{"id":418,"date":"2014-06-12T07:50:48","date_gmt":"2014-06-12T07:50:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/?p=418"},"modified":"2021-05-23T21:22:58","modified_gmt":"2021-05-23T21:22:58","slug":"joachim-krause-kant-und-seine-zeit-die-schrift-zum-ewigen-frieden-vor-der-hintergrund-der-franzosischen-revolution-und-der-nachfolgenden-kriege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/joachim-krause-kant-und-seine-zeit-die-schrift-zum-ewigen-frieden-vor-der-hintergrund-der-franzosischen-revolution-und-der-nachfolgenden-kriege\/","title":{"rendered":"Joachim Krause. Kant und seine Zeit \u2014 die Schrift \u201eZum ewigen Frieden\u201c vor der Hintergrund der Franz\u00f6sischen Revolution und der nachfolgenden Kriege"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_421\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Wertschaetzung-fuer-Parteien-im-Norden-gering_ArtikelQuer.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-421\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-421\" alt=\"Wertschaetzung-fuer-Parteien-im-Norden-gering_ArtikelQuer\" src=\"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Wertschaetzung-fuer-Parteien-im-Norden-gering_ArtikelQuer-300x256.jpg\" width=\"300\" height=\"256\" srcset=\"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Wertschaetzung-fuer-Parteien-im-Norden-gering_ArtikelQuer-300x256.jpg 300w, https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Wertschaetzung-fuer-Parteien-im-Norden-gering_ArtikelQuer.jpg 444w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-421\" class=\"wp-caption-text\">Joachim Krause<\/p><\/div>\n<p>Eine der heute bekanntesten und am h\u00e4ufigsten zitierten Schrif\u00adten Immanuel Kants ist die zum Ewigen Frieden. Sie gilt als eine der wichtigsten politisch-philosophischen Schriften des gro\u00dfen K\u00f6nigsberger Philosophen. Kant setzte in diesen Schriften seine \u00dcberlegungen zur Philosophie und zur Ethik in mehr oder weniger konkrete Empfehlungen um. Die Schrift zum Ewigen Frieden stand aber lange im Schatten und galt als widerlegt. Erst in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts kam es zu einer breiten Neubele\u00adbung der Diskussion um diese Schrift, ausgel\u00f6st durch Artikel des amerikanischen Politikwissenschaftlers Michael Doyle (Doyle, 1983, 1986) sowie durch die 200. Wiederkehr des Erscheinens der Schrift 1995\/1996.<\/p>\n<p>Kant wird heute von vielen Autoren als der erste und wichtig\u00adste Philosoph hingestellt, der sich mit dem Friedensthema besch\u00e4ftigt hat. Dabei wird er teilweise in einem Ma\u00dfe heroisiert, welches Kant pers\u00f6nlich unangenehm gewesen w\u00e4re. Ein typisches Beispiel ist der folgende Satz von Geismann: <i>&#8220;Auf den hohen Schultern von Hobbes und Rousseau stehend sah der Rechtslehrer Kant in ein unabsehbar weites Land der Freiheit und des Friedens, dessen klare Konturen im Nebel der Weltanschauungen des 19. Jahrhunderts verschwanden, kaum dass sie aufgetaucht waren&#8221; <\/i>(Geismann, 1982, S. 189).<\/p>\n<p>Mit der Heroisierung geht zumeist der Versuch einher, Kant als Kronzeugen f\u00fcr Argumente in heutigen Debatten zu instrumentali\u00adsieren. Er wird gerne als <i>Vork\u00e4mpfer des V\u00f6lkerrechts <\/i>in An\u00adspruch genommen und auch f\u00fcr unterschiedliche politikwissen\u00adschaftliche \u201eSchulen&#8221; reklamiert. Andere sehen in ihm prim\u00e4r den ersten <i>The\u00adoretiker des demokratischen Friedens. <\/i>All diese Verein\u00adnahmungen w\u00e4ren ihm vermutlich nicht genehm. Die Schrift zum Ewigen Frie\u00adden handelt nicht nur vom V\u00f6lkerrecht und nicht nur vom demo\u00adkratischen Frieden \u2014 sie handelt von beiden und ver\u00adsucht gerade die Kombination beider Ideen aufzugreifen.<\/p>\n<p>Die Tendenz zur Heroisierung der Schrift und ihres Verfassers und der damit einhergehenden Instrumentalisierung (f\u00fcr wissen\u00adschaftliche oder politische Debatten) ist keinesfalls eine Besonder\u00adheit der heutigen Zeit. Die Schrift zum Ewigen Frieden wurde w\u00e4hrend des 1. Weltkriegs wiederholt zur Begr\u00fcndung deutscher Kriegsziele herangezogen (Hoeres, 2002) und diente in der Wei\u00admarer Republik als Begr\u00fcndung zur Kritik an dem Friedensvertrag von Versailles (Kater, 1999). Die Schrift wurde von Kritikern der amerikanischen Besetzung des Iraks im Fr\u00fchjahr 2003 als Beleg f\u00fcr das Fehlverhalten der Bush-Administration angef\u00fchrt (Kagan, 2003). Umgekehrt wurde Kant von amerikanischen Neo-Konser\u00adva\u00adti\u00adven als Beispiel eines realit\u00e4tsfremden Idealisten aufge\u00adf\u00fchrt. Weder die eine noch die andere Charakterisierung d\u00fcrfte Kant gerecht werden.