{"id":412,"date":"2014-06-04T07:39:36","date_gmt":"2014-06-04T07:39:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/?p=412"},"modified":"2014-06-04T07:39:36","modified_gmt":"2014-06-04T07:39:36","slug":"eduard-parhomenko-himmel-als-stimmungsbogen-des-denkens-uber-tartu-im-februar-1808-zur-kant-rezeption-in-estland-zu-beginn-des-19-jahrhunderts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/eduard-parhomenko-himmel-als-stimmungsbogen-des-denkens-uber-tartu-im-februar-1808-zur-kant-rezeption-in-estland-zu-beginn-des-19-jahrhunderts\/","title":{"rendered":"Eduard Parhomenko. Himmel als Stimmungsbogen des Denkens \u00fcber Tartu im Februar 1808. Zur Kant-Rezeption in Estland zu Beginn des 19. Jahrhunderts"},"content":{"rendered":"<p>Der Untertitel des Vortrages wurde als <i>\u2018Kant-Rezeption in Estland zu Beginn des 19. Jahrhunderts\u2019 <\/i>angegeben. So werde ich manches zur Auffassung der Kantischen Philosophie von Gottlob Benjamin J\u00e4sche, des Sch\u00fclers von Immanuel Kant und Professors f\u00fcr theoretische und praktische Philosophie an der Universit\u00e4t Tartu, damals mit deutschem Namen Universit\u00e4t Dorpat, sagen. In dem Zusammenhang wird es auch von J\u00e4sches Auseinandersetzungen mit Fichte, Schelling und Hegel und \u00fcber die derzeitigen philosophischen Kontroversen kurz die Rede sein.<\/p>\n<p>Es geht aber in diesem Vortrag haupts\u00e4chlich um HIMMEL. Um den Himmel \u00fcber Dorpat im Februar des Jahres1808. So heisst der Titel des Vortrages: <i>\u2018Himmel als Stimmungsbogen des Denkens \u00fcber Tartu im Februar 1808\u2019.<\/i><\/p>\n<p>Es stellen sich die Fragen: Kann unseres Denken vom Himmel gepr\u00e4gt sein? Wie konnte die Auseinandersetzung mit der Kantischen Philosophie zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Tartu vom dortigen Erscheinen des Himmels beeinflusst sein?<\/p>\n<p>Die Stimmung, die J\u00e4sches Philosophieren, besonders dessen Kehre zu Beginn des 19. Jahrhunderts gepr\u00e4gt hat, ist aufzugreifen.<\/p>\n<p>Um die Stimmung von J\u00e4sches Philosophieren zu erschliessen, sollen wir seinem Blick in den hohen Himmel \u00fcber Tartu folgen. Dem Blick, den J\u00e4sche zusammen mit seinem Freund Carl Morgenstern eines heiteren Morgens im Februar des Jahres 1808, am zweiten Tag nach dem Tod seiner Gattin geworfen hat: \u201cJa, wohl, stimmten wir beide mit seinem Mund und Herzen zusammen \u2014 wohl ist die Natur, der sichtbare Himmel \u00fcber uns anzusehen als ein Bild und Symbol der moralischen Welt des unsichtbaren Jenseits und \u00fcber dem Sinnen- und Sternenhimmel, mit dem Auge des Geistes und des Herzens zu ersp\u00e4henden Himmels, welchen das W\u00fcnschen und Sehnen und Hoffen des geistigen, idealischen Menschen gerichtet ist.\u201d<\/p>\n<p>Dieser gemeinsame Blick von J\u00e4sche und Morgenstern hat den Himmel als Stimmungsbogen des Denkens erschlossen.<\/p>\n<p>Der ber\u00fchmte Beschluss von Immanuel Kants \u201cKritik der praktischen Vernunft\u201d kommt hier in den Sinn:<\/p>\n<p>\u201eZwei Dinge erf\u00fcllen das Gem\u00fct mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je \u00f6fter und anhaltender sich das Nachdenken damit besch\u00e4ftigt<i>: der bestirnte Himmel \u00fcber mir und das moralische Gesetz in mir<\/i>. Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verh\u00fcllt oder im \u00dcberschwenglichen, au\u00dfer meine Gesichtskreise suchen und blo\u00df vermuten; ich sehe sie vor mir und verkn\u00fcpfe sie unmittelbar mit dem Bewu\u00dftsein meiner Existenz.<\/p>\n<p>Das erste f\u00e4ngt von dem Platze an, den ich in der \u00e4u\u00dferen Sinnenwelt einnehme, und erweitert die Verkn\u00fcpfung, darin ich stehe, ins unabsehlich Gro\u00dfe mit Welten \u00fcber Welten und Systemen von Systemen, \u00fcberdem noch in grenzenlose Zeiten ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer.