{"id":360,"date":"2014-04-18T07:24:47","date_gmt":"2014-04-18T07:24:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/?p=360"},"modified":"2014-04-18T07:26:08","modified_gmt":"2014-04-18T07:26:08","slug":"n-w-motroschilowa-paradoxien-der-freiheit-in-der-philosophie-kants-ihre-aktuelle-bedeutung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/n-w-motroschilowa-paradoxien-der-freiheit-in-der-philosophie-kants-ihre-aktuelle-bedeutung\/","title":{"rendered":"N.W. Motroschilowa. Paradoxien der Freiheit in der Philosophie Kants: Ihre aktuelle Bedeutung"},"content":{"rendered":"<p>In den zwei Jahrhunderten, die seit dem Todestage Kants verflossen sind, haben sich im Bereich des Menschengeistes unz\u00e4hlige wichtige Begebenheiten ereignet. Schaut man in dieser Geschichte nach best\u00e4ndigen intellektuellen Tendenzen um, so ist als eine dieser Tendenzen das stabile und immer wachsende Interesse zur Philosophie des gro\u00dfen Kant anzuerkennen. Suchen wir ferner nach der generellsten und bedeutsamsten Antwort auf die Frage nach den Gr\u00fcnden dieser unverg\u00e4nglichen Wirkungskraft der Kantschen Philosophie, so werden wir am ehesten \u2013 mit Hegel und vielen anderen hervorragenden Denkern verschiedener L\u00e4nder und Nationen \u2013 sagen m\u00fcssen: das Wesen der Sache besteht darin, da\u00df das Prinzip der Freiheit ein Fundamentalgrundsatz (eins der \u201eCardinalprinzipien\u201c, wie es bei Hegel hei\u00dft) der Lehre Kants darstellt. Das Freiheitsprinzip durchdringt nun in der Tat Kants ganze Philosophie. Daher kommt jene bemerkenswerte Konsonanz zwischen der Lehre Kants einerseits und ganzen Jahrhunderten in der Geschichte der Menschheit, deren Tendenz in einem schweren und widerspruchsvollen Kampf der Einzelnen, der L\u00e4nder, der Weltteile, der gesamten Menschheit um die Freiheit und die Freiheiten in den unterschiedlichsten Bedeutungen des Worts, &#8211; vor allem aber um die Anerkennung und Wahrung der Rechte und Freiheiten eines jeden Einzelnen, &#8211; gesehen werden kann.<\/p>\n<p>Wenn wir aber das Ganze nur auf eine Verherrlichung und Verteidigung des Freiheitsprinzips bei dem gro\u00dfen Denker zur\u00fcckf\u00fchren wollten, dann w\u00e4re, wie ich bef\u00fcrchte, unbegriffen, worin denn der besondere Beitrag Kants zum Verst\u00e4ndnis der Freiheit und zur Freiheitssache selbst eigentlich besteht. Fragen wir uns in der Tat: wer redet heute nicht von Freiheit? Welche politische Kr\u00e4fte, Parteien, Gruppierungen, Leader f\u00fchren nicht das Wort \u201eFreiheit\u201c in den Slogantiteln ihrer Programme und ihrer Reden? Und dennoch bleibt die harte, die entscheidende Frage: ist denn das Freiheitsprinzip nicht dadurch kompromittiert, da\u00df (zumindest) in den letzten zwei Jahrhunderten Blutsstr\u00f6me um der Freiheit wilen vergossen und Millionen dem Freiheitskampf geopfert sind? Wenn sich Verdienste in der Freiheitssache mit der Anzahl an klangvollen W\u00f6rtern und Aufrufen messen konnten, wenn es nur darum ginge, die Opfern um der Freiheit willen, um die Freiheit um jeden Preis, zu rechtfertigen, dann k\u00f6nnte wohl Kant und andere Theoretiker im \u201eFernwettkampf\u201c mit den eifrigsten Freiheitsgerolden, an denen es in die letzten zwei Dezennien nicht ermangelte, keineswegs gewinnen.