{"id":535,"date":"2014-07-28T13:12:28","date_gmt":"2014-07-28T13:12:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/?p=535"},"modified":"2014-07-28T13:12:28","modified_gmt":"2014-07-28T13:12:28","slug":"andree-hahmann-rationalit%d3%93tsbegrundung-und-eigennutz-was-bleibt-von-der-kantischen-vernunft-im-konstruktivismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/andree-hahmann-rationalit%d3%93tsbegrundung-und-eigennutz-was-bleibt-von-der-kantischen-vernunft-im-konstruktivismus\/","title":{"rendered":"Andree Hahmann. Rationalit\u04d3tsbegr\u00fcndung und Eigennutz \u2014 was bleibt von der kantischen Vernunft im Konstruktivismus?"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_536\" style=\"width: 216px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/21e92e6e91d3a47464fa930928d84225.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-536\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-536\" alt=\"Andree Hahmann\" src=\"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/21e92e6e91d3a47464fa930928d84225.jpg\" width=\"206\" height=\"275\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-536\" class=\"wp-caption-text\">Andree Hahmann<\/p><\/div>\n<p>Zu den dringendsten Aufgaben der praktischen Philosophie geh\u00f6rt die Begr\u00fcndung normativer S\u00e4tze. Jahrhundertelang fanden moralische S\u00e4tze ihre Rechtfertigung in der Vernunft. Die Vernunft galt als das erhabenste menschliche Verm\u00f6gen, dessen ausgewiesener Bereich den des Moralischen umfasst. Aber was ist, wenn die Vernunft selbst in Frage steht? Wenn sie in den Dienst des N\u00fctzlichen gestellt ist?<\/p>\n<p>Mit dem Ende der gro\u00dfen Vernunftsysteme Mitte des 19. Jahrhunderts geht auch die Epoche der klassischen Vernunft zu Ende. Unter dem Eindruck der verheerenden Erfahrungen in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts wird die Vernunft selbst schlie\u00dflich zu einer Idee des B\u00fcrgertums, eine Idee, die kaum noch haltbar erscheint [6, S. 41]. Noch bis in die Neuzeit galt die Vernunft als Ursprung aller Gesellschaft und jeder Ordnung. Die Vernunft sollte die Verfassungen des Staates und die Rechte der B\u00fcrger begr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Doch steht auch jetzt nicht die Vernunft schlechthin in Frage. Schon John Locke stellt f\u00fcr den Vernunftbegriff zumindest drei unterschiedliche Bedeutungen heraus, denn \u201ebisweilen bezeichnet sie [die Vernunft: A.H.] richtige und klare Prinzipien, dann wieder klare und einwandfreie Herleitungen aus diesen Prinzipien und endlich manchmal die Ursache, insbesondere die Endursache\u201c [9, S. 363]. Den verschiedenen Bedeutungen rechnet Locke entsprechende T\u00e4tigkeiten der Vernunft zu. Und Max Horkheimer streicht heraus, dass mit Ausnahme der Endursache alle diese Funktionen auch heute noch als rational erachtet werden[6, S. 43f.]. Die Finalursachen indessen werden aus der Vernunft verbannt, und diese wird auf ihre instrumentelle Bedeutung reduziert. \u201eSie ist ein Instrument, hat den Vorteil im Auge, K\u00e4lte und N\u00fcchternheit als Tugenden\u201c[6, S. 44].<\/p>\n<p>Wie l\u00e4sst sich eine so gefasste Vernunft zur Moral- und Rechtsbegr\u00fcndung dienbar machen? Welche allgemeinen Grunds\u00e4tze lassen sich mit ihrer Hilfe begr\u00fcnden? Der Versuch, den instrumentellen Gebrauch der Vernunft, dessen sich das Streben nach seinem eigenen Vorteil bedient, mit moralischen Grunds\u00e4tzen insbesondere Grunds\u00e4tzen der Gerechtigkeit zusammenzuf\u00fchren, geht bis in die fr\u00fche Neuzeit zur\u00fcck, und zwar vor allem auf die Autoren, die es sich auf die Fahnen geschrieben haben, die Finalurs\u00e4chlichkeit aus ihren Systemen zu verbannen<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/%D0%93%D0%BB%D0%B5%D0%B1\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/AUHKXAKD\/Hahmann%20Andree%20%20KK2009.docx#_ftn1\"><sup><sup>[1]<\/sup><\/sup><\/a>. In diesem Sinn ist auch im 20. Jahrhundert ein weiterer noch immer sehr einflussreicher Versuch unternommen worden. In seinem epochemachenden Werk <i>Eine Theorie der Gerechtigkeit<\/i> sucht John Rawls, rationale Grunds\u00e4tze der Gerechtigkeit aus einem eigenn\u00fctzigen Streben heraus zu begr\u00fcnden. Aber auch wenn sich die rawlssche Theorie mit der Verwendung wirtschaftswissenschaftlicher Modelle modern gibt, sieht Rawls sich selbst in der Tradition des neuzeitlichen politischen Denkens, ganz besonders sieht er sich aber der kantischen Philosophie verpflichtet.