\u00a0<\/i><i>\u0410., Usmonov F.<\/i><i>\u00a0<\/i><i>I., 2008: <\/i>Problemy be\u00adzopasnosti v teorii me\u017edunarodnych otno\u0161enij: sravnitel\u2019nyj analiz osnov\u00adnych napravlenij, <i>in:<\/i> Politeks. Tom 4. Nr. 2. S. 151\u2014164. URL: www.politex.info\/content\/ view\/437\/30\/ (Zugriff am 10.06.2012).<\/p>\n<p><i>Morgentau G., 1997:<\/i> Me\u017edunarodnaja politika, <i>in:<\/i> Antologija miro\u00advoj politi\u010deskoj mysli. V 5 t. \u0422. 2. \u041c. S. 500\u2014506.<\/p>\n<p><i>Morgenthau H., 1946:<\/i> Scientific Man vs. Power Politics. Chi\u00adcago.<\/p>\n<p><i>Russett B.; Starr H., 2008:<\/i> World Politics: Menu for Choice. San Fran\u00adcisco.<\/p>\n<p><i>Salikov \u0410.\u00a0N., 2012: <\/i>Interpretacija idej traktata \u00ab\u041a ve\u010dnomu miru\u00bb<br \/>\nI. Kan\u00adta v sovremennoj liberal\u2019noj teorii demokrati\u010deskogo mira, <i>in:<\/i> Kantovskij sbornik. Nr. 4 (42). S. 57\u201467.<\/p>\n<p><i>Seidelmann R., 1998:<\/i> Kants \u201cEwiger Friede\u201d und die Neuordnung des Europ\u00e4ischen Sicherheitssystems<i>, in:<\/i> Republik und Weltb\u00fcrgerrecht: Kan\u00adtische Anregungen zur Theorie politischer Ordnung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. Hrsg. K. Dicke, K.-M. Kodalle. K\u00f6ln. S. 133\u2014180.<\/p>\n<p><i>Timofeev I.\u00a0N., 2008: <\/i>Balans sil, vzaimozavisimost\u2019 i iden\u00adti\u010dnost\u2019: konkurencija empiri\u010deskich modelej re\u0161enija dilemmy bezopas\u00adnosti. \u2014 Vest\u00adnik MGIMO. 2008. Nr. 3. URL: www.vestnik.mgimo.ru\/fileserver\/ 03\/vestnik_03-04.pdf (Zugriff am 02.07.2012).<\/p>\n<p><i>Timofeev I.<\/i><i>\u00a0<\/i><i>N., 2009:<\/i> Dilemma bezopasnosti: risk vooru\u017eennogo kon\u00adflikta me\u017edu velikimi der\u017eavami, <i>in:<\/i> Polis. 2009. Nr. 4. S. 8\u201434. URL: www. mgimo. ru\/files\/126384\/126384.pdf (Zugriff am 16.05.2012).<\/p>\n<p><i>Waltz K., 2008:<\/i> Theory of International Politics. N.\u00a0Y.<\/p>\n<hr \/>\n<p>A. Salikov. Kants Friedensprojekt und die Ans\u00e4tze zur L\u00f6sung des Sicherheitsdilemmas in der modernen Theorie der internationalen Beziehungen \/\/\u00a0Kant\u2019s Project of Perpetual Peace in the Context \u00a0of Con\u00adtemporary Politics : proceedings of international se\u00admi\u00adnar \/ ed. by A. Zilber, A. Salikov. \u2014 Kaliningrad\u00a0: IKBFU Press, 2013.<\/p>\n<p>Die Abhandlung ist mit Unterst\u00fctzung von der Russischen Stiftung f\u00fcr Geistes- und Sozialwissenschaften vorbereitet (Projekt Nr. 12-03-0321). S. 137-147<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>About the author<\/strong><\/p>\n<p><i>Dr Alexei Salikov<\/i>, deputy director of Kant Institute, Immanuel Kant Baltic Federal University, e-mail: salikov123@mail.ru<\/p>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Sicherheitsdilemma ist ein viel diskutiertes Problem in der modernen Theorie der internationalen Beziehungen (ferner \u2014 IB-Theorie). Auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen bedeu\u00adtet das Sicherheitsdilemma eine unvermeidliche Notwendigkeit, ein Beziehungsmodell hinsichtlich eines anderen Staates zu w\u00e4hlen: auf der Basis der Kooperation, des Wettbewerbes oder der Konfrontation. Dabei ist diese Wahl unter Umst\u00e4nden des Mangels [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":557,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/556"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=556"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/556\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":559,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/556\/revisions\/559"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/557"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=556"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=556"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=556"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}