{"id":367,"date":"2014-04-23T12:01:47","date_gmt":"2014-04-23T12:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/?p=367"},"modified":"2014-04-30T18:21:25","modified_gmt":"2014-04-30T18:21:25","slug":"jurgen-stolzenberg-kant-und-die-medizin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/jurgen-stolzenberg-kant-und-die-medizin\/","title":{"rendered":"J\u00fcrgen Stolzenberg. Kant und die Medizin"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_382\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/IMG_7935.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-382\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-382\" alt=\"J\u00fcrgen Stolzenberg\" src=\"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/IMG_7935-300x199.jpg\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/IMG_7935-300x199.jpg 300w, https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/IMG_7935-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/IMG_7935.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-382\" class=\"wp-caption-text\">J\u00fcrgen Stolzenberg<\/p><\/div>\n<p>Immanuel Kant ist Zeit seines Lebens nie ernstlich krank gewesen. Als er am 12. Februar 1804, etwas mehr als zwei Monate vor Vollendung seines 80. Lebensjahres starb, da war es, wie sein Biograph Wasianski schreibt, \u201eein Aufh\u00f6ren des Lebens und nicht ein gewaltsamer Akt der Natur\u201c (W 291). Dieses Leben war in den letzten Jahren zunehmend beschwerlicher geworden. Das v\u00f6llige Fehlen der Z\u00e4hne, Verstopfung, Schwierigkeiten beim Wasserlassen, der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, der zunehmende Verfall der Kr\u00e4fte des K\u00f6rpers und des Geistes lie\u00dfen in Kant den Wunsch zu sterben aufkommen. \u00d6fters klagte er, er k\u00f6nne der Welt nicht mehr n\u00fctzen und wisse nicht, was er mit sich anfangen solle. Unter dem 24. April 1803 \u2013 zwei Tage nach Vollendung des 79. Lebensjahres \u2013 findet sich in seinem Notizbuch die folgende Eintragung: \u201eNach der Bibel: Unser Leben w\u00e4hret 70 Jahr und, wenn\u2019s hoch kommt, 80 Jahr und wenn\u2019s k\u00f6stlich war, ist es M\u00fche und Arbeit gewesen.\u201c (K\u00fchn 484, Wasianski, 265) Kants Leben ist M\u00fche und Arbeit gewesen, und so ist es denn auch wohl ein k\u00f6stliches Leben gewesen.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Thema <i>Kant und die Medizin<\/i> scheint Kants \u00e4u\u00dfere Biographie somit ganz unergiebig zu sein, und so h\u00e4tte man sich weniger an Kants Leben als an seinem Werk zu orientieren. Aber auch hier sprudeln die Quellen nicht gerade reichlich. Ein eigenst\u00e4ndiges systematisches Werk zu Fragen der Medizin aus der Feder Kants gibt es nicht. Zu nennen ist nur Kants letztes Werk, der <i>Streit der Fakult\u00e4ten<\/i> aus dem Jahre 1798. Hier \u00e4u\u00dfert sich Kant unter anderem zur Bedeutung und Stellung der Medizinischen Fakult\u00e4t unter den Fakult\u00e4ten der Universit\u00e4t. Mit subtiler Ironie r\u00e4umt Kant der Medizin eine Sonderstellung ein, wenngleich nur \u201edem Naturinstinkte nach\u201c; \u201enach der Vernunft\u201c w\u00e4re die theologische Fakult\u00e4t an die h\u00f6chste Stelle zu setzen, gefolgt von der juristischen und medizinischen Fakult\u00e4t.<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Gleb\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/X8MCC7NN\/Kant%20und%20die%20Medizin%20Leopoldina%202013%20-%20letzte%20Fassung%20ohne%20PPP.doc#_ftn1\">[1]<\/a> Vor der Jurisprudenz und der Theologie komme der Medizin \u201adem Naturinstinkte nach\u2019 insofern eine Sonderstellung zu, als es <i>der Arzt<\/i> sei, der \u201edem Menschen sein Leben fristet\u201c, w\u00e4hrend der Jurist ihm nur das \u201ezuf\u00e4llige Seine zu erhalten verspricht\u201c und der Geistliche, der zwar in der letzten Stunde um Beistand angerufen wird, doch selber des Arztes bedarf, um ihm das Leben zu erhalten, ein Leben, das er um der \u201eGl\u00fcckseligkeit in einer zuk\u00fcnftigen Welt willen\u201c, die er zwar preist, von der er hier auf Erden aber gar nichts vor sich sieht, nicht bereit ist hinzugeben, von dem er vielmehr w\u00fcnscht, dass es ihm \u201ein diesem Jammertale\u201c noch einige Zeit erhalten bleibe. (SF A 14)<\/p>\n<p>In Kants letztem Werk finden sich denn auch \u2013 mit einer gewissen \u201eSprachseligkeit\u201c des Alters, wie Kant einr\u00e4umt und f\u00fcr die er sich entschuldigt \u2013, als Antwort auf die Abhandlung eines der ber\u00fchmtesten \u00c4rzte seiner Zeit,<b> <\/b><i>Christoph Wilhelm Hufeland<\/i>s <i>Makrobiotik oder die Kunst, das menschliche Leben zu verl\u00e4ngern<\/i>, seine Vorstellungen \u00fcber die Pflege und die Erhaltung der Gesundheit, wie die Vorteile der Nasenatmung zur Verh\u00fctung von Hustenkrankheiten und die streng bemessene Dauer des Schlafs. Das, was der alte Kant hier im Sinne einer aufgekl\u00e4rt-vern\u00fcnftigen Di\u00e4tetik empfiehlt, das ist nicht nur durch die seit der Antike bekannten Regeln f\u00fcr eine gesunde Lebensf\u00fchrung sozusagen gedeckt, das konnte Kant selber gleichsam durch die Tat, und das hei\u00dft, durch seine eigene Lebensf\u00fchrung und das erreichte hohe Alter als bewiesen ansehen. \u00dcberdies hatte Kant die Entwicklungen in der Medizin Zeit seines Lebens mit Interesse verfolgt. Er stand mit f\u00fchrenden \u00c4rzten seiner Zeit, wie <i>Markus Herz<\/i>, <i>Johann Benjamin Erhard<\/i> und dem genannten <i>Christoph Wilhelm Hufeland<\/i> in brieflichem und freundschaftlichem Kontakt, und insbesondere in seinen letzten Lebensjahren nahm er an den medizinischen Debatten seiner Zeit regen Anteil. Wendet man sich den diesbez\u00fcglichen Quellen und ihren Kontexten zu, dann er\u00f6ffnet sich f\u00fcr das Thema <i>Kant und die Medizin<\/i> nun doch ein weites Feld. Es ist ein Feld, das die Bereiche der Theorie und der Geschichte der Medizin, der Wissenschaftstheorie, der Naturphilosophie und schlie\u00dflich auch noch die medizinische Ethik unserer Gegenwart umfasst. Mit diesem Feld m\u00f6chte ich Sie heute abend auf einigen Streifz\u00fcgen bekannt machen. Der erste Streifzug steht unter dem Motto \u201eHypochondrie und die Krankheiten des Kopfes\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0<b>I. Hypochondrie und die Krankheiten des Kopfes<\/b><\/p>\n<p>Zu einer Dame, die ihn nach seinem Befinden fragte, \u00e4usserte Kant einmal, dass er eigentlich nie gesund und nie krank sei. Jenes, weil er einen Schmerz, ein Dr\u00fccken unter der Brust, auf dem Magenmunde, wie er sagte, f\u00fchle, das ihn nie, nie verliesse; dieses, weil er niemals auch nur einen Tag krank gelegen oder der \u00e4rztlichen Hilfe (ausser ein paar Pillen, die er sich gegen Obstruktionen von seinem Schulfreunde, dem Doktor Trummer, hatte verschreiben lassen) bed\u00fcrftig gewesen w\u00e4re\u201c (Borowski, 52). Die Pillen bestanden \u00fcbrigens, wie Wasianski berichtet, \u201eaus gleichen Teilen venezianischer Seife, verdickter Ochsengalle, Rhabarber und der Ruffinschen Pillenmasse\u201c (W, 291). Mag man in Kants \u00c4u\u00dferung den Ton einer leisen courtoisen Selbstironie h\u00f6ren, in dem er sein Leben in einem andauernden Schwebezustand zwischen Gesundheit und Krankheit befindlich schildert, so d\u00fcrfte eine andere Interpretation wohl treffender sein. Sie findet sich in einer zeitgen\u00f6ssischen Schrift \u00fcber die <i>Hypochondrie<\/i>. Dort heisst es gleich zu Beginn:<\/p>\n<p>\u201e\u00a7 1. Die Hypochondrie ist eine langwierige Krankheit, bei welcher man sich\u00a0\u00a0\u00a0 selten recht krank und niemals recht gesund befindet.\u201c (B\u00f6hme 396)<\/p>\n<p>In der Tat sah Kant sich selbst als einen Hypochonder an, genauer als einen Menschen, der eine nat\u00fcrliche Anlage zur Hypochondrie habe, deren physische Ursachen er aber zu beschreiben und deren psychische Wirkungen er mit Hilfe der Vernunft zu meistern gewusst habe. \u201eIch habe\u201c, so schreibt Kant an Hufeland, \u201ewegen meiner flachen und engen Brust, die f\u00fcr die Bewegung des Herzens und der Lunge wenig Spielraum l\u00e4sst, eine nat\u00fcrliche Anlage zur Hypochondrie, welche in fr\u00fcheren Jahren bis an den \u00dcberdruss des Lebens grenzte. Aber die \u00dcberlegung, dass die Ursache dieser Herzbeklemmung vielleicht bloss mechanisch und nicht zu heben sei, brachte es bald dahin, dass ich mich an sie gar nicht kehrte und w\u00e4hrend dessen, dass ich mich in der Brust beklommen f\u00fchlte, im Kopf doch Ruhe und Heiterkeit herrschte [&#8230;]. Die Beklemmung ist mir geblieben; denn ihre Ursache liegt in meinem k\u00f6rperlichen Bau. Aber \u00fcber ihren Einfluss auf meine Gedanken und Handlungen bin ich Meister geworden durch Abkehrung der Aufmerksamkeit von diesem Gef\u00fchle, als ob es mich gar nicht anginge.