<\/p>\n<p>Daher will diese Untersuchung der rawlsschen Einsch\u00e4tzung folgen und sie zum Anlass nehmen, die urspr\u00fcnglich von ihm vorgelegte Konzeption sowie das von ihm und seinen Kritikern entwickelte Modell des \u201ekantischen Konstruktivismus\u201c an ihren eigenen Anspr\u00fcchen zu messen und mit der kantischen Theorie zu konfrontieren, um sie auf diese Weise auf ihre Tragf\u00e4higkeit hin zu \u00fcberpr\u00fcfen. In der Konfrontation mit der kantischen Moralphilosophie wird ein grunds\u00e4tzliches Problem des Konstruktivismus deutlich: Der genuine Wert einer moralischen Handlung kann durch den konstruktivistischen Ansatz, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, nur mit minimalen metaphysischen Voraussetzungen zu arbeiten, nicht eingeholt werden.<\/p>\n<p>Zu Beginn der Untersuchung werden die durch die rawlssche Theorie gegebenen argumentativen Voraussetzungen der aktuellen Debatte aufgezeigt, bevor einige der Einw\u00e4nde angef\u00fchrt werden, die gegen die f\u00fcr die vorliegende Untersuchung relevanten Punkte der rawlsschen Position erhoben werden. Im Anschluss daran werden die Modifikationen, die Rawls selbst daraufhin an seiner Theorie vorgenommen hat, sowie drei exemplarische Positionen vorgestellt, die an Rawls ankn\u00fcpfen. Schlie\u00dflich werden die Schw\u00e4chen der dargestellten Positionen anhand der kantischen Konzeption herausgestrichen und es sollen einige grunds\u00e4tzliche Bedenken \u00fcber die Rechtfertigbarkeit moralischer Grunds\u00e4tze durch konstruktivistische Verfahren diskutiert werden.<\/p>\n<p align=\"center\"><b><i>1. John Rawl<\/i><\/b><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p>Unbestritten muss <i>Eine Theorie der Gerechtigkeit<\/i> von John Rawls zu den gro\u00dfen Werken der praktischen Philosophie im 20. Jahrhundert gez\u00e4hlt werden. Die Erwartungen, die an die von Rawls verwendeten und f\u00fcr die moralphilosophische Diskussion wieder entdeckten vertragstheoretischen Ans\u00e4tze herangetragen, sowie die Hoffnungen, die an das Verfahren gekn\u00fcpft wurden, waren immens. Es galt vor allem, sich aus der die bis zu diesem Zeitpunkt die philosophische Diskussion dominierenden Umklammerung utilitaristischer Ans\u00e4tze zu befreien und die philosophischen Klassiker, und zwar hier vor allem die neuzeitlichen Vertrags- und Naturrechtstheorien, in einer abstrakten und f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Diskussion fruchtbar gemachten Form zu revitalisieren [4, S. 752]. Dabei kann das rawlssche Verfahren insofern als konstruktiv erachtet werden, als eine konstruktive Methode angeboten wird, L\u00f6sungen f\u00fcr moralphilosophische Probleme zu liefern [10, S. 44]. Entscheidend f\u00fcr den fiktiven Vertragsabschluss und damit den Verlauf des konstruktiv sich entfaltenden Prozesses, als dessen Ergebnis die obersten Grunds\u00e4tze der Gerechtigkeit formuliert werden, sind die sich in einem ideal konzeptionierten Urzustand manifestierenden Ausgangsbedingungen bzw. Voraussetzungen des Entscheidungsprozesses. Die Urzustandskonzeption stellt hierbei eine sozial- und politikethische Variante des moralischen Standpunktes dar, [8, S. 120] d.h., um moralische Entscheidungen zu treffen, wird ein idealer Standpunkt formuliert, der sich durch scheinbar wenig problematische Annahmen auszeichnen soll. Auf diesem Weg soll eine Entscheidungshilfe f\u00fcr strittige F\u00e4lle modelliert werden [2, S. 416]. Das erhoffte Ergebnis aus dieser Konzeption w\u00e4re, dass die Wahl der ersten Gerechtigkeitsprinzipien einzig aufgrund einer rationalen Kosten-Nutzen Analyse erfolgt. Auf diese Weise pr\u00e4sentieren sich die ersten Grunds\u00e4tze der Gerechtigkeit als das Ergebnis einer rationalen Interessenverfolgung und somit zugleich als das Ergebnis eines ausschlie\u00dflich instrumentellen Vernunftgebrauchs [8, S. 122].<\/p>\n<p align=\"center\"><b><i>2. Kantischer Konstruktivismus<\/i><\/b><\/p>\n<p>Dem von Rawls entworfenen Szenario wurde eine ganze Reihe an Vorw\u00fcrfen entgegengebracht, die hier nicht weiter diskutiert werden k\u00f6nnen [4, S. 752\u2014770; 8; 11, S. 206\u2014218]. Stattdessen interessieren uns vor allem die Einw\u00e4nde, die sich gegen den Versuch richten, den rawlsschen Ansatz auch auf moralische Grunds\u00e4tze auszudehnen. Da Rawls in seinem ersten Buch nur minimale Informationen zul\u00e4sst, kann den Kritikern zufolge die Brauchbarkeit der rawlsschen Theorie hinsichtlich der Bestimmung und Anwendung moralischer Grunds\u00e4tze grunds\u00e4tzlich bezweifelt werden, besonders da die Probleme in der Anwendung der Grunds\u00e4tze auf spezifische Situationen bestehen. Aus diesem Grund wird die Frage aufgeworfen, ob die von Rawls in die Diskussion gebrachte vertragstheoretische Form \u00fcberhaupt dazu geeignet ist, moralische Urteile bzw. Grunds\u00e4tze zu bestimmen. Ein Hauptproblem, das dagegen spricht, urspr\u00fcngliche Theorie