<\/p>\n<p>Die Friedenswahrung war f\u00fcr Kant ein Thema der <i>angewand\u00adten Aufkl\u00e4rung. <\/i>Von daher muss diese Schrift anders gelesen wer\u00adden als seine kritischen Schriften. Kant war ein Philosoph der Aufkl\u00e4rung, und Aufkl\u00e4rung bedeutete f\u00fcr Kant den <i>Ausgang aus selbst verschuldeter Unm\u00fcndigkeit. <\/i>F\u00fcr ihn war die Aufkl\u00e4rung ein permanenter, durchaus dialektisch zu verstehender Prozess, bei dem gute Ideen mit der Realit\u00e4t konfrontiert werden und entweder scheitern oder weiter entwickelt werden. Von daher empfiehlt es sich, jede ernsthafte Auseinandersetzung mit der Schrift zum Ewigen Frieden damit beginnen zu lassen, dass diese in ihrem zeitlichen Kontext verortet wird. Das will ich heute versuchen und im Einzelnen fragen: was waren die diskursiven und die konkreten historischen Hintergr\u00fcnde, vor denen die Schrift zu sehen ist? Was war der konkrete Beitrag, den Kant mit dieser Schrift zur L\u00f6sung der damals bestehenden Probleme leisten wollte? In welcher Weise hat diese Schrift dazu beigetragen, die Friedensproblematik voranzubringen. Es hei\u00dft aber auch, zu fragen, welche Kritik dagegen vorgebracht worden ist, und wie berechtigt oder un\u00adberechtigt diese Kritik war. Dabei gelange ich zu folgenden Ergeb\u00adnissen, die ich ihn 8 Punkten zusammenfasse:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1. <i>Im Gegensatz zu einer heute weit verbreiteten Meinung unter den Kant-Forschern stellt die Schrift Kants zum Ewigen Frieden keinesfalls den Beginn der neuzeitlichen philosophischen Befassung mit der Frage von Krieg und Frieden dar, sondern setzt vor dem Hintergrund der franz\u00f6sischen Revolution die lebhafte in\u00adtellektuelle und auch politische Debatte des 18. Jahrhunderts zu die\u00adsem Thema fort.<\/i><\/p>\n<p>Die Schrift zum Ewigen Frieden enth\u00e4lt wenig Neues, zumeist arbeitet Kant mit Standardargumenten der Philosophen der Aufk\u00adl\u00e4rung des 18. Jahrhundert. Neu ist bei Kant aber die Systematis\u00adierung. Im Gegensatz zu einem immer wieder anzutreffenden Missverst\u00e4ndnis war das 18. Jahrhundert durch eine Vielzahl von Beitr\u00e4gen zur Friedensproblematik gekennzeichnet, die teils von etablierten Philosophen (wie Montesquieu, Rousseau, Voltaire), teils von Schriftstellern oder anderen Pers\u00f6nlichkeiten stammten (Bahner, 1965; Beutin, 1996). Diese Debatten hatten noch wenig Einfluss auf die hohe Politik, aber es gab durchaus schon Prozesse der wechselseitigen Beeinflussung. Es gab damals drei gro\u00dfe Den\u00adkrichtungen: das <i>Gleichgewichtsdenken<\/i>, die <i>Forderung nach einem Staatenbund<\/i> und die These, wonach Frieden unter Monar\u00adchien nicht m\u00f6glich seien, weil nur <i>Republiken Frieden wahren<\/i> k\u00f6nnten. Der Theorie der friedenssichernden Funktion des Gleich\u00adgewichts konnte Kant wenig abgewinnen, sie galt auch Ende des 18. Jahr\u00adhunderts weitgehend als widerlegt (Kaeber, 1971). Die Forderung nach einem Staatenbund war 1713 von dem <i>Abb\u00e9 de St. Pierre<\/i> in einer weit beachteten Schrift aufgestellt worden (Saint Pi\u00aderre, 1922). Die These, wonach Frieden nur unter Republiken ge\u00adwahrt werden k\u00f6nne, hatte 1748 zum ersten Mal <i>Charles Baron des Mon\u00adtesquieu<\/i> aufgestellt, im neunten Buch seines ber\u00fchmten Wer\u00adkes vom <i>Geist der Gesetze<\/i>. Beide Theorien nahm Kant auf und \u2014 so wie vor ihm Montesquieu \u2014 versuchte er sie miteinander zu kom\u00adbinieren. Montesquieu hatte geschrieben, dass nur Republiken ei\u00adnen dem Frieden verpflichteten Staatenbund bilden k\u00f6nnten (Mon\u00adtesquieu, 1992, S. 182), er hatte aber auch die damals weit verbrei\u00adtete An\u00adsicht vertreten, dass Republiken nur in kleinen poli\u00adtischen Gemein\u00adschaften (haupts\u00e4chlich St\u00e4dte) realisierbar w\u00e4ren. Das engte die M\u00f6glichkeiten eines ewigen Friedens ein, es klang nach Verlierer\u00adkoalitionen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2. <i>Kants Schrift zum Ewigen Frieden erschien 1795 zu einem Zeitpunkt, wo aufgrund des Verlaufs der franz\u00f6sischen Revolution die von Montesquieu stammende Perspektive des republikanischen Frie\u00addens sich neu stellte.