\u201c (Streit der Fakult\u00e4ten, 103\/4)<\/p>\n<p>Kants Schilderung der Ursachen der Hypochondrie stimmt mit der traditionellen Auffassung \u00fcberein. Demnach geht sie vom <i>Hypochondrom<\/i>, der Gegend unterhalb des knorpeligen Endes des Brustbeins, aus und betrifft den Oberbauch \u2013 Magen, Darm, Milz und Leber. Als prim\u00e4re Ursache werden Verdauungsprobleme, insbesondere Verstopfungen angesehen, die durch falsche Lebensf\u00fchrung verursacht werden und zur Hypochondrie f\u00fchren k\u00f6nnen, die sich in Zust\u00e4nden der Angst, der Traurigkeit, Einsamkeitsgef\u00fchlen, Gef\u00fchlen der Schw\u00e4che, der Niedergeschlagenheit, Suizidgedanken und in Unruhe \u00e4u\u00dfert. Nach humoralpathologischer Lehre kommt hierbei der Schwarzen Galle \u2013 der <i>melan chole<\/i> im Griechischen \u2013 als Kardinalsaft und der Milz als korrespondierendem Organ eine besondere Bedeutung zu. Und auch die von Kant empfohlene und offenbar mit Erfolg praktizierte therapeutische Maxime der Ablenkung ist in den zeitgen\u00f6ssischen medizinischen Handb\u00fcchern gut belegt. Kants beredte Schilderung der Hypochondrie erlaubt es nun aber auch, sich von der biographischen Person Kants ab- und dem zuzuwenden, was man die <i>Psychopathologie eines Zeitalters<\/i> nennen kann, des Zeitalters der Aufkl\u00e4rung, das das Zeitalter Kants war.<\/p>\n<p>In der Geschichte der Hypochondrie kommt dem 18. Jahrhundert eine besondere Bedeutung zu. In ihm wurde die Hypochondrie sozusagen zur Modekrankheit. Zeitgen\u00f6ssischen Quellen zufolge waren es bis zu zwei Drittel Hypochonder, die die \u00e4rztlichen Praxen aufsuchten. Dem entspricht eine wahre Flut von Literatur zum Ph\u00e4nomen der Hypochondrie. Sie reicht von Lustspielen wie Johann Theodor Quistorps \u201eDer Hypochondrist\u201c \u00fcber eine erfolgreiche Holsteinische Wochenschrift unter dem Titel \u201eDer Hypochondrist\u201c, einer \u00fcber sechs Jahre hin gef\u00fchrten Kolumne im angesehenen London Magazin \u201eThe Hypochondriack\u201c bis zu einer reichhaltigen wissenschaftlichen Literatur zum Thema. Wie ist das zu verstehen?<\/p>\n<p>Die Hypochondrie galt im 18. Jahrhundert allgemein als Zivilisationskrankheit. Ihren Hauptsitz hatte sie in England, dem industriell am weitesten entwickelten Land der Zeit. So erkl\u00e4rt sich auch der f\u00fcr die Hypochondrie gebr\u00e4uchliche Name der <i>Englischen Krankheit<\/i>. Der Ausdruck <i>Spleen,<\/i> der zun\u00e4chst nur die Gegend der erw\u00e4hnten Hypochondrien unterhalb des Endes des Brustbeins bezeichnete, wurde bald zum Ausdruck f\u00fcr nerv\u00f6se St\u00f6rungen und Verr\u00fccktheiten, die als fixe Idee anzusehen sind. W\u00e4hrend die Hypochondrie zun\u00e4chst und vor allem als \u201aGelehrtenkrankheit\u2019 galt, da die \u00fcberwiegend sitzende Lebensweise f\u00fcr die Oberbauchorgane als sch\u00e4dlich angesehen wurde, weitete sie sich recht bald rapide aus und galt schliesslich als eine Krankheit, f\u00fcr deren Ursache das <i>moderne Leben<\/i> insgesamt verantwortlich gemacht wurde.<\/p>\n<p>Hierf\u00fcr lassen sich mehrere Umst\u00e4nde und Faktoren angeben. Die mit der beginnenden Industrialisierung einhergehende Arbeitsteilung, die Verl\u00e4ngerung der Arbeitszeit und die Einf\u00f6rmigkeit der Verrichtungen f\u00fchrte zu dauerhaften und einseitigen Belastungen des K\u00f6rpers. Dem sind nur scheinbar der sich ausbreitende Luxus und das damit einhergehende Ph\u00e4nomen der Langeweile entgegengesetzt. Sie beg\u00fcnstigten die verst\u00e4rkte Aufmerksamkeit auf das eigene k\u00f6rperliche und seelische Wohlbefinden. Auf der anderen Seite sind die Beeintr\u00e4chtigungen und St\u00f6rungen des biologischen Lebensrhythmusses durch ein unentwegtes T\u00e4tigsein zu nennen, sowie der sich ausweitende Genuss von Luxusartikeln wie Kaffee, Tee und Tabak, die als Stimulanzen dienten, um das Arbeiten gegen den nat\u00fcrlichen Rhythmus von Schlafen und Wachen durchzuhalten. Schlie\u00dflich ist es das insbesondere im 18. Jahrhundert sich wandelnde st\u00e4dtische Leben, in dem sich die genannten Faktoren wie in einem Brennspiegel b\u00fcndeln. In diesem Sinne darf man sagen, und zwar in \u00dcbereinstimmung mit zahlreichen Autoren der Zeit, dass das Syndrom <i>Hypochondrie<\/i> ein Produkt der beginnenden Moderne ist, die im 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufkl\u00e4rung, ihren bis heute andauernden Lauf nahm.<\/p>\n<p>Einer dieser Autoren war, von der gelehrten Forschung bisher kaum beachtet, der junge Immanuel Kant. Im Jahre 1764 hatte Kant, er stand im 40. Lebensjahr, eine Schrift mit dem Titel <i>Versuch \u00fcber die Krankheiten des Kopfes<\/i> in den Druck gegeben (AA II, 259-271).<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Gleb\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/X8MCC7NN\/Kant%20und%20die%20Medizin%20Leopoldina%202013%20-%20letzte%20Fassung%20ohne%20PPP.doc#_ftn2\">[2]<\/a> Hier verbinden sich auf eine in Kants Schriften seltene, h\u00f6chst subtile Weise \u201aScherz, Ironie, Satire und tiefere Bedeutung\u2019, um Christian Dietrich Grabbe zu zitieren, und zwar in einer offensichtlich kulturkritischen Absicht. Der begeisterte Rousseau-Leser Kant h\u00e4lt seinem Zeitalter ein mit spitzer Feder gestochenes Tableau der geistigen und psychischen Defekte vor Augen, die, wie Kant sich ausdr\u00fcckt, im Gefolge des \u201ek\u00fcnstlichen Zwangs und der \u00dcppigkeit der b\u00fcrgerlichen Verfassung\u201c, wenn nicht entstehen, so doch beg\u00fcnstigt, unterhalten und vermehrt werden. Die entstehende, auf das Prinzip des Utilitarismus eingeschworene b\u00fcrgerliche Gesellschaft, in der die Parvenues zu Mitgliedern einer neuen <i>Meritokratie<\/i> werden und in der das Leben zum \u00dcberleben derer wird, die sich am kl\u00fcgsten Vorteil und Anerkennung zu verschaffen wissen, diese b\u00fcrgerliche Gesellschaft, so schreibt Kant, \u201eheckt Witzlinge und Vern\u00fcnftler, gelegentlich aber auch Narren und Betr\u00fcger aus und gebiert den weisen oder sittsamen Schein, bei dem man sowohl des Verstandes als der Rechtschaffenheit entbehren kann, wenn nur der sch\u00f6ne Schleier dichte genug gewebt ist, den die Anst\u00e4ndigkeit \u00fcber die geheime Gebrechen des Kopfes oder des Herzens ausbreitet.\u201c (259) Mit unverhohlener Ironie identifiziert sich der junge Kant sodann mit jenen vorgeblich weisen und wohlgesitteten B\u00fcrgern, unter denen er lebe, indem er von ihnen ein Zutrauen in die eigene \u201eFeinigkeit\u201c erbittet, auch dann, wenn er in der Lage w\u00e4re, die Krankheiten des Kopfes und des Herzens mit den \u201ebew\u00e4hrtesten Heilmitteln\u201c zu beheben, \u201ediesen altv\u00e4terischen Plunder, dem \u00f6ffentlichen Gewerbe [nicht] in den Weg zu legen, zumal die \u00c4rzte des Verstandes, die sich <i>Logiker<\/i> nennen, die wichtige Entdeckung gemacht haben: dass der menschliche Kopf eigentlich eine Trommel sei, die nur darum klingt, weil sie leer ist.\u201c (260) Dass dies zugleich ein Hieb gegen den \u00c4rztestand und die \u00e4rztliche Praxis seiner Zeit darstellt, den er mit launiger Ironie gegen sein eigenes Vorhaben richtet, das zeigt die Ank\u00fcndigung, mit seiner Schrift nur die Methode der \u00c4rzte nachzuahmen, welche glauben, ihren Patienten sehr viel genutzt zu haben, wenn sie einer Krankheit Namen geben. In dieser Absicht entwirft Kant eine \u201ekleine Onomastik der Gebrechen des Kopfes\u201c, die \u201evon der L\u00e4hmung desselben an in der <i>Bl\u00f6dsinnigkeit<\/i> bis zu dessen Verzuckungen in der <i>Tollheit\u201c <\/i>(260) reicht, deren \u201emildere Grade\u201c sich indessen zwischen <i>Dummk\u00f6pfigkeit<\/i> und <i>Narrheit<\/i> bewegen, die in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft zwar gangbarer seien, am Ende aber zu den ersten \u00dcbeln f\u00fchren. Und hier findet auch die <i>Hypochondrie<\/i> ihren Platz, die Kant ebenso treffend wie humorvoll als eine st\u00e4ndige grillenhafte Furcht krank zu sein beschreibt, mit der aber auch andere Einbildungen und fixe Ideen verbunden sind.