auf weiter gefasste moralische Grunds\u00e4tze auszudehnen, ist darin gesehen worden, dass die Mitglieder des Urzustandes ex suppositione aneinander uninteressiert sind [4, S. 764]. Rawls versucht dem in sp\u00e4teren Texten Abhilfe zu verschaffen, indem er seine Position revidiert und zus\u00e4tzliche Elemente der kantischen Philosophie integriert. Seiner Meinung nach ist die kantische Form des Konstruktivismus wesentlich durch einen bestimmten Begriff der Person als Element eines vern\u00fcnftigen Konstruktionsverfahrens ausgezeichnet. Der Grundgedanke des kantischen Konstruktivismus besteht Rawls zufolge darin, zwischen den obersten Gerechtigkeitsgrunds\u00e4tzen und dem Begriff der moralischen Person als freier und gleicher eine Verbindung herzustellen. Diese Verbindung soll durch ein Konstruktionsverfahren besorgt werden, in dem rationale, autonome Akteure unter vern\u00fcnftigen Bedingungen \u00f6ffentlichen Gerechtigkeitsgrunds\u00e4tzen zustimmen [13, S. 133].<\/p>\n<p>Aber auch die Neuerungen, die Rawls in seiner Theorie verankert hat, k\u00f6nnen nach Ansicht seiner Kritiker ihre wesentlichen Defizite nicht beheben. Hinzu kommt, dass die \u2014 wie diese Untersuchung zeigen soll auch zurecht \u2014 von Rawls zunehmend angenommene Zur\u00fcckhaltung hinsichtlich einer moralphilosophischen Erweiterung seiner Theorie die Hoffnungen, die von einigen auf ihn gesetzt wurden, mehr und mehr entt\u00e4uscht hat<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/%D0%93%D0%BB%D0%B5%D0%B1\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/AUHKXAKD\/Hahmann%20Andree%20%20KK2009.docx#_ftn2\">[2]<\/a>.<\/p>\n<p>Die von seinen Kritikern herauskristallisierten Schwachpunkte der rechtfertigungstheoretischen Voraussetzungen sowie die durch die rawlssche Theorie abgedeckten und verfolgten Ziele bilden jedoch den Ausgangspunkt f\u00fcr die nachfolgende Diskussion. Im Anschluss und als Reaktion auf die an Rawls ge\u00fcbte Kritik gewinnt insbesondere ein gezieltes Zur\u00fcckgehen zur kantischen Theorie in der aktuell gef\u00fchrten Debatte in der Moralphilosophie an Relevanz<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/%D0%93%D0%BB%D0%B5%D0%B1\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/AUHKXAKD\/Hahmann%20Andree%20%20KK2009.docx#_ftn3\">[3]<\/a>. Neben Rawls selbst versuchen z. B. Onora O\u2019Neill und Thomas E. Hill im englischsprachigen Raum und Rainer Forst in Deutschland mit ihren Ans\u00e4tzen zu zeigen, dass von der Verwendung kantischer Theorieelemente neue L\u00f6sungen f\u00fcr systematische Probleme in der praktischen Philosophie zu erwarten sind.<\/p>\n<p>Thomas E. Hill kn\u00fcpft mit seinem Ansatz direkt an die rawlsschen \u00dcberlegungen an. Doch ist Hill der Ansicht, dass die rawlssche Frage nach gerechten Institutionen \u2014 genauso wie andere Voraussetzungen der rawlsschen Theorie \u2014 vernachl\u00e4ssigt bzw. modifiziert und durch moralische Probleme jenseits von Gerechtigkeitsfragen ersetzt werden k\u00f6nnen. Hill will die rawlssche Strategie in dessen kantischer Form als grunds\u00e4tzlich moralische Theorie nutzbar machen, wobei er vor allem in dem Versuch, eine Rechtfertigungsstrategie ausgehend von idealisierten Akteuren zu entwerfen, Entwicklungspotenzial sieht. Das macht seiner Meinung nach Hoffnung auf moralische Objektivit\u00e4t, ohne starke metaphysische Voraussetzungen, so wie diese von moralischen Realisten herangezogen werden [4, S. 757]. Einen Ansatzpunkt zum Ausbau der rawlsschen Theorie sieht Hill in der kantischen Vorstellung eines Reichs der Zwecke [4, S. 766]. Bei Kant haben die Gesetzgeber Hill zufolge Interessen, die \u00fcber die prim\u00e4ren G\u00fcter hinausgehen, da sie die rationale Natur des Menschen als einen Wert an sich betrachten. Daher sind sie sich gegenseitig nicht gleichg\u00fcltig, sondern darum bem\u00fcht, das Wohl der anderen zu f\u00f6rdern. In der kantischen Vorstellung eines Reichs der Zwecke entdeckt Hill ein heuristisches Modell f\u00fcr eine angemessene moralische Haltung, die angesichts einer Entscheidung ausgehend von grunds\u00e4tzlichen moralischen Prinzipien zu angemessenen spezifischen Prinzipien angenommen werden muss. Ausgehend von dem an Kant orientierten Modell lassen sich nach Hill zahlreiche wertvolle moralische Grunds\u00e4tze etablieren, so beinhaltet der von Kant propagierte Begriff der Rationalit\u00e4t zwar eine Mittelwahlrationalit\u00e4t, dar\u00fcber hinaus aber auch die Disposition einander als rationale Subjekte zu achten, zu erhalten und zu respektieren. Die Akteure im Reich der Zwecke betrachten ihre rationale Natur als einen Zweck an sich [4, S. 767].