<\/p>\n<p>Die Hauptthese meines Vortrags mag jemandem unerwartet erscheinen. Ich wage aber den folgenden Grundgedanken zu behaupten und zu verteidigen: die Gr\u00f6\u00dfe kants als eines Denkers besteht nicht nur, ja nicht so sehr in der blo\u00dfen Verk\u00fcndigung des Freiheitsprinzips, sondern vielmehr in der theoretischen und gelichzeitig praktisch verwertbaren, auch heute noch aktuellen Behandlung jener Schwierigkeiten, Antinomien, d.h. jener unentrinnbaren Widerspr\u00fcche und Paradoxien, mit denen sowohl die Verteidgung, als auch, und das ganz besonders, die Verwirklichung des Freiheitsprinzips jederzeit und auf alle Zeiten verbunden sind.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>Die grundlegende Freiheitsparadoxie in der Philosophie Kants<\/strong><\/p>\n<p>Die Hauptparadoxie des kantischen Freiheitskonzeptes, &#8211; jene Paradoxie, die nicht nur eine theoretische Ausdrucksform, sondern auch lebenspraktische Folgen hat, &#8211; sehe ich in folgendem Sachverhalt.<\/p>\n<p>Einerseits, solange es sich um theoretische Philosophie handelt, sammelt Kant nicht einfach an, sondern t\u00fcrmt geradezu die gro\u00dfen Schwierigkeiten aufeinander, welche jedem zuteil werden, der den Vorrang des Freiheitsprinzips gegen\u00fcber dem Determinismusprinzip, also gegen\u00fcber der notwendigen Bedingtheit aller Art, von den Naturgesetzen bis hin zu Realit\u00e4ten des gesellschaftlichen Daseins und den Umst\u00e4nden eines jeden Einzellebens, auf eine rationale und ausschlie\u00dflich erkenntnism\u00e4\u00dfige Weise (also u.a. f\u00fcr die wissenschaftliche Erkenntnis g\u00fcltig) rechtfertigen\u00a0 und verteidigen will. Dazu kommt noch, da\u00df, wenn auch das Freiheitsthema f\u00fcr die Kant\u2019sche Begriffsanalyse bestimmend ist, so geschieht dies sozusagen unterschwellig und wird erst durch die Endergebnis deutlich. Der Form nach wird jedoch das Freiheitsproblem nur im Zusammenhang einer einzigen Antinomie (und zwar der dritten Antinomie) und ihrer nachfolgenden Auslegungen behandelt. Und zwar ist auch diese einzige eine kosmologische Antinomie, worin die Freiheit keineswegs an sich selbst, sondern in einer komplexen Verflechtung-Gegensetzung zum Grundsatz der durchg\u00e4ngigenbedingtheit allen Geschehens durch die Ketten von Naturusachen vorkommt.<\/p>\n<p>Noch eine bedeutende Schwierigkeit: die Antinomien, nicht von ungef\u00e4hr kosmologisch genannt, schweben gleichsam in der \u201eKritik der reinen Vernunft\u201c \u00fcber der gesamten Wirklichkeit von menschlichen Handlungen und beziehen sich sozusagen auf den kosmische Gleichgewicht, das zumal rein abstrakt analysiert wird. In der dritten Antinomie geht es, ganz kurz formuliert, darum, da\u00df man innerhalb dieses Gleichgewichts des unendlichen Weltalls eine, wie die Thesis der Antinomie sagt, <i>\u201eabsolute Spontaneit\u00e4t<\/i> der Ursachen, eine Reihe der Erscheinungen, die nach Naturgesetzen l\u00e4uft, <i>von selbst<\/i> anzufangen, mithin transzendentale Freiheit, ohne welche selbst im Laufe der Natur die Reihenfolge der Erscheinungen auf der Seite der Ursachen niemals vollst\u00e4ndig ist\u201c [1, B474], anzunehmen darf und soll. Oder ist hingegen zu behaupten, wie die Antithesis derselben Antinomie es ausdr\u00fcckt, da\u00df \u201ekeine Freiheit ist\u201c und da\u00df \u201ealles in der Welt lediglich nach Gesetzen der Natur\u201c geschieht [1, B473].