<\/p>\n<p>Das zweite f\u00e4ngt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner Pers\u00f6nlichkeit an und stellt mich in einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit hat, aber nur dem Verstande sp\u00fcrbar ist, und mit welcher (dadurch aber auch zugleich mit allen jenen sichtbaren Welten) ich mich nicht wie dort in blo\u00df zuf\u00e4lliger, sonder allgemeiner und notwendiger Verkn\u00fcpfung erkenne.<\/p>\n<p>Der erste Anblick einer zahllosen Weltmenge vernichtet gleichsam meine Wichtigkeit als eines <i>tierischen Gesch\u00f6pfs<\/i>, das die Materie, daraus es ward, dem Planeten (einem blo\u00dfen Punkt im Weltall) wieder zur\u00fcckgeben muss, nachdem es eine kurze Zeit \/&#8230;\/ mit Lebenskraft versehen gewesen.<\/p>\n<p>Der zweite erhebt dagegen meinen Wert als einer Intelligenz unendlich durch meine Pers\u00f6nlichkeit, in welcher das moralische Gesetz mir ein von der Tierheit und selbst von der ganzen Sinnenwelt unabh\u00e4ngiges Leben offenbart, wenigstens soviel sich aus der zweckm\u00e4ssigen Bestimmung meines Daseins durch dieses Gesetz, welche nicht auf Bedingungen und Grenzen dieses Lebens eingeschr\u00e4nkt ist, sondern ins Unendliche geht, abnehmen l\u00e4sst\u201d [AA, V, 161\u2014162].<\/p>\n<p>So hat der Kantische Anschauer den Himmel f\u00fcr den Blick von J\u00e4sche und Morgenstern schon aufgeschlossen. Allerdings im Februar des Jahres 1808 stimmte der Himmel \u00fcber Tartu etwa anders. Im Jahre 1808 hat J\u00e4sche in seinem Tagebuch geschrieben: \u201e<i>Non omnis moriar. Nicht ganz werde ich sterben.<\/i>\u201d<i> <\/i>Sp\u00e4ter hat er diese aus der Ode Horazes <i>Exegi monumentum<\/i> stammenden W\u00f6rter zum Leitspruch seines Portr\u00e4ts gew\u00e4hlt. In einem Brief an Otto von Mirbach hat J\u00e4sche unterstrichen, dass er in einem echt philosophisch-moralischen Sinne mit voller \u00dcberzeugung hinsichtlich des Fortdauers seiner pers\u00f6nlichen Intelligenz folgende W\u00f6rter unter seinem Portr\u00e4t geschrieben hat: \u201e<i>non omnis moriar!<\/i>\u201d Karl Morgensterns Meinung nach war dieses Motto vom zur\u00fcckhaltenden, zwar aber gewissen Selbstgef\u00fchl J\u00e4sches angeregt.<\/p>\n<p>Obwohl der Spruch <i>Non omnis moriar<\/i> urspr\u00fcnglich im Sinne des irdischen Fortdauers durch Arbeit, Schaffen, Lehre und darauf sich gr\u00fcndenden Ruhm verstanden wurde, deutete man das im sp\u00e4ten 18. Jahrhunderts \u00f6fters im Sinne der Kantischen sittlich-praktischen Christlichkeit.<\/p>\n<p>Und nun im Februar 1808 appelliert dieser Spruch an den HIMMEL \u00fcber Tartu, dessen Heiterkeit erst eigentliche Gewissheit verschafft hat: <i>Non omnis moriar!<\/i><\/p>\n<p align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p align=\"center\"><b>*\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 *\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 *<\/b><\/p>\n<p>In der Tartuer Zeit vollzieht sich der Umbruch in philosophischen Ansichten von J\u00e4sche \u2014 n\u00e4mlich in den Jahren von 1808 bis 1813 \u00e4ndert sich seine Auffassung der Kantischen Lehre. Von nun an sucht er Kant\u2019s Lehre mit der Glaubensphilosophie von Friedrich Heinrich Jacobis zu vereinigen, d.h er stetzt sich mit Kant vom Standpunkt von Jacobi auseinander.<\/p>\n<p>In der Zeit liegt auch der Beginn seiner Auseinandersetzungen mit Pantheismus. Das Angreifen des Pantheismus als Spinozismus und Atheismus wird demn\u00e4chst zu seinem Hauptthema. So ist sein drei-b\u00e4ndiges Hauptwerk <i>\u201cPantheismus nach seinen verschiedenen Hauptformen&#8230;\u201d<\/i> (1826, 1828, 1838) entstanden.