<\/p>\n<p>O\u2019Neill richtet sich in ihrer Kritik an Rawls vor allem gegen Idealisierungen, wie sie z. B. mit dem Konzept einer moralischen Person verbunden sind oder wie sie in den idealisierten Anspr\u00fcchen an die Individuen im Urzustand gesehen werden k\u00f6nnen. Dagegen betont sie den Unterschied zwischen solchen idealen und tats\u00e4chlich abstrakten Voraussetzungen bzw. Grunds\u00e4tzen. Ferner weist sie das von Rawls vertretene Konzept der Rationalit\u00e4t sowie die behauptete gegenseitige Unabh\u00e4ngigkeit der Subjekte im Urzustand zur\u00fcck. Stattdessen fordert sie eine konstruktivistische Theorie, die unabh\u00e4ngig von transzendenten moralischen Anspr\u00fcchen bestehen kann und mittels einer Abstraktion von den bestimmten W\u00fcnschen und Bed\u00fcrfnissen der Akteure faktisch minimale Bedingungen als Ausgangssituation formuliert. Daraus folgt ihrer Meinung nach, dass die Ergebnisse einer hypothetischen Wahl der Individuen unbestimmt bleiben und das Verfahren der Konstruktion sich daher auf modale Fragen zur\u00fcckziehen muss. Entscheidend sind f\u00fcr sie vor allem zwei Merkmale, n\u00e4mlich einerseits Universalit\u00e4t und andererseits Reziprozit\u00e4t der Grunds\u00e4tze<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/%D0%93%D0%BB%D0%B5%D0%B1\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/AUHKXAKD\/Hahmann%20Andree%20%20KK2009.docx#_ftn4\">[4]<\/a>, sodass diejenigen Grunds\u00e4tze zur\u00fcckzuweisen sind, die nicht von allen angenommen und befolgt werden k\u00f6nnen [12, S. 355 ff]<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/%D0%93%D0%BB%D0%B5%D0%B1\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/AUHKXAKD\/Hahmann%20Andree%20%20KK2009.docx#_ftn5\">[5]<\/a>.<\/p>\n<p>Genauso wie O\u2019Neill hebt Rainer Forst auf Universalit\u00e4t und Reziprozit\u00e4t als Kriterien einer rationalen Rechtfertigung ab. Doch im Gegensatz zu O\u2019Neill sucht Forst seine Theorie durch weitere Elemente der kantischen Theorie \u2014 insbesondere die kantische Lehre vom Faktum der Vernunft \u2014 zu flankieren. Forst streicht in diesem Zusammenhang die Bedeutung der praktischen Vernunft heraus. Unter praktischer Vernunft will er \u201edas grundlegende Verm\u00f6gen verstehen, praktische Fragen auf die jeweils den praktischen Kontexten, in denen sie entstehen und zu verorten sind, auf angemessene Weise mit rechtfertigenden Gr\u00fcnden zu beantworten\u201c [3, S. 31]. Die Verbindung zwischen Vernunft und Moral sieht Forst darin, dass rechtfertigende Gr\u00fcnde prinzipiell jeder vern\u00fcnftigen Person zug\u00e4nglich und grunds\u00e4tzlich annehmbar sein m\u00fcssen. Entsprechend wird die moralische Gemeinschaft als Rechtfertigungsgemeinschaft gedeutet und der Geltungsanspruch einer moralischen Norm besagt demzufolge, dass niemand <i>sogenannte<\/i> gute Gr\u00fcnde hat, gegen diese Norm zu versto\u00dfen. Entscheidend f\u00fcr diese diskurstheoretische Variante des Konstruktivismus ist, dass die Rechtfertigung als ein diskursiver Prozess verstanden wird, der sich auf die Respektierung gerechtfertigter Anspr\u00fcche verletzbarer Wesen beruft und ihre Anspr\u00fcche direkt in die moralische Rechtfertigung einflie\u00dfen l\u00e4sst [3, S. 35]. Diesen verletzbaren Personen sind wir als Menschen Rechtfertigungen schuldig. Darin dr\u00fcckt sich Forst zufolge die Achtung der moralischen Personen als Zwecke an sich selbst aus [3, S. 75 ff]. Als wichtige Voraussetzung seines Konstruktivismus streicht Forst die Autonomie der Moral selbst heraus, d.\u00a0h. auch, dass es keine objektive Wertordnung gibt, die dem Rechtfertigungsverfahren vorausgesetzt w\u00e4re [3, S. 81]. Auf diese Weise glaubt Forst, sich \u201ekeinen unn\u00f6tigen metaphysischen Ballast aufzuladen\u201c [3, S. 83] und eben damit \u201eKant sozusagen vom transzendentalen Kopf auf die sozialen F\u00fc\u00dfe zu stellen\u201c [3, S. 81].<\/p>\n<p align=\"center\"><b><i>3. Kritik am Konstruktivismus<\/i><\/b><\/p>\n<p>Im Folgenden sollen einige Kritikpunkte umrissen werden, die sich gegen den Versuch richten, den Konstruktivismus auf moralische Grunds\u00e4tze auszudehnen. Dabei richtet sich die Kritik sowohl an die sp\u00e4te rawlssche Theorie als auch an die von seinen Nachfolgern vorgeschlagenen Modifikationen und Revisionen. Im Anschluss werden einige grunds\u00e4tzliche \u00dcberlegungen zu konstruktivistischen Versuchen, Moralische Grunds\u00e4tze diskursiv oder konstruktiv zu rekonstruieren vorgestellt.