<\/p>\n<p>Bei genauerem Zusehen erweist es sich, da\u00df diese \u201eFreiheit\u201c, in wahrhaft kosmischem Ma\u00dftab genommen, nicht nur den Menschen, sondern vor allem Gott, mit dessen absoluter Spontaneit\u00e4t (und erst dadurch auch den Menschen), und die abstrakt-metaphysisch zu setzende M\u00f6glichkeit einer \u201eKausalit\u00e4t durch Freiheit\u201c gegen\u00fcber der \u201eNaturkausalit\u00e4t\u201c angeht. Wird sich also jemand beschweren wollen, da\u00df der Freiheit in der \u201eKritik der reinen Vernunft\u201c eine bescheidene und auch keineswegs selbst\u00e4ndige Stelle zugewiesen ist, da\u00df diese hier abstrakt gedacht wird, so wird er auf seine Art recht haben.<\/p>\n<p>Das alles ist aber nur eine Seite der allgemeinen Paradoxie der Philosophie Kants.<\/p>\n<p>Die andere Seite derselben besteht darin, da\u00df Kant im Bereich der praktischen Vernunft, d.h. innerhalb der sittlichen und rechtlichen Sph\u00e4ren die Freiheit zum kardinalen Ausgangspostulat macht. Denn ohne einen fundamentalen Stellenwert der Freiheit kann er sich das Handeln der Einzelnen, ihre Zusammenwirkung gar nicht denken. Und eine Philosophie der praktischen Vernunft ist f\u00fcr ihn ohne eines Ausgangspostulats und einer Analyse der Freiheit schlechthin undenkbar.<\/p>\n<p>Jemand kann wohl fragen: wie bezieht sich diese philosophische Vern\u00fcnftelei zum wirklichen Leben der Menschen, zu tats\u00e4chlichen Geschichtsprozessen? Darauf antworte ich: direkt und unmittelbar. Die oben angedeutete metaphysisch\u00dfphilosophische Paradoxie, die nur Kants Lehre zu betreffen scheint, skizziert in der Tat eine Paradoxie des wirklichen Tuns und Denkens der Menschen, eine Paradoxie der Existenz, der Entwicklung des Menschens wie der Menschheit. Und diese Paradoxie besteht in folgendem.<\/p>\n<p>Der Mensch ist ein Wesen, das zwei Welten zugleich angeh\u00f6rt, eine merkw\u00fcrdige und auf seine Art paradoxale Erscheinung. Einerseits ist er ein Glied in der Kette der Naturentwicklung, ist daher auch den Gesetzen und Grunds\u00e4tzen der unanfechtbaren \u201eKausalit\u00e4t durch Natur\u201c unterworfen. Von diesem Standpunkt aus gesehen dr\u00fcckt die Antithesis der dritten Antinomie, da sie von der Allmacht und Un\u00fcberwindlichkeit der Naturgesetze, und damit auch ihrer Macht \u00fcber den Menschen redet, eine naturwissenschaftliche und philosophische Wahrheit aus. Oder wenn man es mit Kant selbst, in seiner eigenen Sprache formuliert: \u201eder Mensch ist eine von den Erscheinungen der Sinnenwelt, und in so fern auch eine der Naturursachen, deren Kausalit\u00e4t unter empirischen Gesetzen stehen mu\u00df\u201c [1, B574]. Der Kerninhalt der wichtigsten praktischen Konsequenz der kosmologischen Position der Antithesis besteht in folgendem: der Mensch darf und soll nicht hoffen, da\u00df es ihm (etwa durch den Fortschritt der Erkenntnis, der Wissenschaft und Technik) gelingen kann, die harte Naturnotwendigkeit jemals aufzuheben oder auch nur unbestraft zu ignorieren. (Wie viele Neuerungen wir z.B. vom wissenschaftlich-technischen Fortschritt auch immer erwarten, wie weitgehend wir dadurch auch immer das Einzelleben zu \u00fcberwinden imstande werden, so sind doch, o weh! &#8211; der Tod des Menschenk\u00f6rpers und seine Krankheitsanf\u00e4lligkeit un\u00fcberwindbar). Daher r\u00fchrt wiederum eine Menge einzelner Konsequenzen, die die weise, vorsichtige, ausgewogene Lebensstellung des Einzelnen und der gesamten Menschheit zur Natur, zum Kosmos und zum Nat\u00fcrlichen, Kosmischen, K\u00f6rperhaften im Menschen selbst betreffen. Es folgt daraus, wenn man so will, eine ganze Lebens- und Todesphilosophie, die die kosmisch-nat\u00fcrliche Seite des menschlichen Wesens und Daseins unbedingt beachtet.