<\/p>\n<p>Mit funkelndem Witz und begrifflicher Virtuosit\u00e4t entwirft Kant ein satirisches Gegenst\u00fcck zu den medizinischen Handb\u00fcchern seiner Zeit, die sich in immer neuen und differenzierteren Nosologien, d.h. Lehren von der Erscheinungsform einer Krankheit und diesbez\u00fcglichen Systematiken \u00fcbertrafen, ohne, wie Kant es \u2013 ironisch\u00a0 mit Bezug auf sich selbst \u2013 formuliert hatte, die beschriebenen Krankheiten \u201eaus dem Grunde heben\u201c zu k\u00f6nnen. Das, so lautet die eigentliche Botschaft des jungen Kant, gilt in Wahrheit f\u00fcr die \u00e4rztliche Kunst selbst. Eben der Kant, der mit den bedeutendsten Kaufmannsfamilien in K\u00f6nigsberg und mit dem Adel auf dem Gut der <i>Kayserlingks<\/i> als gern und oft gesehener Gast verkehrte, dessen gesellschaftliche Gewandtheit man sch\u00e4tzte, der sich stets mit Geschmack und <i>\u00e0 la mode<\/i> kleidete, dieser \u201aelegante Magister Kant\u2019, wie man ihn nannte, legte dem Publikum seiner Zeit eine gelehrte Satire vor, in der die b\u00fcrgerliche Gesellschaft als Tollhaus erscheint, das auf dem Fundament der Aufkl\u00e4rung und des zivilisatorischen Fortschritts errichtet ist, dessen Bewohner Narren sind, die sich ihre \u00dcbel selbst bereitet haben und f\u00fcr die eine Aussicht auf Heilung kaum zu hoffen steht. Wie es damit heute steht, \u00fcberlasse ich Ihrem Urteil.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>II. Das Problem der Pockenimpfung<\/b><\/p>\n<p>Vom fr\u00fchen Kant werfe ich einen Streifblick auf den sp\u00e4ten Kant. Dass Kant, auch und verst\u00e4rkt in seinen letzten Lebensjahren, den Problemen der zeitgen\u00f6ssischen medizinischen Praxis gegen\u00fcber empf\u00e4nglich und sensibel war, belegen seine \u00dcberlegungen zur Pockenimpfung. Im Rahmen der Er\u00f6rterung der moralischen Zul\u00e4ssigkeit des Selbstmords wirft Kant in seiner sp\u00e4ten <i>Tugendlehre<\/i> die kasuistische Frage auf, ob die Pockenimpfung moralisch erlaubt sei. Das Problem ergibt sich aus der Kollision der zu Kants Zeit noch verbreiteten t\u00f6dlichen Folgen der Pockenimpfung mit der Pflicht der Selbsterhaltung, f\u00fcr die Kant zuvor aus Prinzipien seiner ethischen Theorie argumentiert.<\/p>\n<p>\u201eWer sich die Pocken einimpfen zu lassen beschlie\u00dft, wagt sein Leben aufs Ungewisse, ob er es zwar tut, <i>um sein Leben zu erhalten<\/i>, und ist insofern in einem weit bedenklicheren Fall des Pflichtgesetzes als der Seefahrer, welcher doch wenigstens den Sturm nicht macht, dem er sich anvertraut, statt dessen jener die Krankheit, die ihn in Todesgefahr bringt, sich selbst zuzieht. Ist also die Pockeninokulation erlaubt?\u201c (AA VI, 424)<\/p>\n<p>Kant hat diese Frage hier nicht beantwortet, sondern dem Leser zur eigenen Urteilsfindung vorgelegt. Biographischen Quellen aus Kants letzten Lebensjahren ist zu entnehmen, dass Kant gegen die damals aktuelle Schutzimpfung mit Kuhpocken (die sog. <i>Vakzinierung<\/i>) starke Bedenken \u00e4u\u00dferte, die vor allem auf betr\u00e4chtlichen Unklarheiten \u00fcber den Erfolg der Impfung beruhten.<\/p>\n<p>Einige Reflexionen aus dem Nachlass geben einen Einblick in Kants weitere \u00dcberlegungen zur Pockenimpfung. Sie sind durch besorgte Anfragen veranlasst, die Kant von dem jungen\u00a0 <i>Leopold Fabian Emil Reichsgraf zu Dohna<\/i> erhalten hatte. Diesem war, wie er schreibt, Kants \u201eTugendlehre\u201c zum \u201eHandbuch geworden\u201c. Das Kantische System habe er \u201edurch ein Privatissimum beim Professor Beck damals in Halle\u201c (AA XII, 284) kennen gelernt. Seine junge schwangere Frau habe den festen Vorsatz gefasst, sich der Pockenimpfung zu unterziehen, \u00fcber dessen moralische Zul\u00e4ssigkeit der Graf nun von Kant Aufschlu\u00df suchte. Auch der Hallische Medizinprofessor <i>Johann Christian Wilhelm Juncker<\/i> (1761-1800), der sich die Ausrottung der Pocken zur Lebensaufgabe gemacht hatte, wandte sich an Kant mit der Bitte um Aufkl\u00e4rung in dieser Sache. Er hatte seine Anfrage \u00fcbrigens auch an mehrere Hallenser Philosophieprofessoren gerichtet. Der alte Kant beabsichtigte eine \u00f6ffentliche Antwort an prominenter Stelle, wie der folgenden Notiz zu entnehmen ist, in der er erinnernd auch auf die \u201ecasuistische Aufgabe\u201c der <i>Tugendlehre<\/i> Bezug nimmt:<\/p>\n<p>\u201eIn die Jahrb\u00fccher der preu\u00dfischen Monarchie einen Brief an den Graf Dohna, die Pockenimpfung und der Zul\u00e4\u00dfigkeit betreffend [mit Vermerk: Er\u00f6rterung einer casuistischen Aufgabe, die Zul\u00e4\u00dfigkeit oder Unzul\u00e4\u00dfigkeit der Pockeneinimpfung betreffend (vide Rechtslehre)], mit R\u00fccksicht auf Prof. Juncker in Halle, den Feuerl\u00e4rm dar\u00fcber zu m\u00e4\u00dfigen.\u201c (AA 15,2; 971)<\/p>\n<p>Eine gedruckte Antwort liegt nicht vor. Kant wiederholt in seinen privaten Notizen das Argument der Unsicherheit der Wirkung der Impfung, mit der auch eine Fremdgef\u00e4hrdung verbunden sei und erweitert die \u00dcberlegungen um das Problem der Gef\u00e4hrdung von Kindern, \u201edie selbst kein Urteil haben\u201c, also einwilligungsunf\u00e4hig sind. An mehreren Stellen brechen die Manuskriptfragmente ohne Entscheidung ab.<\/p>\n<p>In <i>einer<\/i> Reflexion allerdings erprobt Kant eine positive Antwort. Die Pockenimpfung wird mit Blick auf die zeitgen\u00f6ssische medizinische Praxis zu den \u201eheroischen Mitteln\u201c gerechnet, Mittel, wie Kant ausf\u00fchrt, \u201ewelche auf Leben und Tod, oder was eben so viel ist, auf die Gefahr des Patienten lebenslang krank zu werden dabey gewagt w\u00fcrden\u201c (AA XV, 2; 971f.).<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Gleb\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/X8MCC7NN\/Kant%20und%20die%20Medizin%20Leopoldina%202013%20-%20letzte%20Fassung%20ohne%20PPP.doc#_ftn3\">[3]<\/a> Angesichts dieser Situation, und das heisst, bei nicht hinreichend gesichertem Heilerfolg mit m\u00f6glicherweise t\u00f6dlichem Ausgang darf, so f\u00fchrt Kant nun aus, nicht ein einzelner Mensch t\u00e4tig werden, sondern nur die Regierung eines Staates kann bzw. darf \u201edie Pockenimpfung <i>durchg\u00e4ngig<\/i> anbefehle[n], da sie dann f\u00fcr jeden Einzelnen unvermeidlich: mithin erlaubt ist\u201c. Dem ist zu entnehmen, dass Kant die Pockenimpfung mit Blick auf den noch unzureichenden Stand der Wissenschaft und der medizinischen Praxis seiner Zeit f\u00fcr moralisch unzul\u00e4ssig h\u00e4lt und das moralische Problem auf der Ebene des Politischen durch den Machtspruch des Souver\u00e4ns, des einzigen, der zur Gesetzgebung befugt ist, zu l\u00f6sen sucht (s. Brandt zu \u201eKant, was bleibt?\u201c). Ob dieser Ausweg zu \u00fcberzeugen vermag, soll hier dahingestellt bleiben. Ob damit Kants letztes Wort in dieser Sache gesprochen ist, l\u00e4sst sich nicht ausmachen.<\/p>\n<p>Von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung in Sachen <i>Kant und die Medizin<\/i> ist etwas anderes. Am Ende des Jahrhunderts, noch zu Lebzeiten Kants, ergriff der kritische Geist Kants die Medizin und entfachte eine vehemente und wirkungsm\u00e4chtige Diskussion \u00fcber ihre theoretischen Grundlagen. Davon soll in dem folgenden Streifzug unter dem Stichwort \u201eKant und die Kritik der Medizin\u201c die Rede sein.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>III. Kant und die Kritik der Medizin<\/b><\/p>\n<p>Gleichsam als Proszenium mag die folgende Begebenheit dienen. Der hochber\u00fchmte Anatom, Physiologe und Physiker <i>Samuel Thomas S\u00f6mmering<\/i> (1755\u20131830) glaubte nach umfangreichen anatomischen Untersuchungen, den Sitz der Seele in der Fl\u00fcssigkeit der Hirnventrikel ausfindig gemacht zu haben (<i>\u00dcber das Organ der Seele<\/i>, 1796).<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Gleb\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/X8MCC7NN\/Kant%20und%20die%20Medizin%20Leopoldina%202013%20-%20letzte%20Fassung%20ohne%20PPP.doc#_ftn4\">[4]<\/a> In der Hoffnung, von der h\u00f6chsten philosophischen Autorit\u00e4t seiner Zeit eine Best\u00e4tigung seiner \u00dcberzeugung zu erhalten, wandte er sich an Kant mit der Bitte um einen Kommentar. Kants Antwort war vernichtend. \u00dcber den Sitz der Seele, so liess sich Kant vernehmen, lasse sich gar nichts mit Bestimmtheit ausmachen, da das, was wir die Seele nennen \u2013 das Bewusstsein unserer psychischen Erlebnisse \u2013, nur ein Gegenstand des inneren Sinnes ist, der zu einer Ortsbestimmung nicht in der Lage ist. Soll dies m\u00f6glich sein, so m\u00fcsste die Seele sich selbst \u201ezum Gegenstand ihrer eigenen <i>\u00e4usseren<\/i> Anschauung machen und sich ausser sich selbst versetzen [&#8230;], welches sich widerspricht.\u201c (S\u00f6mmering 1796, 86 \u2013Wiesing 6) Kants Kommentar ist nicht nur f\u00fcr die Geschichte der Neurobiologie von Bedeutung, sofern hier die Hirnphysiologie mit erkenntniskritischen Argumenten von metaphysischen Spekulationen \u00fcber die Existenz der Seele und ihren Ort im menschlichen K\u00f6rper befreit wird, er gab auch die Richtung vor, in der Kants kritische Philosophie in der am Ende des Jahrhunderts aufbrechenden Grundlagenkrise der Medizin wirksam werden sollte.