<\/p>\n<p>1. Indem sich Rawls und Hill von dem urspr\u00fcnglichen Vorhaben entfernen, die rationalen Grunds\u00e4tze allein durch Rekurs auf den instrumentellen Vernunftgebrauch der Akteure zu begr\u00fcnden, setzen sie sich zugleich dem Vorwurf aus, ungerechtfertigte Idealisierungen vorzunehmen und ihren Konzeptionen unbewiesen zugrundezulegen. Im selben Ma\u00df verlieren beide Positionen damit in den Augen ihrer Kritiker an \u00dcberzeugungskraft. Denn sowohl Rawls, der in seinem erneuerten Ansatz, den kantischen Begriff der Person und die damit einhergehende Bestimmung, den Menschen immer nur als Zweck an sich zu betrachten, als auch Hill, der die Orientierung an einem Reich der Zwecke vorschl\u00e4gt, entfernen sich von der urspr\u00fcnglich propagierten reinen Mittelwahlrationalit\u00e4t der Akteure, die ex suppositione nur ihr eigenes Wohlergehen im Blick haben sollen. Denn was soll einen Akteur dazu veranlassen, sich selbst in einem Reich der Zwecke zu sehen bzw. jeden anderen nur, als einen Zweck an sich selbst zu betrachten, der dem eigenn\u00fctzigen Streben nicht unterworfen werden darf, sobald die auf dem teleologischen Aspekt der Vernunft basierende Begr\u00fcndungsleistung der Vernunft in Abrede gestellt wird? Hill selbst spricht das Problem an und sieht darin einen Grund f\u00fcr die rawlssche Zur\u00fcckhaltung, sein Modell zur Generierung moralischer Grunds\u00e4tze anzuwenden. Offensichtlich bleibt die Vorstellung eines Reichs der Zwecke, in dem jeder Akteur nur als Zweck an sich selbst betrachtet werden darf, ohne weitere metaphysische Grundlagen ungerechtfertigt, sodass die Kluft zwischen einem intelligiblen Reich der Vernunft, dem Reich der Zwecke, und einer als solchen ausgezeichneten \u201eRealit\u00e4t\u201c, in der jeder einzelne Akteur nur nach seinem beliebig gesetzten Nutzen strebt, auf diese Weise nicht \u00fcberbr\u00fcckt werden kann, was Hill schlie\u00dflich zu dem Schluss verleitet, Kant sei sich des Problems des moralischen Skeptikers nicht bewusst gewesen [4, S. 770].<\/p>\n<p>2. Die Schwierigkeiten, mit denen Onora O\u2019Neill sich in ihrer Untersuchung konfrontiert sieht und die darin bestehen, das von ihr konzipierte Rechtfertigungsverfahren auf ein konkretes Problem anzuwenden \u2014 insoweit dadurch etabliert werden soll, dass eine m\u00f6gliche Sch\u00e4digung ausgeschlossen sein m\u00fcsse \u2014 demonstrieren eindrucksvoll, dass sie mit mindestens einer nicht ausgewiesenen Pr\u00e4misse arbeitet. Das zeigt sich im Fall der Nichtsch\u00e4digung als Grundsatz der Gerechtigkeit darin, dass sie neben diesem Grundsatz, der den Kriterien der Allgemeinheit und Reziprozit\u00e4t gen\u00fcgen soll, eine zus\u00e4tzliche Annahme zugrunde legen muss, um sich auf eine Hierarchisierung m\u00f6glicher Sch\u00e4digungen festlegen zu k\u00f6nnen. Denn woher nimmt sie die Gewissheit, dass Sch\u00e4digungen an Leib und Leben mehr wiegen als an Besitz und Rang? Nur unter der Voraussetzung, dass das Leben selbst und folglich das Streben nach seiner Erhaltung als basal f\u00fcr die Moralbegr\u00fcndung angenommen werden muss, kann bestimmt werden, welche Sch\u00e4den wirklich unannehmbar und welche in Kauf genommen werden m\u00fcssen. Diese nicht ausgewiesene Voraussetzung aber einmal in Rechnung gestellt, macht sie das Streben nach Selbsterhaltung zur unausgesprochenen Grundlage moralischer und rechtlicher Grunds\u00e4tze und b\u00fcrdet sich damit die seit der Antike bekannten Probleme auf, die Kant mit seinem Ansatz \u00fcberwunden hat.<\/p>\n<p>3. Ein damit verwandtes Problem wirft auch die von Forst vertretene Konzeption auf. Forst selbst hebt hervor, dass, wenn der Grund des Moralischseins instrumentell beantwortet wird, keine autonome Begr\u00fcndung der Moral gelingen kann, die diese mit einer kategorischen Geltung ausstatten w\u00fcrde [3, S. 74\u201475]. Stattdessen bedarf eine selbstst\u00e4ndige Moral seiner Meinung nach auch einer eigenen Triebfeder, d.h., sie muss um ihrer selbst willen befolgt werden. Andernfalls w\u00e4re sie nur instrumentell und untergeordnet, z. B. der oben herausgestellten Selbsterhaltung oder dem Streben nach Gl\u00fcckseligkeit. \u201eDenn wer die Moral aus anderen Motiven als moralisch heraus befolgt, der befolgt sie nicht; er geht lediglich mit ihr konform\u201c [3, S. 78]. Zugleich erhebt Forst den Anspruch, Kant von seinem transzendentalen Kopf auf die sozialen F\u00fc\u00dfe zu stellen, indem er das kantische Reich der Zwecke zu einem Raum der gerechtfertigten Anspr\u00fcche an endliche und damit auch leidensf\u00e4hige menschliche Wesen macht.