<\/p>\n<p>Andereseits liegt eine, f\u00fcr den Menschen nicht weniger bedeutsame, Wahrheit auch in der \u201ePosition\u201c der Thesis. Die dem Menschen verliehene Spontaneit\u00e4t des Handelns (d.h., wie es bei Kant hei\u00dft, das Verm\u00f6gen, \u201eeine Reihe von Erscheinungen, die nach Naturgesetzen l\u00e4uft, <i>von selbst<\/i> anzufangen\u201c), &#8211; ist nicht Willk\u00fcrliches, sondern wurzelt im inneren Gleichgewicht des Weltalls, des Kosmos, in der g\u00f6ttlichen F\u00fcrsorge dar\u00fcber. Die praktischen Konsequenzen dieser, mit Kant zu reden, \u201etranszendentalen Freiheit\u201c, liegen auf der Hand: In der Position der Thesis findet der Mensch die allertiefsten, wahrhaft kosmischen Wurzel seiner Freiheit, seiner Aktivit\u00e4t, seiner Wahlm\u00f6glichkeiten. Und wenn man seine Gedanken aus der fr\u00fchen Schrift \u201eAllgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels\u201c mit beachtet, so hegt Kant eine Hoffnung darauf, da\u00df es im Kosmos auch andere Vernunftwesen gibt. Und deswegen ist der Mensch nach Kant zu einem Stolzgef\u00fchl von seinem Anteil an der Tendenz der kosmischen Elemente, die auf eine \u201eabsolute\u201c Spontaneit\u00e4t, oder g\u00f6ttliche Freiheit, zur\u00fcckgehen.<\/p>\n<p>Die angef\u00fchrte Allgemeinparadoxie wird, wie dies aus Kants theoretischen Ausf\u00fchrungen und aus der Praxis der Geschichte gleicherma\u00dfen erhellt, dem Menschen nicht gnadenhaft-unwiderspr\u00fcchlich gegeben, sondern eben als eine unaufhebbare und schmerzhaft zu erlebende Antinomie aufgegeben. Der Mensch kann in seinem Leben, in seinem Handeln objektiv und subjektiv bald (\u00fcberwiegend) zur Linie der Thesis, bald aber zur Linie der Antithesis hinneigen. In anderen Worten kann er sich manchmal, in mancher Hinsicht, und ab und zu auch in seinem Wesen, blo\u00df der \u00e4u\u00dferen nat\u00fcrlichen und gesellschaftlichen Notwendigkeit unterworfen empfinden, und als ein gehorsames Werkzeug in ihrer Hand handeln. (Dann wird er tats\u00e4chlich zum Tributzahler gegen\u00fcber der Antithesis, wie schulweise und metaphysisch diese Position bei Kant auch immer formuliert ist). Es ist jedoch dem Menschen nicht verstattet, sich dem \u201emetaphysischen Konformismus\u201c (wenn man uns diesen Ausdruck erlaubt) ganz hinzugeben. Denn er geh\u00f6rt ebenso objektiv auch zur Welt der Freiheit: er soll best\u00e4ndig spontan, von selbst eine Reihe von Erscheinungen anfangen, die, obwohl bisher nicht vorhanden, sich dennoch in die Gesamtkette der den Naturgesetzen unterworfenen Tatsachen sogleich einf\u00fcgen. Eine solche \u201eNeureihe\u201c der Kausalit\u00e4t ist die menschliche Gesellschaft selbst, deren Werdegang und zivilisationsm\u00e4\u00dfige Vervollkommnung sich jedoch der \u201eKausalit\u00e4t durch Natur\u201c anpassen soll, welches ebenfalls der menschlichen Gesellschaft recht m\u00fchevoll gelingt. Solche Neureihen, die eben und gerade von der Menschheit spontan, und in diesem Sinne auch frei, angefangen werden, sind die Sph\u00e4ren des Sollens, also der Sittlichkeit und des Rechts. Auch der Einzelmensch <i>kann<\/i> hier nicht blo\u00df spontan, frei, auf der Basis von eigener Wahl handeln, sondern kann er auch im gewissen Sinn <i>nicht anders<\/i> handeln. Denn der Mensch geh\u00f6rt nach Kant nicht allein zur Naturwelt, sondern auch zur \u00fcbernat\u00fcrlichen, oder intelligiblen Welt. Kant sagt: \u201eEs m\u00f6gen noch so viel Naturgr\u00fcnde, die mich zum <i>Wollen<\/i> antreiben, noch so viel sinnliche Anreize, so k\u00f6nnen sie nicht das <i>Sollen<\/i> herrvorbringen, sondern nur ein noch lange nicht notwendiges, sondern jederzeit bedingtes Wollen, dem dagegen das Sollen, das die Vernunft ausspricht, Ma\u00df und Ziel, ja Verbot und Ansehen entgegen setzt\u201c [1, B576].