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p align=\"center\"><b>*\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 *\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 *<\/b><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Als einer der ersten wesentlichen Kritiker von Kants <i>\u201cKritik der reinen Vernunft\u201d<\/i> (1781), hat Jacobi die fr\u00fchere Rezeption \/ Aufnahme der Kantischen Philosophie stark beeinflusst.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst hat J\u00e4sche sich als treue Sch\u00fcler von Kant ganz ablehnend gegen\u00fcber Jacobi, dessen Kant-Kritik verhalten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter hat sich seine Einstellung ver\u00e4ndert: er ist zur Einsicht gekommen, dass die Lehre von Kant und die Lehre von Jacobi wesentliche gemeinsame Z\u00fcge haben. N\u00e4mlich hat J\u00e4sche in der Spinozismus- und Pantheismuskritik Jacobis den Grund zur Vereinigung der Kantischen Ansichten mit den Ansichten von Jacobi entdeckt. Damit hat sich f\u00fcr J\u00e4sche die M\u00f6glichkeit erschlossen, seine Ansichten zur Glaubensphilosophie von Jacobi zu ann\u00e4hern.<\/p>\n<p>Um die Bedeutung von der Pantheimus- und Spinozismuskritik besser zu verstehen, ist zu beachten, dass aus der Lehre Spinozas eine die Rezeptzion der Kantischen Philosophie st\u00e4ndig begleitende Streitfrage geworden ist.<\/p>\n<p>Jacobi hat mit den in seinem Buch <i>\u201c\u00dcber die Lehre des Spinoza, in Briefen an Herrn Moses Mendelssohn\u201d<\/i> (1785) gegen Lessing erhobenen Beschuldigungen, dass Lessing sei Spinozist, das heisst aber Atheist, die Philosophie Spinozas als das Exempel einer Weise des Denkens reaktualisiert (in dem Zusammenhang spricht man auch von Spinoza-Renaissance) und einen Skandal (Spinozismus bzw Pantheismus-Streit) verursacht.<\/p>\n<p>In der Lehre von Spinoza und deren vermeintlichen Rezidiven (Spinozismus) sp\u00fcrte Jacobi eine solche Weise des Philosophierens auf, die alles Seinde \u2014 auch den Gott \u2014 als kausal determiniert auffasst, &#8212; dies aber f\u00fchrt unvermeidlich zur Aufhebung des Unterschiedes zwischen dem Gott und der Natur \/ Welt, damit zur Aufhebung der Transzendenz und Pers\u00f6nlichkeit des Gottes (d.\u00a0i. zum Pantheismus), und letztendlich zum Atheismus.<\/p>\n<p>Dem Inhalt nach ging der Streit um die Frage, ob die philosophische Demonstration bzw. philosophisches \/ rationales Beweisen, in der Art, wie man der in der Lehre Spinozas zu begegnen meinte, unvermeidlich das Abschaffen der Freiheit und damit jeder Sittlichkeit bedeutet.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p align=\"center\"><b>*\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 *\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 *<\/b><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Dass J\u00e4sche sich der Glaubensphilosohie Jacobis zugewandt hat und zum notorischen Angreifer des Spinozismus und Pantheismus wurde, ist vor dem Hintergrund des Verh\u00e4ltnisses zwischen der Philosophie und Theologie zu Anfang des 19. Jahrhunderts zu verstehen. Das war aber tief von Kants Lehre gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Durch die Kritik an der dogmatischen Metaphysik bzw. das Widerlegen der spekulativen Gottesbeweisen in der \u201cKritik der reinen Vernunft\u201d, hat Kant der theoretischen Vernunft jedes Recht den Gott zu erkennen \/ begreifen abgeschafft. In der theoretischen Erkenntnis hat die Idee des Gottes nur blo\u00df regulative Funktion erhalten. Zwar hat aber Kant das praktisch-moralisches Wissen \u00fcber Gott f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, d.