<\/p>\n<p>Kann Forst unter dieser Voraussetzung die von ihm in Anlehnung an die kantische Position geforderte Autonomie der Moral einl\u00f6sen? Ich denke nicht. Denn auch wenn es f\u00fcr viele verlockend zu sein scheint, sich von den metaphysischen Voraussetzungen der kantischen Moralphilosophie zu verabschieden, um sich auf diese Weise kein Reich der Dinge an sich aufzub\u00fcrden und zugleich dem Rigorismus und der angeblichen H\u00e4rt der kantischen Position zu entkommen, so ist es meiner Meinung nach nicht m\u00f6glich, die von Forst proklamierte Autonomie der Moral einzul\u00f6sen, sobald das Reich der Zwecke zu einem Reich der Gr\u00fcnde gemacht wird, in dem sich diskursiv moralische Grunds\u00e4tze konstruieren lassen sollen. Dass wir uns selbst genauso wie alle anderen vern\u00fcnftigen Wesen immer nur als Zweck und niemals als blo\u00dfes Mittel zu betrachten haben, folgt aus dem Sittengesetz, dessen Bewusstsein uns wiederum als Faktum der praktischen Vernunft a priori gegeben ist. Aufgrund seiner Apriorit\u00e4t steht das Sittengesetz aber \u00fcber jedem sozialen Kontext und ist zugleich fest mit dem transzendentalen Ansatz verwurzelt, der sich wohl nur schwer auf seine \u201esozialen F\u00fc\u00dfe\u201c stellen l\u00e4sst. Denn eine Moral, die ihre Autonomie einem sozialen Kontext verdankt, bleibt diesem Kontext verhaftet, sodass der Kontext selbst, kantisch gesprochen, den materialen Bestimmungsgrund des Begehrungsverm\u00f6gens liefert und auf diese Weise den von Kant behaupteten genuinen Wert der moralischen Handlung vernichtet.<\/p>\n<p>In seiner <i>Kritik der praktischen Vernunft<\/i> streicht Kant denn auch heraus, dass sich der sittliche Wert einer Handlung daraus sch\u00f6pft, \u201eda\u00df das moralische Gesetz unmittelbar den Willen bestimme\u201c [AA, V, S. 71]. Denn wenn die Willensbestimmung nur gem\u00e4\u00df aber nicht aufgrund des moralischen Gesetzes selbst geschieht, \u201eso wird die Handlung zwar Legalit\u00e4t, aber nicht Moralit\u00e4t enthalten\u201c [AA, V, S.\u00a071]. Indem sich Forst genauso wie O\u2019Neill und Hill, von der kantischen Metaphysik verabschieden, bewegen sie sich nur im Rahmen dessen, was Kant unter Legalit\u00e4t begreift. Von Moralit\u00e4t im kantischen Sinn kann \u00fcberhaupt nicht mehr die Rede sein. Kant insistiert darauf, dass der Begriff der Pflicht nicht nur eine objektive \u00dcbereinstimmung mit dem Gesetz fordert, sondern vor allem an die subjektive Maxime einer Handlung adressiert ist, d.h., Achtung f\u00fcr das Gesetz als den alleinigen Bestimmungsgrund des Willens fordert. Der Wert einer moralischen Handlung wird von Kant ausschlie\u00dflich darin gesehen, dass die Handlung aus Pflicht, \u201ed.\u00a0i. blo\u00df um des Gesetzes willen\u201c [AA, V, S. 81], geschehe. Demzufolge sind wir in erster Linie gerade nicht anderen Personen, deren Endlichkeit und Verletzbarkeit von Forst herausgestrichen wird, verpflichtet, sondern nur dem moralischen Gesetz. \u201eEin anderes subjectives Prinzip mu\u00df zur Triebfeder nicht angenommen werden, denn sonst kann zwar die Handlung, wie das Gesetz sie vorschreibt, ausfallen, aber da sie zwar pflichtm\u00e4\u00dfig ist, aber nicht aus Pflicht geschieht, so ist die Gesinnung dazu nicht moralisch, auf die es doch in dieser Gesetzgebung eigentlich ankommt\u201c [AA, V, S. 82]. Auch Kant ist mit Forst und anderen der Ansicht, dass es sehr sch\u00f6n sei, aus Liebe zu den Menschen und Respekt vor ihrer Endlichkeit ihnen Gutes zu tun, \u201eaber das ist noch nicht die \u00e4chte moralische Maxime unsers Verhaltens, die unserm Standpunkte unter vern\u00fcnftigen Wesen als Menschen angemessen ist\u201c [AA, V, S. 82]. Als Menschen sind wir Kant zufolge eben nicht anderen Menschen eine Rechtfertigung schuldig und ihnen als moralischen Personen verpflichtet. \u201ePflicht und Schuldigkeit sind die Benennungen, die wir allein dem moralischen Gesetze geben m\u00fcssen\u201c [AA, V, S. 82].<\/p>\n<p>Was Forst und mit ihm alle \u201ekantisch inspirierten\u201c Konstruktivisten, die sich von der kantischen Metaphysik, und d.\u00a0h. f\u00fcr sie vor allem der transzendental idealistischen Unterscheidung zwischen Dingen an sich und Erscheinungen, verabschieden wollen, mit ihren Konzeptionen \u00fcberhaupt nur erreichen k\u00f6nnen, ist Legalit\u00e4t, nicht aber Moralit\u00e4t im kantischen Sinn. Rawls hat somit gut daran getan, seine Konzeption nicht auf moralphilosophische Fragen auszudehnen.<\/p>\n<p align=\"center\"><b><i>4. Ergebnis<\/i><\/b><\/p>\n<p>Forst genauso wie O\u2019Neill und Hill ist es demnach nicht gelungen, die rawlssche Konzeption auf Grunds\u00e4tze der Moral auszudehnen. Stattdessen zementiert sich in ihren Versuchen das grunds\u00e4tzliche moralphilosophische Scheitern des Konstruktivismus, und zwar nicht deshalb, weil, wie viele Kritiker argw\u00f6hnen, der Konstruktivismus \u00fcberhaupt eine labile Position sei, die sich zwischen Realismus und Relativismus bewege, sondern einzig und allein aus dem Grund, weil die kantische Moralphilosophie ohne Metaphysik \u2014 und hier denke ich vor allem an die oben bereits angef\u00fchrte und f\u00fcr die Transzendentalphilosophie zentrale Unterscheidung in Dinge an sich und Erscheinungen \u2014 nicht zu haben ist.