<\/p>\n<p>Also ist der Antinomismus, d.h. die unaufhebbare Widerspr\u00fcchlichkeit, der Thesis und Antithesis, der Kausalit\u00e4t durch Natur und der Kausalit\u00e4t durch Freiheit, keine Erfindung Kants, sondern eine gedankliche Verallgemeinerung des unverbr\u00fcchlichen Schicksals, dar dramatischen Koexistenz des Menschen und der Natur. Sowie auch eine Verallgemeinerung der unaufhebbaren Dramatik des Menschengeistes, des historischen Zweikampfes der \u201ePartei\u201c der Thesis, also der Partei der Freiheit, und der \u201ePartei\u201c der Antithesis, also der Partei der Notwendigkeit. (Es versteht sich von selbst, da\u00df das Wort \u201ePartei\u201c hier keineswegs in einem eng politischen, sondern vielmehr in einem metaphysischen Sinne verwendet wird, obwohl der Kampf zwischen solcherartigen \u201emetaphysischen\u201c Parteien nicht selten auch in der Politik eine Widerspiegelung findet.)<\/p>\n<p>Dieser Zweikampf, in unterschiedlichsten Erscheinungsformen, durchzieht die ganze Menschengeschichte, insbesondere auch die Geschichte des menschlichen Denkens. Kant hat dies tief eingesehen, und darin liegt sein gewaltiger Verdienst um die Menschheit. Er hat de facto bewiesen, da\u00df beide Parteien, sowohl auf dem Schauplartz des praktischen Lebens, als auch in der Sph\u00e4re des Geistes, auch ohne einer scheinbaren Konsolidierung unaufh\u00f6rlich fortbestehen, sich reproduzieren und gegeneinander k\u00e4mpfen werden. Ist aber nicht etwa zu erwarten, da\u00df eine davon (etwa die Partei der Freiheit) die Gegenpartei besiegen wird, oder da\u00df Thesis und Antithesis in einer dritten, angeblich richtigeren Position aufgehoben werden? In jener Position z.B., die die Freiheit als \u201eerkannte Notwendigkeit\u201c definiert dadurch den ganzen \u201eWiderstreit der Vernunft mit sich selbst\u201c angeblich \u00fcberfl\u00fcssig macht? Nach Kant w\u00e4re eine solche Hoffnung durchaus naiv. Ihm ist nun insofern rechtzugeben, da\u00df die Unaufhebbarkeit der Vernunftantinomien eine Widerspiegelung des Antinomismus in der Realit\u00e4t selbst, in der Praxis des rationalen menschlichen Handelns ist.<\/p>\n<p>Davon kann man sich durch die Reflexion auf die lebendige Erfahrung eines jeden \u00fcberzeugen. Bekennen wir uns selbst aufrichtig: solange und insofern ein jeder von uns eigene Handlungen f\u00fcr die Zukunft plant oder diese post factum begreift, kann der Prinzip der Freiheit unm\u00f6glich einen garantierten oder offenkundigen Vorrang vor dem Prinzip des Determinismus besitzen. Das wei\u00df jedermann sehr gut, da wir uns, wie spontan auch immer unsere Einzelhandlungen sein m\u00f6gen, doch einer Vielheit von nat\u00fcrlichen und sozialen Notwendigkeiten unterwerfen. Dar\u00fcber hinaus \u00fcben wir t\u00e4glich Begr\u00fcndungs- und Rechtfertigungsprozeduren dieser Handlungen f\u00fcr uns und f\u00fcr andere aus, bei denen Verweise auf die Macht objektiver Sachverhalte nat\u00fcrlicher oder sozialer Art vorherrschend sind. Politiker aller Zeiten und Nationen, besonders nach einer Niederlage in politischen K\u00e4mpfen, nehmen zur Erkl\u00e4rung dieser