<\/i><\/p>\n<p>Mit der Begr\u00fcndung einer Republik in einem Territorialstaat (und vor allem auch noch im einflussreichsten Staat Europas) ver\u00adband sich f\u00fcr Kant die Hoffnung, dass sich das von Montesquieu aufgezeigte Dilemma (Republiken sichern am ehesten den Frieden, aber die republikanische Regierungsform l\u00e4sst sich dauerhaft nur in Stadtstaaten herstellen) nunmehr aufl\u00f6sen k\u00f6nnte und dass es mehr Republiken geben w\u00fcrde. Die gleichzeitige Transformation der Vereinigten Staaten von Amerika zu einer gro\u00dfen Republik schien diese Erwartung zu best\u00e4tigen. Damit er\u00f6ffnete sich die Perspek\u00adtive einer radikalen, positiven Ver\u00e4nderung der zwischenstaat\u00adli\u00adchen Beziehungen (Brandt, 2004, S. 140). Allerdings war Kants Schrift nicht nur von Optimismus gekennzeichnet, sondern auch von Pessimismus. Daf\u00fcr gab es eine Ursache: der republikanische Fl\u00e4\u00adchenstaat Frankreich war im Gegensatz zu den Erwartungen vieler Aufkl\u00e4rer alles andere als friedfertig. Kant sah dieses Prob\u00adlem, aber er wollte nicht in die gleiche Richtung argumentieren wie Edmund Burke. Dieser hatte schon 1790 behauptet, dass etwas grunds\u00e4tzlich falsch gelaufen sei mit der franz\u00f6sischen Revolution, die als Anwendung der Lehren der Aufkl\u00e4rung galt (Burke, 1790). Mit der Kritik Burkes \u2014 die lebhaften Anklang auch in Deutsch\u00adland fand \u2014 verband sich aus der Sicht Kants die Gefahr, dass das Projekt der Aufkl\u00e4rung insgesamt in Frage gestellt wird. Die Schrift Kants zum Ewigen Frieden muss in dieser Lage als Versuch interpretiert werden, die zentralen Ideen der Aufkl\u00e4rung zum Frieden davor zu bewahren, dass sie in den Sog der sich an dem Scheitern der Franz\u00f6sischen Revolution festmachenden Aufk\u00adl\u00e4rungskritik geraten. Gleichzeitig versuchte er mit dieser Schrift, die Ideen der Aufkl\u00e4rung zum dauerhaften Frieden an die ver\u00e4nderten politischen Bedingungen anzupassen und auch kritik\u00adw\u00fcrdige Aspekte der franz\u00f6sischen Politik aufzugreifen. Geht man die Schrift von diesem Standpunkt aus an, so erschlie\u00dft sich die Systematik und der Gesamtzusammenhang des Papiers in einer ganz anderen Weise als bei den meisten Kant-Interpretationen.<\/p>\n<p>Kant wiederholte in den beiden ersten Definitivartikeln im We\u00adsentlichen das, was Montesquieu und der Abb\u00e9 St Pierre angedacht hatten. Wie St. Pierre ging er davon aus, dass die Staaten ihre Probleme friedlich miteinander besprechen und durch diploma\u00adtischen Ausgleich oder auch durch Mehrheitsentscheidungen l\u00f6sen sollten. Dazu m\u00fcsse ein Staatenbund geschaffen werden, der weit\u00adgehend St. Pierres Ideen widerspiegelte. Wie Montesquieu, Vol\u00adtaire, Rousseau oder Paine sah Kant einen Staatenbund nur dann als realisierbar an, wenn Monarchien abgeschafft werden und es nur noch Republiken gab. Kant argumentierte, dass Republiken friedlicher sein werden als Monarchien, da in ihnen diejenigen B\u00fcrger \u00fcber Krieg und Frieden zu entscheiden h\u00e4tten, die sp\u00e4ter auch die Folgen eines Krieges zu tragen h\u00e4tten. Mit den Pr\u00e4limina\u00adrartikel wie mit dem dritten Definitivartikel wollte er aufzeigen auf, dass es nicht ausreicht, einen dauerhaften Frieden nur auf der Existenz von Republiken und des Staatenbundes zu begr\u00fcnden, sondern dass eine Ethik des Friedens unerl\u00e4sslich sei. Geht man die einzelnen Pr\u00e4liminarartikel durch, dann wird deutlich, dass sie sich alle auf dringliche Probleme seiner Zeit bezogen und dass Kant mit ihnen auch indirekte Kritik an Frankreich aus\u00fcbte. Fragt man, was Kant mit seiner Schrift zu dieser Zeit bewirkt hat, dann stellt sich allerdings Ern\u00fcchterung ein.<\/p>\n<p>Der <i>erste Pr\u00e4limin\u00e4rartikel<\/i> besagte, dass kein Friede als sol\u00adcher gelten solle, welcher in der Absicht geschlossen werde, ihn sp\u00e4ter zu brechen (Kant, 1795, S. 343). Diese Formel reflektierte Kants Sorge, dass der gerade geschlossene Friede von Basel zwischen Preu\u00dfen und Frankreich vom April 1795 nicht lange hal\u00adten w\u00fcrde. Das war klug beobachtet und der Rat war gut gemeint. Aber: in den kommenden Jahren erwies sich das republikanische Frankreich als sehr viel aggressiver als die damaligen Monarchien und die Franzosen trachteten mit teilweise gr\u00f6\u00dferem Eifer nach der Kontrolle fremder Territorien als die feudalen Herrscher. Das sollte sich vor allem unter Napoleon zeigen.<\/p>\n<p>Dem letztgenannten Problem sollte auch der <i>zweite Pr\u00e4limin\u00e4rartikel<\/i> gerecht werden, welcher besagte, dass kein Staat von einem anderen durch Erbe, Tausch, Kauf oder Schenkung er\u00adworben werden d\u00fcrfe (Kant, 1795, S. 344). Dies hatte schon der Abb\u00e9 St. Pierre 1713 gefordert. Bei Kant stellte dies eine deutliche Kritik an der kurz zuvor erfolgten Aufteilung Polens unter Preu\u00dfen, \u00d6sterreich und Russland dar. Aber auch der Frieden von Basel musste damit gemeint sein, denn er regelte unter anderem, dass Frankreich das gesamte linksrheinische Gebiet zugesprochen bekam, ohne dass die betroffene Bev\u00f6lkerung eine M\u00f6glichkeit der Mitbestimmung besa\u00df.