<\/p>\n<p>Hei\u00dft das aber nun, dass das konstruktivistische Projekt insgesamt als gescheitert zu beurteilen ist? Das muss nicht sein. Gescheitert ist meiner Meinung nach lediglich das von einigen Konstruktivisten proklamierte Ziel, Gerechtigkeit und Tugend in einer auf minimale metaphysische Voraussetzungen zur\u00fcckgreifenden Rekonstruktion vern\u00fcnftiger Grunds\u00e4tze zusammenzuf\u00fchren. Vielmehr untermauert ihr Scheitern eindruckvoll gerade diese Trennung.<\/p>\n<p>Was der Konstruktivismus vielleicht wirklich leisten kann, ist die Rechtfertigung von Grunds\u00e4tzen der Gerechtigkeit<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/%D0%93%D0%BB%D0%B5%D0%B1\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/AUHKXAKD\/Hahmann%20Andree%20%20KK2009.docx#_ftn6\">[6]<\/a>. Das von Forst gew\u00e4hlte Verfahren unter R\u00fcckgriff auf das Faktum der Vernunft und der damit einhergehenden St\u00e4rkung der praktischen Vernunft sowie die von ihm vorgenommene Umformulierung des Reichs der Zwecke zu einem Raum von einforderbaren und geschuldeten Gr\u00fcnden kann in diesem Sinne als ein vielversprechender Ansatz gelten. Wichtig ist hier jedoch zu beachten, auch diejenigen Grundannahmen zu explizieren, die in den jeweiligen Ans\u00e4tzen pr\u00e4supponiert werden, wie z. B. das Selbsterhaltungsstreben oder das egoistische Streben nach Eigennutz, das vielleicht auch hinter der von Forst in Anschlag gebrachten ersten Zustimmung zum Faktum der Vernunft steht. Denn mit Hobbes gesprochen, wer \u201eseinen Vertrag bricht und folglich erkl\u00e4rt, da\u00df er meint, er k\u00f6nne es mit gutem Grund tun, kann nicht in einer Gesellschaft aufgenommen werden, die sich um des Friedens und der Verteidigung willen zusammenschlie\u00dft\u201c [5, S. 122] und kann folglich auch wie ein Wolf oder jede andere Bestie erschlagen werden. Das so verstandene Faktum der Vernunft, d.\u00a0h. im Sinne einer Zustimmung darin, in einen vern\u00fcnftigen Diskurs einzutreten, und den Mitgliedern desselben ein Recht auf Rechtfertigung zuzugestehen, muss durchaus als Ausdruck menschlicher Klugheit gelten. Denn dem Amoralisten, der sich durch das Faktum der Vernunft nicht angesprochen f\u00fchlt und sich selbst aus der Gemeinschaft des Rechts ausschlie\u00dft, kann man mit Hobbes entgegnen, \u201eda\u00df er gerechterweise get\u00f6tet werden darf\u201c [5, S. 592]. Unter dieser Perspektive erscheint es daher durchaus als klug, seine prinzipielle Zustimmung zur Gerechtigkeit zu geben, um sich selbst nicht jenseits der menschlichen Gesellschaft zu stellen und die damit einhergehenden Vorteile zur Erhaltung der eigenen Natur sowie zur F\u00f6rderung des eigenen Gl\u00fccks nicht zu verlieren<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/%D0%93%D0%BB%D0%B5%D0%B1\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/AUHKXAKD\/Hahmann%20Andree%20%20KK2009.docx#_ftn7\">[7]<\/a>.<b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p align=\"center\"><b>Literaturverzeichnis<\/b><\/p>\n<p>1.\u00a0<i>Blackburn S.<\/i> Ruling Passions: A Theory of PracticalReasoning.<i> <\/i>Oxford, New York: Oxford University Press, 1998.<\/p>\n<p>2.\u00a0<i>D\u00fcwell M. u.a. (Hg.)<\/i> Handbuch Ethik. Stuttgart: Metzler, 2002.<\/p>\n<p>3.\u00a0<i>Forst R.<\/i> Das Recht auf Rechfertigung, Elemente einer konstruktivistischen Theorie der Gerechtigkeit.<i> <\/i>Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007.<\/p>\n<p>4.\u00a0<i>Hill T. E. Jr.<\/i> Kantian Constructivism in Ethics \/\/ in Ethics 99 (1989), 752.<\/p>\n<p>5.\u00a0<i>Hobbes T.<\/i> Leviathan. Hamburg: Meiner, 1996.<\/p>\n<p>6.\u00a0<i>Horkheimer M.<\/i> Vernunft und Selbsterhaltung \/\/ Ebeling H. (Hrsg.) Subjektivit\u00e4t und Selbsterhaltung. Beitr\u00e4ge zur Diagnose der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1976. S. 41\u201475.<\/p>\n<p>7.\u00a0<i>Kant I. <\/i>Gesammelte Schriften, hrsg. von der Preu\u00dfischen Akademie der Wissenschaften \/ von der Deutschen \/ G\u00f6ttinger Akademie der Wissenschaften, Berlin-Leipzig, G. Reimer 1900 f. Berlin, De Gruyter 1967 f.<\/p>\n<p>8.\u00a0<i>Kerstin, W. <\/i>John Rawls zur Einf\u00fchrung. Hamburg: Junius, 2001.<\/p>\n<p>9.\u00a0<i>Locke J.<\/i> Versuch \u00fcber den menschlichen Verstand. Bd. II (Buch III und IV). Hamburg: Meiner, 1988.<\/p>\n<p>10.\u00a0<i>O\u2019Neill O. <\/i>Constructions of Reason, Cambridge: Cambridge University Press, 1989.<\/p>\n<p>11.\u00a0<i>O\u2019Neill O.<\/i> Towards Justice and Virtue \u2014 A constructive account of practical reasoning. Cambridge: Cambridge University Press, 2002.