Niederlage gar oft zu \u201edeterministischen\u201c Argumenten Zuflucht. In vielem basiert auch die Selbstrechtfertigung von Einzelnen, die gegen rechtliche und sittliche Normen versto\u00dfen hat (insbesondere der Verbrecher und ihrer Rechtsanw\u00e4lte), ebenfalls auf \u201edeterministischen\u201c Hinweisen auf unaufhebbare objektive Sachverhalte. Nat\u00fcrlich kann man auf unsere Rechtfertigungen und Argumenten dieser Art (die an Kants Argumente aus reinen Vernunft zugunsten der objektiven Bedingtheit von Taten, Handlungen, Ideen erstaunlich nahekommen) durchaus sachliche Gegenargumente vorbringen.<\/p>\n<p>Allgemein gesagt, verteidigen die Verfechter der Freiheit das Freiheitsverm\u00f6gen und Imputabilit\u00e4t des Menschen ebenfalls unter Berufung auf reelle Z\u00fcge des menschlichen Handelns und Denkens. Trotz aller Macht und determinierender Wirkungskraft der \u00e4u\u00dferen Kr\u00e4fte kann der Mensch auch in scheinbar \u201eauswegslosen\u201c Situationen gewissenhaft Wahlm\u00f6glichkeiten, Handlungsvarianten, also Freiheitsoptionen entdecken. Die Anh\u00e4nger des Gedankens, wonach Freiheit unter allen Umst\u00e4nden und Bedingungen Priorit\u00e4t besitzen mu\u00df, k\u00f6nnen jedoch mit der von Kant vorgeschlagenen L\u00f6sung der allgemeinen Freiheitsparadoxie (und ganz besonders in der \u201eKritik der reinen Vernunft\u201c) unzufrieden bleiben. Denn Kant will, wie oben gezeigt wurde, solange er sich im \u201eRaum\u201c der theoretischen Vernunft bewegt, keineswegs irgendwelche absolute Priorit\u00e4t des Freiheitsprinzips behaupten. Wie gro\u00df die Unzufriedenheit bei der \u201eFreiheitspartie\u201c (der ich pers\u00f6nlich sehr sympatisiere) auch sein mag, so entspricht dennoch eben und gerade die Beibehaltung der Antinomie von Freiheit und Determinismus den Realit\u00e4ten der geschichte und des allt\u00e4glichen Handelns. Nehmen wir etwa den Gegensatz der Thesis und der Antithesis in der Weltpolitik, in welcher es zwei Arten von Politikern immer gegeben hat und auch heute gibt. Die einen beachten in ihrer Stellung zu einzelnen Nationen und V\u00f6lkern jene Ereignisse, die schon zu einer beinahe unzerrei\u00dfbaren Kette von geschichtlichen Determinationen verwoben sind. Z.B. zwei L\u00e4nder haben in ihren gegenseitigen Beziehungen eine ziemlich negative Erfahrungen angeh\u00e4uft. Der Ansatz der \u201ePolitiker der Antithesis\u201c, um die es sich hier handelt, lautet nun: aus der historischen Erfahrung von gegenseitigem Mi\u00dftrauen und Gegeneinander der L\u00e4nder, L\u00e4ndergruppen undf der V\u00f6lker l\u00e4\u00dft es sich auf keine Weise \u201eherausspringen\u201c. Und ist man zwar (\u201eanstandshalber\u201c, wie sie meinen) gezwungen, Friedens- und Kooperationsw\u00f6rter zu sprechen, so mu\u00df man doch in der Tat (und insgeheim) den Gegensatz fortsetzen, da dieser geschichtlich bedingt ist. Sie haben, wie ich hoffe, in dieser Typenbeschreibung die keineswegs wenigen Politiker wiedererkannt, die auch in der Welt von heute, obwohl nicht mit Worten, aber doch mit Taten den \u201ekalten Krieg\u201c fortf\u00fchren.