<\/p>\n<p>Der <i>dritte Pr\u00e4limin\u00e4rartikel<\/i> enthielt die Forderung nach Ab\u00adschaffung st\u00e4ndiger Heere (Kant, 1795, S. 345). Auch hier griff Kant auf den Abb\u00e9 St. Pierre zur\u00fcck. Tats\u00e4chlich stellte dieser Ar\u00adtikel eine Kritik der franz\u00f6sischen Wehrpflicht dar. Die massen\u00adweise Aushebung von Rekruten und die damit verbundene dauer\u00adhafte Pr\u00e4senz eines gro\u00dfen franz\u00f6sischen Heeres hatte nach an\u00adf\u00e4nglichen Schwierigkeiten die milit\u00e4rische Kr\u00e4ftebalance in Eu\u00adropa durcheinander gewirbelt und f\u00f6rderte in der franz\u00f6sischen Republik weitere Eroberungspl\u00e4ne. Die anderen M\u00e4chte arbeiteten mit Berufssoldaten, was dazu beitrug, dass ihre Armeen kleiner und ihre Soldaten weniger motiviert waren als diejenigen Frank\u00adreichs. Kant hatte dieses Problem erkannt und wollte es normativ l\u00f6sen, indem es in einer Welt republikanisch geordneter Staaten keine stehenden Heere mehr geben sollte. Das war ein Rat an die franz\u00f6sische Republik, Vorsicht und Einsicht walten zu lassen, vor allem in einer von ihm erwarteten europ\u00e4ischen Lage, wo es mehr und mehr Republiken geben sollte. Der Rat verfehlte aber seine Wirkung. Nach 1795 sollte sich das enorme Potenzial Frankreichs zur Massenweisen Aushebung von Rekruten erst richtig entfalten \u2014 und zunehmend auch M\u00e4nner von au\u00dferhalb Frankreichs einbe\u00adziehen.<\/p>\n<p>Der <i>vierte Pr\u00e4limin\u00e4rartikel<\/i> enthielt die Forderung, dass keine Schulden in Bezug auf \u00e4u\u00dfere H\u00e4ndel, vor allem Kriege, gemacht werden sollten (Kant, 1795, S. 345). Das war eine wirklich neue Idee. In Gro\u00dfbritannien und in den kontinentaleurop\u00e4ischen L\u00e4ndern, und leider auch in Frankreich, war es \u00fcblich geworden, Kriege durch die Ausgabe von Schuldanleihen zu finanzieren. Je l\u00e4nger die Kriege dauerten, umso gr\u00f6\u00dfer wurden die Schulden und umso mehr versuchten die Gro\u00dfm\u00e4chte dann, die Schulden dadurch abzutragen, dass sie kleinere Staaten annektierten, was Anlass zu neuen Kriegen geben musste. Auch diese Forderung Kants verfehlte ihre Wirkung und unter Napoleon wurde alles noch schlimmer: Bei ihm wurden Kriege durch Schulden finanziert, die teilweise erst mit der Beute des darauf folgenden Krieges zur\u00fcck\u00adgezahlt werden konnten. Die Gefahr der Perpetuierung des Kriegeszustands durch Schuldenaufnahme sah Kant mit gro\u00dfer Klarheit, wenngleich er noch nicht die Methoden Napoleons kan\u00adnte.<\/p>\n<p>Auch der <i>f\u00fcnfte Pr\u00e4liminarartikel<\/i> beruhte auf St. Pierres Schrift von 1713 und nahm die Kritik an der Politik der Republik Frankreich auf. Kant forderte, dass sich kein Staat in die Verfas\u00adsung und Regierung eines anderen Staates einmischen soll (Kant, 1795, S. 346). In einer Zeit, in der die franz\u00f6sische Nationalver\u00adsammlung offen dazu aufrief, die Regierungen anderen L\u00e4nder zu st\u00fcrzen -sei es durch Revolution, sei es durch Intervention \u2014 war das eine mutige Forderung, die zu seiner Zeit auch nicht von allen Zeitgenossen Kants geteilt wurde. Auch diese Forderung fand in den Folgejahren keine Beachtung. Unter Napoleon gab es in Kon\u00adtinentaleuropa nur ein Machtzentrum, dieses mischte sich in die Angelegenheiten jedes einzelnen Landes ein.<\/p>\n<p>Der <i>sechste Pr\u00e4limin\u00e4rartikel<\/i> war weniger an Frankreich gerichtet als an alle Regierungen generell. In ihm wird gefordert, dass sich kein Staat im Kriege solche Feindseligkeiten erlauben solle, dass dar\u00fcber sp\u00e4ter kein Friede geschlossen werden k\u00f6nne, wozu er Meuchelmord, Giftmischerei, Friedensbruch und \u00e4hnliches z\u00e4hlte (Kant, 1795, S. 346). Dieser Gedanke war auch nicht gerade neu, er leuchtet ein und man findet ihn sp\u00e4ter bei Clausewitz (Clausewitz, 1867, Bd. 3, S. 116).<\/p>\n<p>Unter den <i>Definitivartikeln<\/i>, die den harten theoretischen Kern von Kants Schrift zum Ewigen Frieden darstellen, war nur seine Forderung nach einem Weltb\u00fcrgerrecht auf Hospitalit\u00e4t neu. Dieser Definitivartikel muss im Zusammenhang mit Kants Abr\u00fccken von der Idee eines Weltstaates gesehen werden. Bis zur franz\u00f6sischen Revolution hatte er einen Weltstaat zumindest im Prinzip bef\u00fcr\u00adwortet, weil dieser die Macht der Monarchien einschr\u00e4nken k\u00f6nnte. Mit der Revolution er\u00f6ffnete sich f\u00fcr ihn die Perspektive, dass nicht nur Frankreich sondern auch andere Staaten Europas zu Re\u00adpubliken werden. Damit stellte sich nicht mehr die Frage des Welt\u00adstaates, sondern die des Miteinanders von Republiken. Daf\u00fcr war das Recht auf Hospitalit\u00e4t gedacht. Jeder Mensch sollte \u00fcberall auf der Welt das Recht haben, nicht feindselig behandelt zu werden. Dieses Recht auf Hospitalit\u00e4t enthielt auch eine eher indirekte Kritik am Kolonialismus der europ\u00e4ischen M\u00e4chte und am Festhal\u00adten des revolution\u00e4ren Frankreichs an seinen \u00dcberseebesitzungen und an der dort praktizierten Sklaverei. Kant interpretierte das Recht auf Hospitalit\u00e4t so, dass man sich in fremden L\u00e4ndern nicht als Eroberer aufspielen d\u00fcrfe.