<\/p>\n<p>Diese Krise wurde manifest in einem polemischen, im Jahre 1795 in Christoph Martin Wielands Zeitschrift <i>Der Neue<\/i> <i>Teutsche Merkur<\/i> anonym ver\u00f6ffentlichten Artikel <i>\u00dcber die Medizin<\/i>. <i>Arkes<b>\u00ed<\/b>las an \u00c9kdemos, <\/i>der aus der Feder des eingangs erw\u00e4hnten N\u00fcrnberger Arztes, Kant-Sch\u00fclers, H\u00f6rer Reinholds in Jena, Kritiker Fichtes, Freundes Friedrich von Hardenbergs und Jakobiners <i>Johann Benjamin Erhard<\/i> stammte. Mit dieser Schrift, der Erhard mit Absicht den Namen des antiken dialektischen Skeptikers und Begr\u00fcnders der sog. zweiten platonischen Akademie, <i>Arkes\u00eclaos,<\/i> voranstellte, wollte Erhard nach eigener Aussage \u201edie deutschen \u00c4rzte aus ihrem Traume \u00fcber die Vortrefflichkeit ihrer Kunst [&#8230;] wecken.\u201c (Versuch, 8; vgl. Henrich, 1351ff, hier: 1354 und Angaben)<\/p>\n<p>Das tat er gr\u00fcndlich und mit Erfolg. Eine der zentralen skeptischen Thesen Erhards war es, dass die Medizin seiner Zeit den Titel einer Wissenschaft nicht f\u00fchren k\u00f6nne und d\u00fcrfe, weil ihre Erkenntnisse nicht die erforderliche Sicherheit und Gewissheit aufweisen, und dies deswegen, weil sie noch gar nicht \u00fcber einen sicheren <i>Begriff<\/i> von ihrem Gegenstand, dem Menschen und seinen Krankheiten, verf\u00fcge. Die im Umlauf befindlichen Krankheitsbegriffe beziehen sich n\u00e4mlich nur auf das, was man mit den Sinnen wahrnehmen kann, was man sehen, f\u00fchlen, ertasten, riechen und schmecken kann, aber nicht auf die inneren Vorg\u00e4nge im K\u00f6rper \u2013 eine These, die sich leicht durch beliebige zeitgen\u00f6ssische Krankheitsgeschichten best\u00e4tigen lie\u00dfe, die sich in der Regel auf die unmittelbar wahrnehmbaren prim\u00e4ren Vitalreaktionen beziehen. Daher hat der Arzt kein Kriterium an der Hand, das es ihm erlaubt, zwischen einem Symptom und der eigentlichen Krankheit zu unterscheiden. So l\u00e4sst schon das <i>Indicans<\/i> die zu fordernde Sicherheit und Gewissheit vermissen.<\/p>\n<p>Aber auch die Methoden, mit denen der Arzt von seinem Befund aus zu Handlungsanweisungen kommen soll \u2013 der <i>Indicatio<\/i> \u2013 sind, so Erhard, unsicher und unbrauchbar. Und hier spricht der Philosoph: Was in einem konkreten Fall zu tun ist, das, so Erhard, kann sich nur aus einem <i>praktischen Vernunftschluss<\/i> ergeben: Der <i>Obersatz <\/i>muss das Vorliegen einer bestimmten Krankheit sicher konstatieren. Der <i>Untersatz<\/i> muss eine sichere Aussage dar\u00fcber sein, was im K\u00f6rper vorgehen muss, damit die so bestimmte Krankheit behoben werden kann. Die C<i>onclusio<\/i> sagt dann, welches Vorgehen angezeigt ist, um die Krankheit zu beheben, und zwar aufgrund einer sicheren Kenntnis der Wirkungsweise bestimmter Heilmittel mit Bezug auf bestimmte Vorg\u00e4nge im K\u00f6rper. Weil aber der Obersatz und auch der Untersatz ungewiss sind, das heisst, weil der Zusammenhang zwischen k\u00f6rperlichen Funktionen und bestimmten Erscheinungen physiologisch und pathologisch nicht zuverl\u00e4ssig erkannt ist, fehlt es der Medizin sowohl an wissenschaftlichen Erkenntnissen \u00a0hinsichtlich des Vorliegens einer Krankheit als auch an einer wissenschaftlich begr\u00fcndeten Theorie der Heileingriffe. (vgl. Wiesing 7) Und deswegen gibt es auch keine Sicherheit mit Bezug auf die Wirkungsweise von Heilmitteln, dem <i>Indicatum<\/i>. Das Angebot von Heilmitteln gleiche, so klagt Erhard, einer \u201eR\u00fcmpelkammer\u201c, eben weil es keine gesicherten Erkenntnisse dar\u00fcber gebe, warum ein bestimmtes Mittel gegen eine bestimmte Krankheit wirkt, warum etwa ein Brechmittel bei <i>einer<\/i> bestimmten Krankheit eine heilende Wirkung hat, bei einer <i>anderen<\/i> nicht. Erhards sp\u00f6ttisches Resumee. \u201eEs bleibt der Medizin also nichts vor der Philosophie, als dass sie [die Medizin] \u00f6fter reich macht.\u201c (Ark., 338)<\/p>\n<p>Man kann Erhards <i>Philippica<\/i> indessen nur dann angemessen verstehen, wenn man sie vor dem Hintergrund der Situation der Medizin am Ende des 18. Jahrhunderts wahrnimmt. In der Medizin, so l\u00e4sst sich sagen, klafften am Ende des 18. Jahrhunderts Theorie und Praxis weit auseinander. W\u00e4hrend die Physiologie und Anatomie auf dem Gebiete der Atmungs-, Stoffwechsel- und Verdauungsphysiologie, sowie im Bereich der H\u00e4modynamik (der Lehre von den physikalischen Grundlagen der Blutbewegung), der Osteogenese (der Knochenbildung)<b>,<\/b> der Embryologie und anderen Forschungszweigen, dem neuzeitlichen Wissenschaftsverst\u00e4ndnis folgend, mit der Methode der Hypothesenbildung und der experimentellen \u00dcberpr\u00fcfung sei langem bedeutende Ergebnisse vorweisen und auch die Erkenntnis der Physik und Chemie in sich aufnehmen konnte, beschr\u00e4nkte sich die <i>Therapie<\/i> weitgehend auf die von der antiken Humoralpathologie her tradierten, \u00fcberwiegend ausleerenden Heilverfahren. Man lie\u00df zur Ader, schr\u00f6pfte, klistierte, verordnete Abf\u00fchr- und Brechmittel \u2013 was der kranke K\u00f6rper nur zulie\u00df, um ihn von den angeblich sch\u00e4dlichen S\u00e4ften zu befreien. So standen im Ausgang des 18. Jahrhunderts die neuzeitliche, mechanistisch verfasste Physiologie und Anatomie auf der einen Seite, das hippokratisch-aristotelisch-galenische Grundkonzept der Krankheitslehre auf der anderen Seite in einer unvers\u00f6hnlichen Spannung einander gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Erhards Artikel, der die Krisensymptome der zeitgen\u00f6ssischen Medizin gleichsam b\u00fcndelte und zuspitzte, schlug ein wie der Blitz. Er entfachte eine vehemente kontroverse Diskussion \u00fcber die wissenschaftstheoretischen Grundlagen, die Methoden und den Status der Medizin, die fast ein Jahrzehnt andauerte. Und hier tritt die Philosophie Kants auf den Plan. Zahlreiche \u00c4rzte sahen in der Kantischen Philosophie einen Ausweg aus der Krise, zumindest die M\u00f6glichkeit, die anstehenden Probleme auf ein gesichertes erkenntnis- und wissenschaftstheoretisches Fundament zu stellen. Zu nennen sind neben <i>Johann Benjamin Erhard<\/i> der fr\u00fche <i>Johann Christian Reil<\/i> (1759-1813), <i>Immanuel Meyer<\/i>, <i>Johann Stoll<\/i> (1796-1848), <i>Johannes K\u00f6llner<\/i>, <i>Karl Friedrich Burdach<\/i> und <i>Andreas R\u00f6schlaub<\/i> (1768-1835). Daneben waren es auch Philosophen, und zwar zun\u00e4chst nicht-idealistische Nachfolger Kants, wie <i>Carl Christian Erhard Schmid<\/i> (1761-1812) und <i>Jakob Friedrich Fries<\/i> (1773-1843), die die Medizin und ihre Disziplinen einschlie\u00dflich der Therapie mit wissenschaftstheoretischen Argumenten Kantischer Provenienz auf neue Fundamente zu stellen suchten.<\/p>\n<p>Versucht man, die thematischen Schwerpunkte, die f\u00fcr diese Debatten von Bedeutung waren, zusammenzufassen und zu ordnen, dann l\u00e4sst sich das Folgende sagen: Die thematischen Schwerpunkte sind vor allem <i>Kants Erkenntnistheorie und der kritische Erfahrungsbegriff<\/i>. Auf ihrer Grundlage konnte eine theoretisch begr\u00fcndete Kritik des weit verbreiteten, theoriefeindlichen und insofern wissenschaftlich ungesicherten, gleichsam naiven Erfahrungsglaubens unter den \u00c4rzten vorgebracht werden, auf der anderen Seite konnte man den aus der Antike tradierten, in der Therapie immer noch wirksamen spekulativen naturphilosophischen Annahmen entgegentreten. Ein zweiter Schwerpunkt bildete <i>Kants Systematik der Wissenschaften<\/i>. Sie erlaubte eine Ordnung der Grundlagenwissenschaften der Medizin, insbesondere der Physiologie, im System der Naturwissenschaften und eine klare Unterscheidung der Medizin in einer theoretische und einer praktische Wissenschaft, die Kant als <i>Kunst<\/i> bestimmt hatte, und deren Vermittlung die praktische Urteilskraft zu leisten hat. Schlie\u00dflich ist Kants Auffassung \u00fcber den <i>Gebrauch teleologischer Prinzipien in der Naturforschung<\/i> zu nennen. Sie wurde zur Grundlage der Theorie organischer Prozesse und einer daraus abgeleiteten Theorie der Heilkunde.