\u00a0h. die Existenz Gottes aus der in der Welt vorkommenden sittlichen Ordnung und Vollkommenheit zu erkl\u00e4ren. Der Gottes Beweis konnte nur die praktische Aufgabe einer Moraltheologie sein. Kant: \u201c&#8230; Moraltheologie eine \u00dcberzeugung vom Dasein eines h\u00f6chsten Wesens ist, welche sich auf sittliche Gesetze gr\u00fcndet\u201d [AA, III, 421].<\/p>\n<p>Aus der eigenen Dialektik der praktischen Vernunft entsteht das Bed\u00fcrfnis die Idee des Gottes in die Grundlegung der Ethik hineinbeziehen. Wenn aber die theoretische Philosophie grunds\u00e4tzlich kein Recht hat, die Idee des Gottes zu begr\u00fcnden, dann entsteht die Gefahr, dass durch das Einbeziehen der Idee des Gottes in die Grundlegung des Sittengesetzes die bindende \/ verbindende Kraft und Bedeutung der Sittlichkeit untergruben und aufgehoben wird.<\/p>\n<p>Der Widerspruch bei der Begr\u00fcndung der Ethik durch Theologie und beim Einbeziehen der Theologie in die Grundlagen der Moral blieb den Zeitgenossen gar nicht unbemerkt.<\/p>\n<p>Es fing eine Suche nach neuen M\u00f6glichkeiten an, die Theologie zu begr\u00fcnden. Dies konnte aber weder in einer <i>praktischen<\/i> noch <i>theoretischen<\/i> Weise geschehen.<\/p>\n<p>Die Eigenartigkeit von Jacobi aber besteht darin, dass seine Glaubensphilosophie jenseits dieser erw\u00e4hnten M\u00f6glichkeiten liegt, damit aber auch ausserhalb der Philosophie im strengen Sinne. Jacobi beanspruchte das philosophische Nichtwissen des Gottes mit dem unphilosopischen \/\/ nichtphilosophischen Wissen zu ersetzen.<\/p>\n<p>Kant hat gezeigt, dass spekulatives Denken unf\u00e4hig ist, \u00fcber die Erfahrungsgrenze zur GottesErkenntnis gelangen, da dadurch bloss Hirngespinste entstehen. Die Ansicht Jacobis aber war, dass die diskurssive Erkenntnis den unnvermeidlich zum etwas Endlichen herabsetzt. Jacobi: \u201cGott, den man wissen k\u00f6nnte, w\u00e4re gar kein Gott\u201d.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p align=\"center\"><b>*\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 *\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 *<\/b><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Im Aufsatz <i>\u201cWas hei\u00dft: Sich im Denken orientieren?\u201d<\/i> (1786) spricht Kant vom reinen Vernunftglaube, der durch das nat\u00fcrliche Bed\u00fcrfnis der Vernunft, die Existenz des h\u00f6chstens Wesens zu vorauszusetzen, entsteht. Dieser reine Vernunftglaube ist bei Kant vom theoretischen Wissen zu unterscheiden: Dasein Gottes l\u00e4sst sich nicht beweisen \/ beweisend zeigen, d.\u00a0h. demonstrieren.<\/p>\n<p>Der reine Vernunftglaube ist sowohl der Offenbarung als auch der historischen \u00dcberlieferung voarauszugehen. Der reine Vernunftglaube ist als deren Grund aufzufassen. Wir brauchen den reinen Vernunftglauben, den Begriff des Gottes, um sich im \u00dcbersinnlichen zu orientieren und unseres Bed\u00fcrfnis nach Erkl\u00e4rung der in der Welt herrschende Ordnung und Zweckm\u00e4ssigkeit zu befriedigen. D.\u00a0h. wir brauchen den Grund, die Erkl\u00e4rung, die unsere Vernunft befriedigt \/ zufrieden stellt. Dabei erhalten wir durch den Vernunftglaube oder Gottesbegriff aber kein Wissen \u00fcber das \u00dcbersinnliche.<\/p>\n<p>Anst\u00f6ssig am SpinozismusStreit zwischen Jacobi und Mendelssohn war f\u00fcr Kant vor allem der Umstand, dass dadurch das Recht der Vernunft \u00fcber die Sachen, die zur \u00fcbersinnlichen Welt geh\u00f6ren \u2014 Gott, Unsterblichkeit \u2014 und nach denen als praktischen Ideen der Mensch naturgem\u00e4ss Bed\u00fcrfniss hat, mitzureden untergruben wird.<\/p>\n<p>Damit aber, dass Jacobi nicht nur die M\u00f6glichkeit die \u00fcbersinnlichen Sachen zu erkennen, sondern zuletzt auch den Vernunftglauben als den Grund des Glaubens \u00fcberhaupt in Frage gestellt hat, hat er nach Kants Meinung den Weg f\u00fcr jeden Aberglauben, sogar den Atheismus aufgemacht.