<\/p>\n<p>Dass die Aufstellung von normativen Forderungen nicht die Dynamik der franz\u00f6sischen Republik binnen kurzer Frist beein\u00adflussen konnte, d\u00fcrfte Kant bewusst gewesen sein. Er setzte auf die mittel- oder langfristige Wirkung seiner Ideen. In den beiden <i>Zusatzartikeln <\/i>hat er daf\u00fcr die Begr\u00fcndung geliefert. Der erste l\u00e4uft darauf hinaus, dass im Laufe der Zeit sich seine Ethik durchsetzen werde als \u201etiefliegende Weisheit einer h\u00f6heren, auf den objektiven Endzweck des menschlichen Geschlechts gerichteten und diesen Weltlauf pr\u00e4determinierenden Ursache, Vorsehung genannt&#8230;&#8221; (Kant, 1795, S. 346).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3.<i> Kants Hoffnungen und Erwartungen erf\u00fcllten sich nicht. Zwar wurde die Schrift in Frankreich positiv aufgenommen, aber in der politischen Realit\u00e4t der Jahre zwischen 1795 und 1815 ent\u00adwickelten sich die Dinge v\u00f6llig anders als Kant es erwartet hatte.<\/i><\/p>\n<p>Weder erf\u00fcllten sich die hohen Erwartungen an Frankreich noch bildeten sich andere, unabh\u00e4ngige Republiken. Nach 1795 mehrten sich vielmehr die Zeichen, dass die Republik Frankreich selber zur treibenden Kraft f\u00fcr weitere milit\u00e4rische Abenteuer wur\u00adde. Im Jahre 1799 war das franz\u00f6sische Demokratieexperiment am Ende, die Macht wurde einem energischen und Machtbe\u00adwussten General \u00fcberlassen \u2014 Napoleon Bonaparte. Dieser lie\u00df sich 1804 auch noch zum Kaiser Frankreichs ausrufen und veraus\u00adgabte sich und sein Land in einem Feldzug nach dem anderen. Ungef\u00e4hr vier\u00adeinhalb Millionen Todesopfer forderten die durch Napoleon ange\u00adstifteten Kriege, viel mehr als alle monarchischen Kabinettskriege des 18. Jahrhunderts zusammen. Der Grund daf\u00fcr war: Napoleon wollte seine Gegner v\u00f6llig schlagen, nicht nur Voraussetzungen f\u00fcr bessere Verhandlungsl\u00f6sungen schaffen. Er wollte sich nicht mit halben L\u00f6sungen zufrieden geben, sondern haupts\u00e4chlich siegen. Unter ihm wurde es wieder \u00fcblich, dass sein umherziehendes Heer sich aus der Landschaft \u201ebediente&#8221;, wie es damals hie\u00df. Das bedeu\u00adtete, dass die Bev\u00f6lkerung fremder L\u00e4nder \u2014 wie zuletzt im Drei\u00ad\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg \u2014 von der Soldateska Na\u00adpoleons hemmungslos ausgebeutet wurde. Bis dahin hatte es eine stillschweigende \u00dcber\u00adeinkunft unter den F\u00fcrsten Europas gegeben, Feldz\u00fcge nicht mehr auf der Basis der Auspressung der Zivil\u00adbev\u00f6lkerung vorzunehmen, sondern f\u00fcr die eigenen Truppen eine logistische Versorgung zu schaffen. Dieser kleine zivilisatorische Fortschritt war dahin, denn er stand den Pl\u00e4nen Napoleons ent\u00adgegen, gro\u00dfe Heere aufzustellen, mit denen er seine Gegner entscheidend schlagen konnte. Napole\u00adon trieb sein Unwesen bis 1813, als er infolge der Russlandinvasi\u00adon geschw\u00e4cht war und 1814 bzw. erneut 1815 entscheidend ge\u00adschlagen wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>4.<i> Es war der fr\u00fchere Kant-Sch\u00fcler Friedrich Gentz, der die Schwachstellen der Kantschen \u00dcberlegungen (insbesondere die Idee des republikanischen Friedens) herausarbeitete und eine The\u00ado\u00adrie des demokratischen Kriegs entwickelte, die weitaus mehr Re\u00adle\u00advanz zur Erkl\u00e4rung der Politik im fr\u00fchem 19. Jahrhundert hatte als Kants Theorie.