<\/p>\n<p>Kants grundst\u00fcrzende epochale Leistung, um daran hier nur mit wenigen Worten zu erinnern, war es ja, die M\u00f6glichkeit von Erkenntnis auf die Erfahrung von Gegenst\u00e4nden und Ereignissen zu beschr\u00e4nken, die uns durch die Sinne in Raum und Zeit gegeben sind. Damit war jeder Form von Metaphysik der Boden entzogen. Zum anderen hatte Kant dargetan, dass alle wissenschaftliche Erfahrungserkenntnis, deren Modell f\u00fcr ihn die Newtonische Physik war, auf Prinzipien beruht, die ihrerseits nicht aus der Erfahrung stammen und durch sie beglaubigt werden, sondern a priori g\u00fcltig sind. Eines der prominentesten Prinzipien ist das Gesetz der Kausalit\u00e4t: Alle Ver\u00e4nderungen geschehen nach dem Verh\u00e4ltnis von Ursache und Wirkung. So ist Kants Konzept der Erfahrungserkenntnis doch eine \u2013 allerdings g\u00e4nzlich neu gefasste \u2013 <i>Metaphysik der Erfahrung<\/i> zu nennen. F\u00fcr die medizinische Theorie folgt daraus zum einen, dass alle Annahmen \u00fcber im K\u00f6rper wirkende Geistwesen oder Seelensubstanzen als grundlos und unhaltbar zur\u00fcckgewiesen werden m\u00fcssen; zum anderen, dass die Medizin, insbesondere die Physiologie, zu ihren Erkenntnissen auf dem Wege der Erfahrung, d. h. der planvollen Beobachtung und der Induktion gelangen und daher selber nicht eine erfahrungsfreie Wissenschaft sein bzw. werden kann.<\/p>\n<p>Kants Philosophie bot aber noch einen anderen, nicht weniger attraktiv erscheinenden Vorteil. Er liess sich, wie soeben erw\u00e4hnt, aus Kants Theorie des organischen Lebens gewinnen, die Kant in seiner letzten kritischen Hauptschrift, der \u201eKritik der Urteilskraft\u201c entwickelt hatte. Kants \u00dcberzeugung war es, dass das in der belebten Natur zu beobachtende Ph\u00e4nomen einer in sich zweckm\u00e4ssigen, auf die Erhaltung und Reproduktion des Lebens ausgerichteten Selbstorganisation nach kausal-mechanischen Gesetzen nicht zureichend erkl\u00e4rt werden k\u00f6nne. Dies ist deswegen nicht m\u00f6glich, weil bei einem Organismus Teil und Ganzes in einem wechselseitigen Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis stehen, indem die Teil das Ganze hervorbringen, das seinerseits die Teile erh\u00e4lt, ein Verh\u00e4ltnis, das nach dem einsinnigen Ursache-Wirkungs-Verh\u00e4ltnis nicht angemessen beschrieben werden kann. Da wir in unserem Begriffsrepertoire \u00fcber keine anderen deskriptiven Begriffe verf\u00fcgen, die dieses Ph\u00e4nomen zu erkl\u00e4ren erlauben, bleibt als einziger Ausweg zwischen der erkenntnistheoretischen Kapitulation und der Zuflucht zur Metaphysik einer substantiellen Lebenskraft die Etablierung eines hypothetischen bzw. heuristischen Theoriemodells, das mit Blick auf die Struktur eines Organismus in Analogie zu unserem eigenen autonomen, auf Zwecke ausgerichteten Handeln in einer Welt, in der wir uns selbst realisieren, zu entwickeln ist. Es ist das, was Kant eine bloss <i>regulative Idee<\/i> nennt. Sie ist ein operationaler Modellbegriff, eine theoretische Projektion sozusagen, unter deren Leitung zwar keine objektive, naturwissenschaftlich relevante <i>Erkenntnis<\/i>, aber doch eine systematische <i>Beschreibung<\/i> der f\u00fcr Organismen typischen Prozesse und Funktionen m\u00f6glich ist. Das ist dadurch m\u00f6glich, dass wir diesen Organismen die Vorstellung eines von ihnen selber ausgehenden und von ihnen realisierten zweckvollen Handelns, durch das sie sich selbst bilden und erhalten, gleichsam leihen. Auch diese Seite der Kantischen Philosophie wurde von den f\u00fchrenden Kantianern unter den \u00c4rzten mit Nachdruck in die Diskussion um die Grundlagen der Medizin eingebracht. So gab es also begr\u00fcndeten Anlass zu der Hoffnung, mit Kant die Medizin aus ihrer Krise herausf\u00fchren, sie als Wissenschaft und Kunst zugleich legitimieren und damit von Grund auf reformieren zu k\u00f6nnen. Aus Zeitgr\u00fcnden beschr\u00e4nke ich mich im folgenden auf einen fragmentarischen Blick auf <i>Johann Benjamin Erhards<\/i> weiteren, nunmehr konstruktiven Beitrag in dieser Debatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0<b>IV. Zu Erhards <i>Versuch eines Organons der Heilkunde<\/i><\/b><\/p>\n<p>Erhard, den man zu recht als den <i>Kantischen enrag\u00e9<\/i> unter den philosophierenden \u00c4rzten seiner Zeit bezeichnen k\u00f6nnte, ver\u00f6ffentlichte im Anschlu\u00df an seinen <i>Arkesilas-Artikel<\/i> einen dreiteiligen <i>Versuch eines Organons der Heilkunde,<\/i> der, von einer geradezu \u00fcberw\u00e4ltigenden Aufbruchstimmung getragen, sich aufmacht, der Medizin nunmehr den Weg zu einer sicheren Wissenschaft zu ebnen. Da die Medizin auch f\u00fcr Erhard ihre Erkenntnisse allein aus der Erfahrung gewinnen kann, wird die Frage, \u201eGibt es sichere Erfahrungen zum Dienste der Heilkunst?\u201c (M1, 26) zum zentralen Thema seiner Untersuchung. Erhard l\u00e4sst keinen Zweifel daran, dass diese Frage nur auf dem Wege der Anwendung der empirisch-induktiven Methode beantwortet werden kann. Hierzu entwickelt Erhard die folgende \u00dcberlegung.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich <i>Beobachtung<\/i> nur auf die subjektive Wahrnehmung der Aufeinanderfolge von bestimmten Erscheinungen bezieht, besteht <i>Erfahrung<\/i> bzw. eine objektive Erkenntnis, die aus Erfahrung gewonnen ist, in der \u201eGewissheit, dass zwischen bestimmten Erscheinungen ein Kausalverh\u00e4ltnis ist\u201c. Dies kann durch geeignete Experimente gesichert werden. Mit Blick auf den derzeitigen Stand der Medizin, insbesondere der Krankheitslehre, l\u00e4sst sich dieses Verfahren jedoch gar nicht mit Erfolg anwenden. Darin sieht Erhard den eigentlichen Skandal der Medizin seiner Zeit. Wird ein Kranker durch ein Heilmittel gesund, dann hat man zwar die <i>Beobachtung<\/i> gemacht, \u201edass er dieses Mittel genommen und genesen sei\u201c, aber man hat, so Erhard, dadurch noch gar keine <i>objektive<\/i> <i>Erfahrung<\/i>, dass dieses Mittel die Krankheit heilt. Um dies behaupten zu k\u00f6nnen, muss man 1. wissen, welche Funktionen im K\u00f6rper bei einer Krankheit leiden bzw. gest\u00f6rt sind, und man muss 2. wissen, auf welche Weise \u201eohne anderen Einflu\u00df durch den Genu\u00df [eben] dieses Mittels\u201c diese Funktionen wieder in ihr nat\u00fcrliches Verh\u00e4ltnis gebracht werden k\u00f6nnen. Solange man aber keinen <i>funktionalen<\/i> Krankheitsbegriff hat, das hei\u00dft, einen Krankheitsbegriff, der auf die St\u00f6rung von Funktionen des K\u00f6rpers bezogen ist, sondern in umfangreichen Nosologien nur zahllose <i>Namen<\/i> f\u00fcr Krankheiten hat, die mehr oder weniger willk\u00fcrlich nach Symptomen, Ursachen oder dem betroffenen Organ geordnet sind \u2013 so geh\u00f6ren etwa \u201ekr\u00e4nklicher Monatsflu\u00df\u201c, \u201eNasenbluten\u201c und \u201eH\u00e4morrhoiden\u201c in dieselbe nosologische Kategorie, weil \u201eBlutung\u201c ihr gemeinsames Symptom ist \u2013, und solange man auch keine genauen und gesicherten Erkenntnisse \u00fcber die Natur des Heilmittels und seine Wirkungsweise im K\u00f6rper hat, solange sind keine R\u00fcckschl\u00fcsse darauf m\u00f6glich, warum ein bestimmtes Heilmittel in einem bestimmten Krankheitsfall angezeigt ist oder wie die Heilung konkret vonstatten gehen soll \u2013 solange ist, mit einem Wort, keine objektive Erkenntnis in der Heilkunst m\u00f6glich, und das hei\u00dft, dass die Heilkunst, als Wissenschaft betrachtet, unm\u00f6glich ist. Und damit ergibt sich f\u00fcr Erhard die Notwendigkeit, die folgenden Fragen zu kl\u00e4ren: \u201eWas ist das Objekt der Heilkunst? Was ist ihr Zweck? Wo sind ihre Mittel?\u201c (M1, 65)<\/p>\n<p>Unter explizitem Bezug auf Kants Theorie organisierter Wesen und Kants Begriffs der lebendigen Kr\u00e4fte schl\u00e4gt Erhard nun eine Definition des Begriffs eines organisierten K\u00f6rpers als Objekt der Heilkunde vor, die er ausdr\u00fccklich nur als Prinzip der reflektierenden Urteilskraft, und nicht als Prinzip einer theoretischen Erkenntnis verstanden wissen will: \u201eUnter einem organisierten K\u00f6rper ist dasjenige zu verstehen, was Bewegung hat, und wessen Bewegung, so wie sie wahrgenommen wird, als zu eigenem Zwecke geh\u00f6rig beurteilt werden mu\u00df.\u201c (M1, 68) Unter Bewegung sind offenbar alle inneren und \u00e4u\u00dferen Ver\u00e4nderungen und Prozesse eines organisierten K\u00f6rpers gemeint, die zu seiner Erhaltung dienen, denn dies ist sein \u201aeigener Zweck\u2019.