<\/p>\n<p>Keineswegs konnte aber Kant mit dem aus dem Spinozismusstreit sich zu ergebenden Schluss, dass die Philosophie Spinozas bzw. der Spinozismus die einzige mit Vernunftprinzipien \u00fcbereinstimmende Auffassung des Gottes sei.<\/p>\n<p>Obwohl Spinoza in Kants Augen Vertreter der dogmatischen Metaphysik war, dessen Lehre im scharfen Widerspruch zu seinem kritischen Philosophie steht, ergab sich daraus f\u00fcr Kant keineswegs die Unm\u00f6glichkeit des auf die Vernunft gegr\u00fcndeten Glaubens.<\/p>\n<p>Im Fall von J\u00c4SCHE ist entscheidend, dass unter gewissen Unst\u00e4nden die Kantische Auffassung des Glaubens im Sinne des Vernunfts\u00adGlaubens f\u00fcr ihn ihre \u00dcberzeugungskraft eingeb\u00fcsst und er sich dem Jacobischen Gef\u00fchlsglauben bzw. Gef\u00fchlschristentum zugewandt hat.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p align=\"center\"><b>*\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 *\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 *<\/b><\/p>\n<p align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Wie geh\u00f6ren J\u00e4sches Himmelsblick einerseits und seine Kritik am Pantheismus andererseits zusammen? Und was f\u00fcr ein Anblick sollte dann der Himmel \u00fcber Tartu darbieten?<\/p>\n<p>Es ist zu betonen, dass J\u00e4sche im Pantheismus und Spinozismus vor allem eine diskursive Denkweise sieht, die alles Seiende als durch Kausalit\u00e4t bedingt und vermittelt versteht. Damit ist f\u00fcr J\u00e4sche mit einer Doktrin zu tun, die religi\u00f6ses Gef\u00fchl ausschlie\u00dft und die unmittelbare Gegebenheit des Gottes im Gef\u00fchl im Sinne der unbedingten Wirklichkeit verunm\u00f6glicht und dadurch den Glauben an Gott und Unsterblichkeit vernichtet.<\/p>\n<p>Die unendliche Heiterkeit des Himmels im Februar 1808 sollte J\u00e4sche die Gewissheit verschaffen, dass Wunder, Unsterblichkeit, Gott \u2014 dies alles in seiner Unerkl\u00e4rbarkeit \/ Unbegreiflichkeit eine Wirklichkeit ist \u2014 eine Wirklichkeit, in die diesseitige Welt als die Sch\u00f6nheit des Himmels \u00fcber uns, als die Sch\u00f6nheit dieser Welt erscheint.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p align=\"center\"><b>*\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 *\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 *<\/b><\/p>\n<p align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p>J\u00e4sches Blick in den Himmel war weder des Astronomen noch eines anderen Naturwissenschaftlers, der das Erscheinen des Himmels durch die kausale Bedingtheit gesehen h\u00e4tte und dessen fast unendliches Fortgehen \/ Verlaufen des Blickes die Erweiterung der kausalen Zusammenh\u00e4nge auf alles Seiende und dadurch das naturphilosophische Aufl\u00f6sung aller Geheimnisse (auch der g\u00f6ttlichen) versprochen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Obwohl Kantische Lehre die M\u00f6glichkeit, sogar das Bed\u00fcrfnis die Gr\u00fcnde des sittlich-praktischen Glaubens \u2014 die Ideen des Gottes und der Unsterblichkeit \u2014 symbolisch und damit in ekstatischem Erlebnis zu erfahren einr\u00e4umt, darf man nicht au\u00dfer Acht lassen, dass laut Kant es hier nur um die sinnliche Darstellung der Vernunftideen geht; dass man hier mit den reinen Vernunftbegriffen, die grunds\u00e4tzlich kein Objekt\/\/ keinen Gegenstand haben, zu tun hat. Das Gelten \/ die G\u00fcltigkeit dieser Vernunftideen im sittlich-praktischen Sinne kann niemals die objektive Wirklichkeit dieser Ideen (und deren entsprechenden Objekten) beweisen oder ersetzen. (Der Beweis des Daseins von Gott ausgeschlossen.)