<\/i><\/p>\n<p>Gentz argumentierte, dass die Revolution die Relativierung al\u00adler Werte bewirkt und zu einer Herrschaft der nackten Gewalt ge\u00adf\u00fchrt habe. \u201eDie Franz\u00f6sische Revolution&#8221;, so Gentz, \u201ehat die mili\u00adt\u00e4rische Macht von neuem \u00fcber alle anderen erhoben und einen Zustand herbeigef\u00fchrt, in welchem das Schwert fast allein das Schicksal der Nationen bestimmt&#8221; (Gentz, 1992, S. 495). Und nicht nur das: die franz\u00f6sische Republik habe gezeigt, dass die damit verbundenen Ideen der Freiheit und des Nationalismus ganz neue Reservoirs der Kriegsbereitschaft und Kriegsf\u00fchrungsf\u00e4higkeit ent\u00adstehen lassen. Die Menschen, so Gentz, seien bereit f\u00fcr Ideale der Freiheit und der Nation viel mehr Gewalttaten \u2014 und viel grausa\u00admere \u2014 zu begehen als zu Zeiten der Kabinettskriege. Nicht nur dass Kriege verbissener und mit mehr Grausamkeit gef\u00fchrt wer\u00adden, sie w\u00fcrden in Republiken auch nicht zu einer raschen Er\u00adsch\u00f6pfung der Kr\u00e4fte beitragen (was bei Monarchien regelm\u00e4\u00dfig eintrete). Auch beobachtete Gentz, dass je l\u00e4nger das revolution\u00e4re Frankreich im Krieg lag, umso mehr war es in der Lage zus\u00e4tzliche Kr\u00e4fte f\u00fcr die Fortf\u00fchrung der Kriege zu mobilisieren. Anstelle ei\u00adner Ersch\u00f6pfung der Kriegskr\u00e4fte k\u00e4me es zu deren Vervielf\u00e4lti\u00adgung (Gentz, 1992, S. 496). Zudem beobachtete er eine Verrohung der Sitten, eine \u201efrevelhafte Unsittlichkeit&#8221;, die dazu f\u00fchre, dass enorme Grausamkeiten begangen werden (Gentz, 1997, S. 214 ff.). Es sei absehbar, dass dieser Geist auch andere V\u00f6lker anstecke und dadurch der Krieg eine v\u00f6llig neue Dimension bekomme: aus ei\u00adnem wenig genutzten Instrument der Kabinettspolitik, welches zu\u00addem in der Regel mit Vorsicht und Zur\u00fcckhaltung eingesetzt wer\u00adde, entstehe eine neue Form der organisierten Gewalt, bei der alle Kr\u00e4fte einer Nation mobilisiert werden und wo die Gewalt erst richtig im Verlaufe eines Krieges zur Entfaltung k\u00e4me. Auf ganz Europa angewandt bedeutete das, dass es zu einem langwierigen und vernichtenden Krieg kommen werde, wenn das franz\u00f6sische Beispiel auch in anderen L\u00e4ndern Schule mache.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>5.<i> Kant und Gentz lagen in vielen Dingen beieinander, unter\u00adschiedlicher Meinung waren sie in der Frage der Friedensf\u00e4higkeit von Republiken.<\/i><\/p>\n<p>Beide stimmten darin \u00fcberein, dass es darauf ankomme, dass sich Staaten in ihren Beziehungen zueinander m\u00e4\u00dfigen und sich friedlich verhalten. Beide wollten Kriege vermeiden und beide gingen davon aus, dass die innere Verfassung von Staaten einen Einfluss darauf habe, ob sich diese friedlich oder kriegerisch ver\u00adhalten. Kant sah die Schaffung von Republiken als die beste Ga\u00adran\u00adtie f\u00fcr die Erhaltung des Friedens an, Gentz sah das genau an\u00adders.<\/p>\n<p>Gentz wollte der <i>Gleichgewichtspolitik<\/i> durchaus eine Rolle in der Friedenswahrung zuschreiben. Allerdings, so Gentz in einer 1800 ver\u00f6ffentlichten Schrift zum \u201eewigen Frieden\u201c, solle man sich von der Gleichgewichtspolitik nicht zu viel erhoffen. Im Prin\u00adzip sei die Idee nicht schlecht und habe in der Vergangenheit den einen oder anderen Krieg beendet oder gar verhindert. Das Kon\u00adzept d\u00fcrfe allerdings nicht mechanistisch verstanden werden, sonst werde es wirkungslos. \u201eDieses System des politischen Gleichge\u00adwichts,\u201c so schrieb Gentz, \u201eist freilich mehr als einmal in den H\u00e4nden des Ehrgeizes und der Selbstsucht zu einem Werkzeug der Zerst\u00f6rung geworden und hat mehr als einmal den Krieg, den es zu hin\u00adtertreiben vorgab, bef\u00f6rdert\u201c (Gentz, 1992, S. 480). Damit hatte er Recht, denn in der Mitte des 18. Jahrhunderts war die bis 1730 von den f\u00fchrenden M\u00e4chten Europas mit einem gewissen Er\u00adfolg bet\u00adriebene Politik der Kriegsverhinderung durch Gleichge\u00adwichts\u00adpo\u00adlitik in ihr Gegenteil degeneriert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>6. <i>Der Erste Weltkrieg war ein demokratischer Krieg und lie\u00df alle Bef\u00fcrchtungen von Gentz wahr werden und Kants Theorie des demokratischen Friedens in Vergessenheit geraten.<\/i><\/p>\n<p>Die verbissene Entschlossenheit der europ\u00e4ischen National\u00adstaaten f\u00fcr die jeweils einzig richtige Sache zu k\u00e4mpfen und diesen Kampf bis zur vollst\u00e4ndigen Ersch\u00f6pfung durchzuhalten, f\u00fchrte zu einem Krieg, an dessen Ende mehr als 10 Millionen Menschen get\u00f6tet waren. Der Erste Weltkrieg war ein Krieg, der trotz beste\u00adhender institutioneller demokratischer Kontrollinstrumente und Mitwirkungsrechte der Bev\u00f6lkerung ausbrach. Am deutlichsten war das im Deutschen Reich zu sehen, das \u00fcber keine ausrei\u00adchenden Steuereinnahmen verf\u00fcgte, um einen Krieg zu finanzieren, und daher gleich zu Anfang Kriegskredite aufnehmen musste. Nicht nur dass der Reichstag die Aufnahme der Kriegskredite aus\u00addr\u00fccklich billigte; auch die Bereitschaft in der Bev\u00f6lkerung, diese