<\/p>\n<p>Kant seinerseits hatte, wie erw\u00e4hnt, mit Blick auf die Ph\u00e4nomene der Zeugung, der Ern\u00e4hrung und des Wachstums den organisierten Produkten der Natur die Eigenschaft zugesprochen, sich selbst zu organisieren. Die Assimilation der Stoffe, die etwa ein Baum zu seinem Wachstum leistet, ist Kant zufolge deswegen als eine Art der Selbstorganisation und Selbstbildung zu verstehen, weil in der Art der Verarbeitung, der \u201eScheidung und neuen Zusammensetzung des ihm <i>von au\u00dfen<\/i> gegebenen rohen Stoffs\u201c, wie Kant sich ausdr\u00fcckt, \u201eeine solche Originalit\u00e4t des Scheidungs- und Bildungsverm\u00f6gnes dieser Art Naturwesen\u201c anzutreffen sei, die der Naturmechanismus au\u00dfer ihm nicht liefern kann, und die nach einer chemischen Analyse der Elemente auch nicht wiederhergestellt und aus dem Stoff, \u201eden die Natur zur Nahrung liefert\u201c, selbst nicht abgeleitet werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Hier schlie\u00dft Erhard an. Denn in Entsprechung dazu mu\u00df die Art und Weise, wie ein organisierter K\u00f6rper <i>insgesamt <\/i>auf <i>Wirkungen der Au\u00dfenwelt<\/i> reagiert, aus ihm selbst, \u201eden <i>ihm eigenen<\/i> Gesetzen seiner <i>eigenen<\/i> Zweckm\u00e4\u00dfigkeit\u201c beurteilt werden. Diese Eigenschaft eines organischen K\u00f6rpers bezeichnet Erhard als <i>Erregbarkeit<\/i>. Mit ihm sieht Erhard den \u201eInbegriff der Gesetze [bezeichnet], nach welchen der organische K\u00f6rper von anderen gereizt wird\u201c (75), und die als Gesetze der Wirkungsweisen der eigenen Funktionen des organischen K\u00f6rpers zu begreifen sind. Die Erregbarkeit, so pr\u00e4zisiert Erhard, ist kein Prinzip des Lebens, sondern sein <i>Effekt<\/i>; daher ist sie ein Prinzip der <i>\u00c4u\u00dferung<\/i> <i>des Lebens<\/i> zu nennen Daraus folgt der entscheidende Schritt: Da die Erregbarkeit das Prinzip ist, aus dem begriffen werden kann, auf welche Weise die Wirkung der \u00fcbrigen K\u00f6rper auf den organischen K\u00f6rper erfolgt, ist die Erregbarkeit das gesuchte <i>Prinzip der Heilkunst<\/i>. Das l\u00e4sst sich genauer wie folgt verstehen.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>V. Zu <i>John Brown<\/i>s System der Medizin<\/b><\/p>\n<p>Mit dem Prinzip der Erregbarkeit ruft Erhard einen medizintheoretischen Kontext auf, der in seiner Zeit die gr\u00f6\u00dfte Bedeutung erhalten hatte. Gemeint ist das medizinische System des schottischen Arztes <i>John Brown<\/i> (1735 \u2013 1788), das am Ende des 18. Jahrhunderts f\u00fcr ca. 15 Jahre zu dem meist diskutierten Thema in den Debatten um die Reform der Medizin wurde und auch von dem alten Kant seiner Einfachheit und Geschlossenheit wegen mit Beifall aufgenommen wurde.<\/p>\n<p>Brown, den Erhard r\u00fchmend nennt, definierte das Leben eines Organismus durch seine F\u00e4higkeit, auf Reize zu reagieren. Diese universale Eigenschaft nennt er <i>Erregbarkeit<\/i> (incitabilitas). Durch sie unterscheidet sich ein lebender Organismus von einem toten. Der gesunde Zustand eines Organismus besteht in dem ungehinderten, den Lebensfunktionen angemessenen und f\u00f6rderlichen Verh\u00e4ltnis von inneren und \u00e4u\u00dferen Reizen und seiner Erregbarkeit, deren Sitz Brown im gesamten Nerven- und Muskelsystem gegeben sah. \u00c4u\u00dfere Reize sind W\u00e4rme, Nahrung und Luft, innere Reize sind Gef\u00fchlsregungen und Prozesse des Gehirns. So ist der gesamte Organismus einem \u201eReizmilieu\u201c ausgesetzt. Krankheit resultiert aus einem Missverh\u00e4ltnis: Ein \u00dcberma\u00df an Reizen bewirkt ein \u00dcberma\u00df an Erregung, <i>Sthenie<\/i> genannt, ein Mangel an Reizen verursacht <i>Asthenie<\/i>. Brown ging davon aus, dass im Krankheitsfall der ganze K\u00f6rper betroffen sei, da die Erregung im ganzen K\u00f6rper gleich verteilt sei. Daher mu\u00df auch die Therapie den ganzen K\u00f6rper ber\u00fccksichtigen. Bei einem \u00dcberma\u00df an Reizen soll der Arzt Reize entziehen, bei asthenischen Erkrankungen, die nach Brown die Mehrzahl darstellen, soll er st\u00e4rkende und reizende Mittel verschreiben. Die Therapie hat festzustellen, ob eine lokale oder eine allgemeine Krankheit vorliege, ob sie sthenisch oder asthenisch ist, und schlie\u00dflich hat sie den Grad der Erregung festzustellen, der anhand gewisser Symptome bestimmt werden k\u00f6nne, danach hat sich die Verabreichung der Heilmittel und ihrer Menge zu richten. Auf eine genauere Analyse dessen, was Erregbarkeit ist, oder wie sie genau von den erregenden Potenzen affiziert wird, lie\u00df Brown sich unter Verweis auf die Unbegreiflichkeit letzter Ursachen nicht ein. Stattdessen versuchte er, die Diagnostik und die Therapie zu quantifizieren, in der Hoffnung, auf diese Weise die Exaktheit des Wissens in der Medizin und die Einheit von Theorie und Praxis zu realisieren. Selbstbewu\u00dft schreibt Brown im Vorwort seiner <i>Elementa Medicinae<\/i>: \u201eDas Publicum, erh\u00e4lt hier ein Werk, welches auf das Verdienst Anspruch macht, die theoretische und practische Medicin zur Bestimmheit und Genauigkeit einer Wissenschaft erhoben zu haben.\u201c Auch wenn dieser Anspruch nicht in allen Teilen einzul\u00f6sen war, so war mit Browns Konzeption der Medizin unter dem einheitlichen, Theorie und Praxis verbindenden Konzept der Erregbarkeit eine 2000j\u00e4hrige Tradition der Krankheits- und Gesundheitslehre \u00fcberwunden und eine neue Epoche der Medizintheorie eingeleitet.<\/p>\n<p>\u201eWir werden uns bem\u00fchen auszuw\u00e4hlen\u201c, so schreibt Melchior Adam Weickard (1742-1803), Sch\u00fcler Browns und erster \u00dcbersetzer seiner Werke ins Deutsche, \u201ewas sich noch weiter aus den Entdeckungen der neuern Chemie, aus gereinigten physiologischen Erforschungen, aus Kantischer Philosophie etc. wird als zuverl\u00e4ssig ausheben, mit der Brownischen Lehre verbinden, und in dieser Verbindung zur Vollkommenheit eines medizinischen wissenschaftlichen Geb\u00e4udes anwenden lassen.\u201c (W, 71) Es ist somit das Verdienst Erhards, der Organismus-Theorie Browns als erster \u201eaus Kantischer Philosophie\u201c ein philosophisches Fundament geliefert zu haben, von dem Brown sich gar nichts hatte tr\u00e4umen lassen.<\/p>\n<p>An dieser Stelle breche ich ab. Vieles und Wichtiges w\u00e4re noch zu sagen. Zu sprechen w\u00e4re noch von <i>Andreas R\u00f6schlaub<\/i> und seiner produktiven, ebenfalls kantianischen Aufnahme und Interpretation der Theorie Browns und die \u00fcbrigens mit Fichte und seiner Lehre vom Widerstreben des Ich gegen die Einwirkungen der \u00e4u\u00dferen Natur vollzogene Wende zur Neubegr\u00fcndung der praktischen Medizin, mit der die Medizintheorie das Gravitationsfeld der Philosophie Kants verl\u00e4sst. Zu sprechen w\u00e4re noch von der weiteren Entwicklung der Medizintheorie in der sogenannten <i>Romantischen Medizin<\/i>, die vor allem durch Schelling und seine Anh\u00e4nger begr\u00fcndet wurde, in der Kants Vorbehalt gegen\u00fcber einer objektiven Erkenntnis der Prozesse der Selbstorganisation preisgegeben und in eine neue \u201espekulative\u201c Naturphilosophie transformiert wurde, in der die Natur als <i>Subjekt<\/i> ihrer zweckm\u00e4\u00dfigen Prozesse begriffen wurde. Und zu sprechen w\u00e4re auch von der schon im 19. Jahrhundert einsetzenden Abwertung und dem Vergessen dieser Tradition in der Medizingeschichtsschreibung. Von all dem soll und kann hier nicht mehr die Rede sein. Ich m\u00f6chte Sie stattdessen zu einem letzten, k\u00fcrzeren Streifzug einladen, der in die <i>Gegenwart<\/i> f\u00fchrt. Hier n\u00e4mlich hat die Philosophie Kants, die f\u00fcr die Medizin nach dem, was ich bisher ausgef\u00fchrt habe, nur von historiographischem Interesse zu sein scheint, eine hautnahe Aktualit\u00e4t. Gemeint ist Kants Rolle in der medizinischen Ethik der Gegenwart.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>\u00a0<\/b><b>VI. Kant in der Medizinethik der Gegenwart<\/b><\/p>\n<p>Obwohl die an Kant orientierten Begriffe der Autonomie und der Menschenw\u00fcrde in den verschiedensten Bereichen der Medizin und der Medizinethik heute eine zentrale Rolle spielen, gibt es derzeit doch keine Medizinethik, die in einem strengen Sinne eine \u201eKantische Medizinethik\u201c zu nennen w\u00e4re.<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Gleb\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/X8MCC7NN\/Kant%20und%20die%20Medizin%20Leopoldina%202013%20-%20letzte%20Fassung%20ohne%20PPP.doc#_ftn5\">[5]<\/a> Gleichwohl ist die Frage sinnvoll, ob Kants Ethik Prinzipien enth\u00e4lt, mit deren Hilfe man Probleme im Bereich der heutigen Medizinethik l\u00f6sen oder zumindest zu ihrer L\u00f6sung beitragen kann. Auf die wissenschaftstheoretischen Anregungen, die sich mit Kants Idee der regulativen Verwendung von teleologischen Prinzipien mit Bezug auf lebendige Organismen f\u00fcr die Medizin ergeben, gehe ich nicht ein. Und nur erw\u00e4hnt seien hier Kants aufgekl\u00e4rt-vern\u00fcnftige di\u00e4tetische Empfehlungen, die f\u00fcr eine selbstverantwortliche K\u00f6rper- und Seelenkultur pl\u00e4dieren, durch die der Mensch sich von innen heraus stabilisiert; sie sind geeignet, zu einer Distanz gegen\u00fcber Einrichtungen wie Beauty-Farmen, dem leichtfertigen Konsum von beruhigenden oder belebenden Medikamenten oder auch sch\u00f6nheitschirurgischen Manipulationen aufzurufen. Ich m\u00f6chte mich im folgenden stattdessen auf die Frage nach dem <i>moralischen Status menschlicher Embryonen <\/i>konzentrieren. Meine Absicht dabei ist bescheiden. Sie geht nicht darauf aus, f\u00fcr eine Kantische Position in der Medizinethik der Gegenwart zu pl\u00e4dieren. Dazu ist die Sach- und Debattenlage viel zu komplex. Ich m\u00f6chte nur den Kern oder den Umriss eines Kantischen Arguments zum moralischen Status menschlicher Embryonen vorstellen.