<\/p>\n<p align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p align=\"center\"><b>*\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 *\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 *<\/b><\/p>\n<p align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Wie der Himmel sich dem Blick J\u00e4sches am Morgen des 9. Februars 1808 erschlossen hat, h\u00e4ngt mit dem n\u00e4chtlichen Erscheinen seiner vor einigen Tagen gestorbenen Gattin \u2014 mit dem verabschiedenden Ber\u00fchrung des Armes. Es war aber unm\u00f6glich ein solches <i>Erscheinen<\/i>, das von J\u00e4sche in einer scharfen Unmittelbarkeit der sinnlichen Wahrnehmungen erfahren wurde, begrifflich zu vermitteln bzw. mit Hilfe der Kategorien zu ordnen, damit kausal zu erkl\u00e4ren \u2014 denn solches Erkl\u00e4ren die Unm\u00f6glichkeit des postmortalen Erscheinen gezeigt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Unter dem Einfluss des Erscheinens des \u00dcbernat\u00fcrlichen im desser sinnlichen Unmittelbarkeit und Sch\u00e4rfe (die verstorbene Frau hat den Arm J\u00e4sches anger\u00fchrt und <i>Gute Nacht!<\/i> gefl\u00fcstert) konnte der sittlich-praktische Glaube an Gott und Unsterblichkeit seine \u00dcberzeugungskraft einb\u00fc\u00dfen, da in Kantischer Auffassung Gott und Unsterblichkeit blo\u00dfe (subjektive) Vernunftbegriffe, blo\u00dfe objektlose Ideen bleiben.<\/p>\n<p>In J\u00e4sche ist das Bed\u00fcrfnis entstanden, den kantischen sittlich-praktischen Glauben zu untermauern. Als strenger Kantianer k\u00f6nnte J\u00e4sche durch theoretisches Erkennen nicht tun, er konnte nicht auf die spekulative GottesErkenntnis pochen. Diesen Weg hat f\u00fcr J\u00e4sche die \u201cKritik der reinen Vernunft\u201d zugemacht. Auch Jacobi stimmte in der Hinsicht mit Kant \u00fcberein. F\u00fcr Jacobi hie\u00df die spekulative Gotteserkenntnis Spinozismus, die zum Atheismus f\u00fchrt. Zwar aber vertrat Jacobi die Auffassung, dass Gott als unbedingte Wirklichkeit uns in einem Glauben, in einem <i>Gef\u00fchl<\/i>, in einer <i>Ahnung<\/i> zug\u00e4nglich ist. Diese unmittelbare Gegebenheit Gottes liegt aber <i>au\u00dferhalb<\/i> jeglicher Philosophie, au\u00dferhalb jeglicher Demonstration. Eben in so einem Gef\u00fchl hat J\u00e4sche den neuen Grund f\u00fcr seinen kantischen sittlich-praktischen Glaube an Gott und Unsterblichkeit gefunden.<\/p>\n<p>Und so konnte der sichtbare Himmel \u00fcber Tartu in seiner heiteren Sch\u00f6nheit nicht als ein blo\u00dfes \u00e4sthetisch-ethisches Sinnbild, d.\u00a0h. als die sinnliche Darstellung der Vernunftidee, sondern als das Symbol, das die Wirklichkeit darstellt, zu der keine Kategorie des Verstandes hinreicht und die von keiner Idee der Vernunft ersch\u00f6pft wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b><i>Die erste Ver\u00f6ffentlichung des Aufsatzes:<\/i><\/b><\/p>\n<p>Parhomenko, Eduard. Himmel als Stimmungsbogen des Denkens \u00fcber Tartu im Februar 1808. Zur Kant-Rezeption in Estland zu Beginn des 19. Jahrhunderts\/\/ 10. Internationale Kant Konferenz. Klassische Vernunft und die Herausforderungen der modernen Zivilisation: Materialien der internationalen Konferenz: in 2 Bd. Hrsg. W.N. Brjuschinkin. \u2013 Kaliningrad: Verlag der Immanuel Kant Universit\u00e4t Kaliningrad, 2010. Band. 2, S. 96 \u2013 104.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Untertitel des Vortrages wurde als \u2018Kant-Rezeption in Estland zu Beginn des 19. Jahrhunderts\u2019 angegeben. So werde ich manches zur Auffassung der Kantischen Philosophie von Gottlob Benjamin J\u00e4sche, des Sch\u00fclers von Immanuel Kant und Professors f\u00fcr theoretische und praktische Philosophie an der Universit\u00e4t Tartu, damals mit deutschem Namen Universit\u00e4t Dorpat, sagen. 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