Anleihen im gro\u00dfen Umfang zu zeichnen, war neben der allgegen\u00adw\u00e4rtigen Kriegseuphorie ein klarer Indikator daf\u00fcr, dass demokra\u00adtische Institutionen oder die Mitsprachem\u00f6glichkeit der B\u00fcrger in keiner Weise die Kriegsbereitschaft herabsetzten. Im Gegenteil, zumindest in Deutschland war der Kriegsausbruch 1914 gewollt und in den anderen L\u00e4ndern war die Lage nicht viel anders. Der Erste Weltkrieg war ein <i>demokratischer Krieg<\/i>, der die These Kants und anderer Philosophen vom republikanischen Frieden ad absur\u00addum f\u00fchrte. Er war der bis dato schlimmste und verlustreichste Krieg der Weltgeschichte und best\u00e4tigte alle Bef\u00fcrchtungen von Gentz. Er wurde nur noch durch den Zweiten Weltkrieg \u00fcbertrof\u00adfen, der in gewisser Weise eine Fortsetzung des Ersten Weltkriegs war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>7. <i>Erst die Zeitenwende nach dem Zweiten Weltkrieg hat einen grunds\u00e4tzlichen Wandel im Umgang demokratischer Nation\u00adalstaaten Europas mit dem Friedensproblem gebracht.<\/i><\/p>\n<p>Dies wurde weniger durch die R\u00fcckbesinnung auf Kant be\u00adwirkt, als vielmehr durch das massive Engagement der USA f\u00fcr die Wiederbelebung der Weltwirtschaft sowie die damit verbundene Einrichtung internationaler Organisationen und der F\u00f6rderung von Demokratie. Dass dabei Gedanken wieder belebt worden, die auf aufkl\u00e4rerische Ideen des 18. Jahrhunderts (wozu auch Kant beigetragen hat) zur\u00fcckgehen, ist der entsprechenden Tradition in den USA geschuldet. Zudem muss man anerkennen, dass durch die Schaffung des Sozialstaates und die M\u00f6glichkeiten des Freihandels nach dem Zweiten Weltkrieg bislang ungeahnte Potenziale freige\u00adsetzt wurden, die zur Pazifizierung der westlichen Gesellschaften f\u00fchrten: Erst seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts findet jene gesellschaftliche und politische Beruhigung statt, die zu einem Paradigmenwechsel in der Au\u00dfen- und Verteidigungspolitik ge\u00adf\u00fchrt hat. Die theoretische Begr\u00fcndung daf\u00fcr wie man Demok\u00adratien dazu bringt, dass sie stabiler und damit friedlicher werden \u2014 sowohl im Umgang mit sich selbst als auch mit anderen \u2014 wurde weder von Gentz noch von Kant gegeben. Tats\u00e4chlich legten Den\u00adker wie Hegel, Lorenz von Stein (Stein, 1964) oder John Stuart Mill im 19. Jahrhundert und Max Weber, Joseph Schumpeter (Schumpeter, 1942), John Meynard Keynes, Harold Laski und auch William Beveridge im 20. Jahrhundert die Grundlagen f\u00fcr ein differenzierteres Verst\u00e4ndnis der Stabilit\u00e4t (und damit der Le\u00adgitimit\u00e4t und folglich der Friedfertigkeit) von Demokratien, bei dem die materielle Lage der breiten Massen und die Frage der sozialen Schichtung und Mobilit\u00e4t eine gro\u00dfe Rolle spielten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>8. <i>Mit der heutigen Lage k\u00f6nnten heute sowohl Kant als auch Gentz zufrieden sein \u2014 sofern sie noch leben w\u00fcrden.<\/i><\/p>\n<p>Wer von beiden jetzt eher Recht hatte, dar\u00fcber kann man sich streiten. F\u00fcr Europa im gesamten 19. Jahrhundert und zumindest bis zum Ersten Weltkrieg muss man sagen, dass Gentz Recht hatte und Kant falsch lag. Ab den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts dre\u00adhte sich das um. Heute gibt es Frieden unter den demokratischen Staaten Europas und dieser wird als Best\u00e4tigung der These von Kant gesehen, dass nur ein republikanischer Friede dauerhaft sei. F\u00fcr Kant spricht, dass heute viele seiner Utopien Wirklichkeit ge\u00adworden sind. F\u00fcr Gentz spricht, dass er auf jene Probleme hinge\u00adwiesen hat, die Kants Utopien seinerzeit im Wege standen und \u00fcber die Kant recht gro\u00dfz\u00fcgig hinweggeschaut hat. Den entschei\u00addenden Wandel bewirkten diejenigen in Europa, die besser als Kant und Gentz die Bedingungen f\u00fcr demokratische Stabilit\u00e4t for\u00admulieren konnten und diejenigen in den USA, die einen neuen, demokratischen Stil der Au\u00dfenpolitik bewirkten, bei dem die Tugenden der Aufkl\u00e4rung zur Anwendung kamen (Dahrendorf, 1963). Ralf Dahrendorf hat die USA mal als Land der angewand\u00adten Aufkl\u00e4rung bezeichnet, insofern wirkt Kant weiter, aber eher indirekt.<\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p align=\"center\"><b>Bibliographie<\/b><\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Bahner W., 1965<\/i>: Der Friedensgedanke in der Literatur der franz\u00f6si\u00adschen<i>, in:<\/i> Grundpositionen der franz\u00f6sischen Aufkl\u00e4rung. Hrsg. W. Krauss, H. Mayer. Berlin. S. 139\u2014208.