<\/p>\n<p>Auf die Frage, warum man gesunde erwachsene Menschen unter normalen Umst\u00e4nden nicht t\u00f6ten darf, geben utilitaristische Ethiker die folgende Antwort: Wir d\u00fcrfen <i>Erwachsene<\/i> nicht t\u00f6ten, weil sie ganz bestimmte <i>personale Eigenschaften aktual <\/i>besitzen. Zu solchen personalen Eigenschaften geh\u00f6ren die Schmerzf\u00e4higkeit, das Bewusstsein und das Selbstbewusstsein, aber auch die F\u00e4higkeit, frei und das hei\u00dft auch nach Gr\u00fcnden, die man vor sich und allen anderen in einer vergleichbaren Situation verantworten kann, zu handeln, sowie die M\u00f6glichkeit, W\u00fcnsche zu haben und sich eigene Ziele f\u00fcr die Zukunft zu setzen. Wer so argumentiert, der verkn\u00fcpft das T\u00f6tungsverbot mit bestimmten Tatsachen des personalen Bewusstseins, die bei einem gesunden <i>erwachsenen<\/i> Menschen auf nat\u00fcrliche Weise gegeben sind. Zugespitzt kann man von dieser Position aus sagen, dass die menschliche Person \u2013 und damit das eigentlich sch\u00fctzenswerte Wesen, um das es geht \u2013 <i>nicht<\/i> schon mit der Fusion der Vorkerne in der weiblichen Eizelle, also vom ersten Tag der embryonalen Entwicklung an, existiert, sondern erst irgendwann im Laufe der f\u00f6talen Entwicklung, m\u00f6glicherweise aber auch erst mit oder nach der Geburt <i>beginnt<\/i> zu existieren. Diese Position geht somit davon aus, dass es Menschen gibt, die keine Personen sind.<\/p>\n<p>Diese Position f\u00fchrt in ethische, und vor allem medizinethische Probleme. Tatsachen des Bewusstseins wie Selbstbewusstsein, autonomes Handeln oder das Haben von W\u00fcnschen sind nicht nur wandelbar, sondern so, wie man diese Tatsachen erwerben kann, so kann man sie auch wieder verlieren. So ist ein <i>Komat\u00f6ser sicherlich nicht bei Bewusstsein, er ist sich seiner selbst nicht bewusst, er kann nicht autonom handeln und er hat auch keine W\u00fcnsche f\u00fcr seine Zukunft. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr den schwer dementen, vor allem alten Menschen, und nat\u00fcrlich auch f\u00fcr den menschlichen Embryo. Kein menschlicher Embryo besitzt, zumindest in seinen fr\u00fchesten Entwicklungsstadien, Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Autonomie, Zuk\u00fcnftsw\u00fcnsche und Zukunftsziele. W\u00fcrden wir nun die Kriterien der skizzierten utilitaristischen Position konsequent und konsistent anwenden, derzufolge Menschsein<\/i> und <i>Personsein<\/i> nicht denselben Umfang haben und nur das Personsein mit einem weitreichenden T\u00f6tungsverbot verbunden ist, st\u00fcnde nicht nur das Leben des fr\u00fchen Embryos zur Disposition, sondern auch das des komat\u00f6sen und das des schwer dementen oder unheilbar geistig behinderten Menschen.<\/p>\n<p>Durch das Auseinanderfallen von Personsein und Menschsein ergibt sich eine Situation, die wohl einigen unserer fundamentalen Intuitionen widerspricht, zumindest derjenigen Intuition, die Schutzw\u00fcrdigkeit von komat\u00f6sen und dementen Menschen nicht einfach deswegen einzuschr\u00e4nken, weil sie komat\u00f6s oder dement sind. Genau an dieser Stelle der \u00dcberlegung l\u00e4sst sich Kants Konzept der Autonomie und der Menschenw\u00fcrde ins Spiel bringen. Kants grundlegende Einsicht ist es, dass der Status, eine selbstbewusste, autonome Person zu sein, und der Status, als Mensch W\u00fcrde zu haben, nicht auseinanderfallen k\u00f6nnen. Jeder Mensch <i>ist<\/i> eine Person mit W\u00fcrde und zwar <i>von Anfang an<\/i>.<\/p>\n<p>Kants diesbez\u00fcgliche Argumentation beruht auf der Einsicht, dass die Menschenw\u00fcrde kein <i>empirisch beobachtbares<\/i> Merkmal eines <i>einzelnen<\/i> Individuums sein kann. W\u00fcrde ist ein Merkmal, das der gesamten <i>Gattung <\/i>Mensch zukommt, mit dem sich ein uneingeschr\u00e4nkter normativer Anspruch verbindet. Dieses Gattungsmerkmal ist nun nichts anderes als die menschliche Freiheit (GMS 434 ff.), das heisst, die F\u00e4higkeit des Menschen zur Selbstbestimmung, oder, wie Kant es auch ausgedr\u00fcckt hat, die F\u00e4higkeit, \u201eseiner selbst Meister zu sein\u201c. Unter Freiheit ist hier eine ganz bestimmte <i>Anlage <\/i>des Menschen zu verstehen, n\u00e4mlich die F\u00e4higkeit, moralisch zu handeln. Es ist die F\u00e4higkeit, seine langfristigen Absichten nicht ausschliesslich von seinen nat\u00fcrlichen Bed\u00fcrfnissen und Neigungen abh\u00e4ngig zu machen, sondern sie vern\u00fcnftigen, und das heisst, universalen, f\u00fcr alle anderen Menschen ebenfalls g\u00fcltigen Standards zu unterstellen. Genau das ist der Gehalt des vielzitierten <i>Kategorischen Imperativs<\/i>. Diese <i>F\u00e4higkeit<\/i> zur Moralit\u00e4t kann, sofern sie ein Gattungsmerkmal ist, nun aber nicht etwas sein, das im Laufe der Entwicklung eines Menschen als Menschen erst an irgendeiner Stufe seiner Entwicklung entsteht und zu seinen anderen <i>empirischen<\/i> Eigenschaften hinzukommt; sie muss vielmehr von Anfang an mit der Zeugung eines Wesens, das als Mensch gelten kann, mitgegeben sein bzw. dem Menschen als solchen zugesprochen werden, denn sie ist eine Eigenschaft, die den <i>Begriff des Menschen<\/i> wesentlich betrifft. Dieser Begriff des Menschen gilt dann auch f\u00fcr den menschlichen Embryo \u2013 und zwar von Anfang an. Wollte man diesen Anfang fixieren, was bekanntlich kontrovers ist, w\u00e4re wohl die Befruchtung zu nennen, mit der ein einmaliger, neuer Chromosomensatz des entstehenden Menschen ausgebildet ist, und nicht die Geburt und das Durchtrennen der Nabelschnur. Daraus folgt, dass menschliche Embryonen vom Beginn ihrer Existenz an einen personalen Status haben und schutzw\u00fcrdig sind.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich noch eine zweite Einsicht Kants einbringen. Sie betrifft den eben genannten <i>Kategorischen Imperativ<\/i>, und zwar in der folgenden Formulierung: \u201eHandle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloss als Mittel brauchest\u201c (GMS 429). Entscheidend ist hier der Passus, dass man eine andere Person niemals \u201ebloss als Mittel\u201c brauchen darf, eben weil sie eine autonom handelnde Person ist. Nat\u00fcrlich brauchen wir uns selbst, und auch andere manchmal als Mittel zu etwas. Das tun wir aber in der Regel mit ihrer Einwilligung. Kants Formulierung konzentriert sich hier darauf, dass wir keine Person <i>allein und ausschliesslich <\/i>als Mittel brauchen d\u00fcrfen. Dies ist aber in der verbrauchenden Embryonenforschung der Fall. Eine solche Praxis ist der kantischen Ethik zufolge moralisch verboten.<\/p>\n<p>\u00dcberblickt man von hier aus die gegenw\u00e4rtige medizinethische Debatte, dann lie\u00dfe sich Kants Position mit den wichtigsten Argumenten dieser Debatte in eine systematisch relevante Verbindung bringen. Das erste ist das sog. <i>Speziesargument<\/i>. Vertreter des Speziesarguments sind der Auffassung, dass menschliche Lebewesen aufgrund ihrer Zugeh\u00f6rigkeit zur Spezies Mensch sch\u00fctzw\u00fcrdig sind. Mit Kant lie\u00dfe sich der oft diskutierte naturalistische Fehlschluss, aus einer blo\u00df biologischen Eigenschaft, der Zugeh\u00f6rigkeit zur Spezies Mensch, eine Norm, n\u00e4mlich die Schutzw\u00fcrdigkeit, abzuleiten, vermeiden, weil f\u00fcr Kant der Begriff des Menschen nicht nur biologisch bestimmt, sondern durch die moralisch relevanten Eigenschaft, autonom handeln zu k\u00f6nnen, und daher W\u00fcrde zu haben, definiert ist. Das ist denn auch gemeint, wenn gesagt wird, dass der Mensch <i>Person<\/i> ist.