<\/p>\n<p>12.\u00a0<i>O\u2019Neill<\/i> <i>O. <\/i>Constructivism in Rawls and Kant \/\/ Freeman, S. R. (Hg.) The Cambridge Companion to Rawls. Cambridge: Cambridge University Press, 2003. \u0420. 347\u2014367.<\/p>\n<p>13.\u00a0<i>Rawls J.<\/i> Kantischer Konstruktivismus in der Moraltheorie \/\/ Hinsch\u00a0W. (Hg.) Die Idee des politischen Liberalismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1992. S. 80\u2014158.<\/p>\n<p align=\"left\"><b><i>Die erste Ver\u00f6ffentlichung des Aufsatzes:<\/i><\/b><\/p>\n<p>Hahmann, Andree. Rationalit\u04d3tsbegr\u00fcndung und Eigennutz \u2014 was bleibt von der kantischen Vernunft im Konstruktivismus?\/\/ 10. Internationale Kant Konferenz. Klassische Vernunft und die Herausforderungen der modernen Zivilisation: Materialien der internationalen Konferenz: in 2 Bd. Hrsg. W.N. Brjuschinkin. \u2013 Kaliningrad: Verlag der Immanuel Kant Universit\u00e4t Kaliningrad, 2010. Band. 1, S. 415 \u2013 428.<\/p>\n<div><br clear=\"all\" \/><\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/%D0%93%D0%BB%D0%B5%D0%B1\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/AUHKXAKD\/Hahmann%20Andree%20%20KK2009.docx#_ftnref1\">[1]<\/a> Ich denke hier vor allem an Spinoza und Hobbes.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/%D0%93%D0%BB%D0%B5%D0%B1\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/AUHKXAKD\/Hahmann%20Andree%20%20KK2009.docx#_ftnref2\">[2]<\/a> Rawls hat niemals den Anspruch erhoben, moralische Probleme l\u00f6sen zu k\u00f6nnen, indem diese in einer idealisierten Wahlsituation behandelt werden, noch, dass die beiden Grunds\u00e4tze der Gerechtigkeit dazu genutzt werden k\u00f6nnen, individuelle Handlungen in spezifischen Situationen anleiten zu k\u00f6nnen. Stattdessen strebt Rawls einen Kern politischer Prinzipien an, die von verschiedenen moralischen Ausgangspunkten aus erstrebenswert und vern\u00fcnftig erscheinen und daher auf \u00f6ffentliche Zustimmung hoffen d\u00fcrfen. Andererseits werden Erweiterungen der urspr\u00fcnglichen Theorie von Rawls nicht grunds\u00e4tzlich ausgeschlossen. Vgl. hierzu Hill [4, S. 754ff.].<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/%D0%93%D0%BB%D0%B5%D0%B1\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/AUHKXAKD\/Hahmann%20Andree%20%20KK2009.docx#_ftnref3\">[3]<\/a> Aber auch die Humesche Theorie wird von den konstruktivistischen Ans\u00e4tzen nicht unber\u00fccksichtigt gelassen. So ziehen die meisten der heutigen konstruktivistischen Moraltheorien, die sich nicht auf Konsens oder Zustimmung der betreffenden Akteure berufen, eine Gef\u00fchlsgrundlage heran, und zwar ausdr\u00fccklich im Namen Humes. Die Angemessenheit einer solchen Grundlage wird von Hume selbst hingegen in seiner Rechtsphilosophie bestritten und widerlegt. Vgl. Blackburn [1].<i> <\/i><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/%D0%93%D0%BB%D0%B5%D0%B1\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/AUHKXAKD\/Hahmann%20Andree%20%20KK2009.docx#_ftnref4\">[4]<\/a> Beide Aspekte werden auch von Rainer Forst in seinem konstruktivistischen Ansatz betont.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/%D0%93%D0%BB%D0%B5%D0%B1\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/AUHKXAKD\/Hahmann%20Andree%20%20KK2009.docx#_ftnref5\">[5]<\/a> Sowie [10, S. 45]. Konstruktivisten sind anders als Naturalisten und Intuitionisten nicht der Meinung, dass moralische Wahrheiten oder Tatsachen unabh\u00e4ngig von den Urteilen, die \u00fcber sie gef\u00e4llt werden, existieren. [2, S. 13f].<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/%D0%93%D0%BB%D0%B5%D0%B1\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/AUHKXAKD\/Hahmann%20Andree%20%20KK2009.docx#_ftnref6\">[6]<\/a> Hier sei z. B. an die von Reich und Ebbinghaus vertretene \u201eUnabh\u00e4ngigkeitsthese\u201c erinnert, der zufolge die kantische Rechtsphilosophie auch unabh\u00e4ngig vom transzendentalen Idealismus Bestand haben kann.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/%D0%93%D0%BB%D0%B5%D0%B1\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/AUHKXAKD\/Hahmann%20Andree%20%20KK2009.docx#_ftnref7\">[7]<\/a> Damit liegt der Verdacht nahe, dass die Ans\u00e4tze, die sich selbst als kantisch motiviert erachten, vielmehr Hobbes als Kant verpflichtet sind.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den dringendsten Aufgaben der praktischen Philosophie geh\u00f6rt die Begr\u00fcndung normativer S\u00e4tze. Jahrhundertelang fanden moralische S\u00e4tze ihre Rechtfertigung in der Vernunft. Die Vernunft galt als das erhabenste menschliche Verm\u00f6gen, dessen ausgewiesener Bereich den des Moralischen umfasst. 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