<\/p>\n<p><i>Beutin W., 1996<\/i>: Kants Schrift \u201eZum ewigen Frieden\u201c (1795) und die zeitgen\u00f6ssische Debatte<i>, in:<\/i> Hommage a Kant. Kants Schrift \u201eZum ewigen Frieden\u201c. Hamburg. S. 97\u2014126.<\/p>\n<p><i>Brandt R., 1996<\/i>: Historisch-kritische Beobachtungen zu Kants Friedensschrift<i>, in:<\/i> \u201eZum ewigen Frieden\u201c, Grundlagen, Aktualit\u00e4t und Aussichten einer Idee von Immanuel Kant. Hrsg. R. Merkel, R. Witt\u00admann. Frankfurt. S. 31\u201466.<\/p>\n<p><i>Burke E., 1790<\/i>: Reflections on the Revolution in France, and on the Pro\u00adceedings in Certain Societies in London Relative to that Event. In a Let\u00adter Intended to Have Been Sent to a Gentleman in Paris. London.<\/p>\n<p><i>Clausewitz C. von, 1867<\/i>: Vom Kriege. Hinterlassene Werke \u00fcber Krieg und Kriegf\u00fchrung des Generals Carl von Clausewitz. In 3 Bde. Dritte Au\u00adflage. Berlin.<\/p>\n<p><i>Dahrendorf R., 1963<\/i>: Die angewandte Aufkl\u00e4rung. F.\u00a0a.\u00a0M.<\/p>\n<p><i>Dietze A., Dietze W., 1989<\/i>: Ewiger Friede? Dokumente einer deutschen Diskussion um 1800. M\u00fcnchen.<\/p>\n<p><i>Doyle M. W., 1983<\/i>: Kant, Liberal Legacies, and Foreign Af\u00adfairs<i>, in:<\/i> Phi\u00adlosophy and Public Affairs. Vol. 12. Nr. 3. S. 205\u2014235; Nr. 4. S. 323\u2014353.<\/p>\n<p><i>Doyle M. W., 1986<\/i>: Liberalism and World Politics<i>, in:<\/i> Ameri\u00adcan Political Science Review. Vol. 80, Nr. 4. S. 1151\u20141169.<\/p>\n<p><i>Geismann G., 1982<\/i>: Kant als Vollender von Hobbes und Rous\u00adseau<i>, in:<\/i> Der Staat. Nr. 21. S. 161\u2014189.<\/p>\n<p><i>Gentz F. von, 1992<\/i>: \u00dcber den Ewigen Frieden<i>, in:<\/i> Gentz F. Ge\u00adsammelte Schriften. Band V. Hrsg. G. Kronenbitter. Hildesheim.<\/p>\n<p><i>Gentz F. von, 1997<\/i>: \u00dcber den Ursprung und Charakter des Krieges gegen die franz\u00f6sische Revolution. Berlin, <i>in:<\/i> Gentz F. Gesammelte Schriften. Bd. III. Hrsg. G. Kronenbitter. Hilde\u00adsheim. 1997.<\/p>\n<p><i>Hoeres P., 2002<\/i>: Kants Friedensidee in der deutschen Kriegsphi\u00adlosophie des Ersten Weltkrieges<i>, in:<\/i> Kant-Studien. Jg. 93. S. 84\u2014112.<\/p>\n<p><i>Ikenberry G. J., 2001:<\/i> After Victory. Institutions, Strategic Re\u00adstraint, and the Rebuilding of Order after Major Wars. Princeton.<\/p>\n<p><i>Kaeber E., 1971:<\/i> Die Idee des europaischen Gleichgewichts in der publizistischen Literatur vom 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Neuauflage. Hildesheim.<\/p>\n<p><i>Kagan R., 2003:<\/i> Paradise and Power. America and Europe in the New World Order. London.<\/p>\n<p><i>\u041a<\/i><i>ant I., 1795:<\/i> Zum ewigen Frieden<i>, in:<\/i> Kant I. Gesammelte Schriften (Akademie-Ausgabe). Bd. VIII.<\/p>\n<p><i>Kater T., 1999:<\/i> Forschungsbericht. Der Krieg, die Republik und der Friede: Zur Rezeption von Immanuel Kants Zum ewigen Frieden<i>, in:<\/i> Militarismus in Deutschland 1871 bis 1945. Zeitgen\u00f6ssische Analysen und Kritik. Hrsg. W. Wette (Jahrbuch f\u00fcr Historische Friedensforschung. Band 8). S. 327\u2014345.<\/p>\n<p><i>Montesquieu, C. de, 1992:<\/i> Vom Geist der Gesetze. \u00dcbers. und hrsg. E. Forsthoff. Tubingen.<\/p>\n<p><i>Raumer K. von, 1953<\/i>: Ewiger Friede. Friedensrufe und Friedensplane seit der Renaissance. Freiburg\/M\u00fcnchen.<\/p>\n<p><i>Saint Pierre C.-I. de, 1922:<\/i> Der Traktat vom ewigen Frieden. Hrsg. W. Michael, F. von Oppeln-Bronikowski. Berlin.<\/p>\n<p><i>Schumpeter J., 1942:<\/i> Capitalism, Socialism and Democracy. N.\u00a0Y.<\/p>\n<p><i>Stein L. von, 1964:<\/i> Die Gesellschaftslehre. Erste Abteilung: Der Begriff der Gesellschaft und die Lehre von den Gesellschaftsklassen. <i>Hier zitiert nach<\/i> Neuausgabe. Osnabr\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b><i>Die erste Ver\u00f6ffentlichung des Aufsatzes:<\/i><\/b><\/p>\n<p>Joachim Krause. Kant und seine Zeit \u2014 die Schrift \u201eZum ewigen Frieden\u201c vor der Hintergrund der Franz\u00f6sischen Revolution und der nachfolgenden Kriege\/\/ Kant\u2019s Project of Perpetual Peace in the Context of Contemporary Politics : proceedings of international seminar\/ ed. by A. Zilber, A. Salikov. \u2014 Kaliningrad : IKBFU Press, 2013. S. 9 \u2013 23.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine der heute bekanntesten und am h\u00e4ufigsten zitierten Schrif\u00adten Immanuel Kants ist die zum Ewigen Frieden. Sie gilt als eine der wichtigsten politisch-philosophischen Schriften des gro\u00dfen K\u00f6nigsberger Philosophen. Kant setzte in diesen Schriften seine \u00dcberlegungen zur Philosophie und zur Ethik in mehr oder weniger konkrete Empfehlungen um. 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