<\/p>\n<p>Mit Kants moraltheoretisch gefasstem Gattungsbegriff des Menschen l\u00e4sst sich ein weiteres Argument der gegenw\u00e4rtigen medizinethischen Debatte verbinden. Das ist das sog. <i>Identit\u00e4tsargument<\/i>. Die begrifflich bestimmte Zugeh\u00f6rigkeit zur Spezies Mensch <i>entwickelt<\/i> sich nicht. Im Laufe der normalen Entwicklung eines menschlichen Embryos zum selbst\u00e4ndig lebenden Menschen und seiner Entwicklung zu einem erwachsenen, autonomen Menschen lassen sich <i>moralrelevante <\/i>Einschnitte oder Stufen nicht ausmachen. Daher ist jeder menschliche Embryo <i>von Anfang an<\/i> eine Person, und diese Person ist mit dem Menschen begrifflich identisch, der sich aus dem Embryo entwickelt. Also ist auch das Leben des <i>Embryos<\/i> von Anfang an schutzw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Noch eine weitere \u00dcberlegung ist wichtig. Das ist das sog. <i>Potentialit\u00e4tsargument<\/i>, das in der gegenw\u00e4rtigen Debatte als einflussreichstes und st\u00e4rkstes Argument gilt. Es besagt, dass jeder menschliche Embryo, der lebensf\u00e4hig ist und sich unter normalen Umst\u00e4nden entwickelt, <i>potentiell<\/i> die Eigenschaften hat, durch die der Begriff des Menschen definiert ist, die ein erwachsener Mensch <i>aktual<\/i> hat. Ein menschlicher Embryo wird sich also unter normalen Bedingungen ohne moralrelevante Einschnitte zu einem menschlichen Wesen entwickeln, das die genannten Eigenschaften, ebenfalls unter normalen Bedingungen, einmal <i>aktual haben wird.<\/i> Unter der Voraussetzung des Identit\u00e4tsarguments und der Kontinuit\u00e4tsthese \u2013 der Mensch ist vom Embryo an \u00fcber den Erwachsenenstatus bis zum Tode ein numerisch identischer Organismus, der eine Einheit bildet, in dem es keine eindeutig identifizierbaren moralrelevanten Einschnitte gibt \u2013, folgt, dass der Embryo von Anfang an einen personalen Status und W\u00fcrde hat und daher sch\u00fctzw\u00fcrdig ist.<\/p>\n<p>Die folgende Argumentation fasst die skizzierten \u00dcberlegungen zusammen. Das erste Argument ist genuin Kantisch. Das zweite Argument ist die Anwendung auf den Status eines menschlichen Embryos unter Bezug auf das moraltheoretisch interpretierte Speziesargument sowie das Potentialit\u00e4ts- und Identit\u00e4tsargument und die Kontinuit\u00e4tsthese:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">I.<\/p>\n<p>Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Lebewesen.<\/p>\n<p>Vernunftbegabte Lebewesen haben Autonomie.<\/p>\n<p>Autonomie ist der Grund der W\u00fcrde.<\/p>\n<p>Vernunftbegabte Lebewesen haben W\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0II.<\/p>\n<p>Jeder menschliche Embryo ist Mitglied der Spezies Mensch.<\/p>\n<p>Jeder menschliche Embryo hat potentiell Autonomie.<\/p>\n<p>Potentiell Autonomie zu haben, ist eine moralisch relevante Eigenschaft.<\/p>\n<p>Potentiell moralisch relevante Eigenschaften wie Autonomie zu haben, ist ein hinreichender Grund f\u00fcr W\u00fcrde.<\/p>\n<p>In moralisch relevanter Hinsicht ist ein menschlicher Embryo, der potentiell Autonomie hat, identisch mit einem Wesen, das aktual Autonomie hat.<\/p>\n<p>Ein menschlicher Embryo hat W\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re die argumentative Grundausstattung, mit der man mit Kant im Kontext der gegenw\u00e4rtigen bioethischen Debatte f\u00fcr die Schutzw\u00fcrdigkeit menschlicher Embryonen argumentieren kann. \u201aGrundausstattung\u2019 heisst, dass breiter Raum f\u00fcr Diskussionen, Differenzierungen und Modifikationen gelassen ist.<\/p>\n<p>Handelt es sich um eine eindeutige und akute Notsituation, dann muss man die G\u00fcter, die da auf dem Spiele stehen, abw\u00e4gen, und dann muss man sich entscheiden. Dass dies oft nicht leicht ist, muss nicht gesagt werden. Hier endet aber auch der Kompetenzbereich der Philosophie und auch der Philosophie Kants, und ein ganz anderer, abgr\u00fcndiger Freiheitsraum tut sich auf.<\/p>\n<p align=\"center\">* * *<\/p>\n<p>Erlauben Sie mir, mit Bezug auf das Thema der Menschenw\u00fcrde zum Schluss noch einmal zum alten Kant zur\u00fcckzukehren. Was es heisst, ein Leben aus dem Geiste der Achtung vor der Menschenw\u00fcrde und der Humanit\u00e4t zu f\u00fchren, das l\u00e4sst eine Szene mit \u00fcberw\u00e4ltigender Klarheit deutlich werden, die sich wenige Tage vor Kants Tod ereignet hat.<\/p>\n<p>Wenige Tage vor seinem Tod erhielt Kant Besuch von seinem Arzt. Bei dessen Eintritt in Kants Arbeitszimmer erhob sich Kant mit M\u00fche von seinem Stuhl, reichte seinem Arzt die Hand und sprach mit kaum verst\u00e4ndlicher Stimme, aber mit zunehmender W\u00e4rme von \u201ePosten, viele Posten, beschwerliche Posten, viel G\u00fcte\u201c und von \u201eDankbarkeit\u201c. Der anwesende Wasianski erkl\u00e4rte dem Arzt, was Kant zum Ausdruck bringen wolle: Er wolle sagen, dass es bei den vielen und beschwerlichen Posten, die der Arzt wahrzunehmen habe, viele G\u00fcte von ihm sei, dass er ihn besuche und dass er ihm daf\u00fcr dankbar sei. \u201eGanz recht\u201c, war Kants Antwort, der noch immer mit gr\u00f6sster M\u00fche stand. Der Arzt bat ihn, sich doch zu setzen. Kant z\u00f6gerte verlegen und unruhig. Wasianski erkl\u00e4rte dem Arzt, dass Kant sich sogleich setzen w\u00fcrde, wenn er, als Fremder und Gast, Platz genommen h\u00e4tte. Der Arzt schien dies in Zweifel ziehen zu wollen. Da erkl\u00e4rte Kant nach Sammlung aller seiner Kr\u00e4fte: \u201eDas Gef\u00fchl f\u00fcr Humanit\u00e4t hat mich noch nicht verlassen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Dieser Vortrag wurde\u00a0am 21. \u2013 23. April 2014\u00a0im Rahmen der XI Internationalen Kant-Konferenz \u00a0in Kaliningrad gehalten und im Sammelband der Konferenz veroeffentlicht:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Stolzenberg, J. Kant und die Medizin\u00a0\/\/ XI\u00a0\u041a\u0430\u043d\u0442\u043e\u0432\u0441\u043a\u0438\u0435 \u0447\u0442\u0435\u043d\u0438\u044f: \u041a\u0430\u043d\u0442\u043e\u0432\u0441\u043a\u0438\u0439 \u043f\u0440\u043e\u0435\u043a\u0442 \u043f\u0440\u043e\u0441\u0432\u0435\u0449\u0435\u043d\u0438\u044f \u0441\u0435\u0433\u043e\u0434\u043d\u044f = XI\u00a0Kant\u00a0Readings: Kant\u2019s\u00a0Enlightenment\u00a0Project\u00a0Today: \u041c\u0430\u0442\u0435\u0440\u0438\u0430\u043b\u044b \u043c\u0435\u0436\u0434\u0443\u043d\u0430\u0440\u043e\u0434\u043d\u043e\u0439 \u043a\u043e\u043d\u0444\u0435\u0440\u0435\u043d\u0446\u0438\u0438, 21 \u2013 23 \u0430\u043f\u0440\u0435\u043b\u044f 2014 \u0433. \u2013 \u041a\u0430\u043b\u0438\u043d\u0438\u043d\u0433\u0440\u0430\u0434: \u0418\u0437\u0434-\u0432\u043e \u0411\u0424\u0423 \u0438\u043c. \u0418. \u041a\u0430\u043d\u0442\u0430, 2014. \u0421. 36 \u2013 63.<\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Gleb\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/X8MCC7NN\/Kant%20und%20die%20Medizin%20Leopoldina%202013%20-%20letzte%20Fassung%20ohne%20PPP.doc#_ftnref1\">[1]<\/a> Wiesing, 85.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Gleb\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/X8MCC7NN\/Kant%20und%20die%20Medizin%20Leopoldina%202013%20-%20letzte%20Fassung%20ohne%20PPP.doc#_ftnref2\">[2]<\/a> Siehe auch <i>Anthropologie in pragmatischer Hinsicht<\/i>, AA VII, 202ff. \u201eVon den Schw\u00e4chen und Krankheiten der Seele in Ansehung ihres Erkenntnisverm\u00f6gens.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Gleb\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/X8MCC7NN\/Kant%20und%20die%20Medizin%20Leopoldina%202013%20-%20letzte%20Fassung%20ohne%20PPP.doc#_ftnref3\">[3]<\/a> <i>In der Geschichte der Medizin spricht man f\u00fcr die Zeit von ca. 1780 bis ca. 1850 von einer \u201eHeroischen Medizin\u201c, in der aggressive und gef\u00e4hrliche Behandlungsmethoden wie Aderlass, Reinigung des Magen-Darm-Traktes und vieles andere, oft mit t\u00f6dlichem Ausgang, verabreicht wurden<\/i>.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Gleb\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/X8MCC7NN\/Kant%20und%20die%20Medizin%20Leopoldina%202013%20-%20letzte%20Fassung%20ohne%20PPP.doc#_ftnref4\">[4]<\/a> <i>\u00dcber das Organ der Seele<\/i>, K\u00f6nigsberg 1796 (mit einem Beitrag von Immanuel Kant). (Neu herausgegeben und kommentiert von Manfred Wenzel, Schwabe-Verlag Basel, 2000.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Gleb\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/X8MCC7NN\/Kant%20und%20die%20Medizin%20Leopoldina%202013%20-%20letzte%20Fassung%20ohne%20PPP.doc#_ftnref5\">[5]<\/a> Vgl. Urban Wiesing, S. 2.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immanuel Kant ist Zeit seines Lebens nie ernstlich krank gewesen. Als er am 12. Februar 1804, etwas mehr als zwei Monate vor Vollendung seines 80. Lebensjahres starb, da war es, wie sein Biograph Wasianski schreibt, \u201eein Aufh\u00f6ren des Lebens und nicht ein gewaltsamer Akt der Natur\u201c (W 291). 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