<\/p>\n<p>Man begegnet doch auch, obwohl zum Bedauern viel seltener, Politiker anderer Art. Auch sie erinnern sich nat\u00fcrlich an die Vergangenheit, auch sie empfinden Beleidigungsschmerzen oder, im Gegenteil, Schuldgef\u00fchle, wenn es sich um L\u00f6sungen f\u00fcr gewisse internationale Probleme handelt. Sie zeigen sich aber bereit und f\u00e4hig, von dieser \u201enat\u00fcrlichen\u201c Kausalit\u00e4t der Geschichte abzusehen und in den Beziehungen zu anderen Nationen und V\u00f6lkern \u201eeine neue Reihe\u201c von Taten und Beziehungen, die mit Friedens- und Verst\u00e4ndigungsgeboten im Einklang sind, \u201efrei anzufangen\u201c. Das ist nun eben eine Politik, die aus dem Prinzip der \u201eGeschichte in weltb\u00fcrgerlicher Absicht\u201c folgt, wenn man sich hier diesen f\u00fcr die Gegenwart wichtigsten Begriff Kants bedienen darf. Eine solche Politik harmoniert auch mit dem Prinzip der Freiheit in seiner Kant\u2019schen Auslegung. Und in der Welt der Gegenwart scheint die \u201ePartei der Freiheit\u201c besonders viele Vorteile und Aussichten zu besitzen. Aber auch hier st\u00f6\u00dft man immer wieder auf Schwierigkeiten und Widerspr\u00fcche.<\/p>\n<p>So hat z.B. die Erfahrung Ru\u00dflands der letzten jahrzehnte \u00fcberzeugend gezeigt: da\u00df, obwohl die Reformer das Freiheitsprinzip zurecht vorgesetzt haben, die eigentliche Strategie der Bewegung eines riesengro\u00dfen Staates zur Freiheit blieb jedoch undurchdacht und blieb also auch, in ihrer komplexen gegenseitigen Verflechtung mit historisch ausgebildeten Erfahrungen, mit sozialen Ordnungen, Gleichgewichten, mit dem \u201eSystem der R\u00fcckhalte und Gegengewichte\u201c nicht verwirklicht. Vieles h\u00e4ngt hier davon ab, da\u00df im Bewu\u00dftsein der Einzelnen und im gesellschaftlichen Bewu\u00dftsein der L\u00e4nder, die ein Zeitalter des Totalitarismus hinter sich haben, immer \u00fcberh\u00f6hte Erwartungen in bezug auf die Erringung von sozialen Freiheiten sich zeigen. Es scheint dann, als ob, sobald man von allen diesen unsch\u00e4tzbaren Rechten und Freiheiten des menschen Besitz ergreift, auch das Leben aller oder sehr vieler Staatsb\u00fcrger sich wie durch ein Wunder ver\u00e4ndern wird. Grunds\u00e4tzlich sind im heutigen Ru\u00dfland schon positive Schritte auf die Anerkennung von Menschenrechten und \u2013freiheiten und die Aufhebung einer ganzen Reihe von Freiheitsbeschr\u00e4nkungen hin durchgesetzt, die f\u00fcr die totalit\u00e4re gesellschaft charakteristisch waren. Aber die Erringung von neuen Freiheiten hat, wie es in der Geschichte auch immer vorkommt, auch neue soziale Probleme mit sich gebracht, von dem Umstand noch zu schweigen, da\u00df wir von ferner und nicht allzu ferner Vergangenheit gewisse historisch determinierte Unfreiheiten geerbt haben.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re nun verfehlt zu behaupten, da\u00df etwa L\u00e4nder mit langen freiheitlichen und demokratischen Traditionen sich heutzutage r\u00fchmen k\u00f6nnen, da\u00df sie die Freiheitsparadoxien in Griff bekommen haben. Eins der grundlegenden M\u00e4ngel der gegenw\u00e4rtigen Zivilisation besteht darin, da\u00df Durchsetzungsverfahren von formell anerkannten und angeblich allgemeinen Rechten und Freiheiten auf Bedingungen und Hindernisse reeller und sogar formalrechtlicher natur sto\u00dfen (soziale Ungleichheit, die rechtliche Ungleichheit nach sich zieht; elende Lage der \u201eErniedrigten und Verletzten\u201c, b\u00fcrokratische H\u00fcrden und mehrere andere, schon ausgebildete Ketten von Sozialursachen). Und obwohl dies eine allgemein anerkannte Tatsache ist, so sind doch in so mancher gegenw\u00e4rtig dominierender rechtlich-politischer Reflexionsweise die Akzente bedeutend verschoben. So gilt etwa das Interesse der B\u00fcrgerrechtler in verschiedenen L\u00e4ndern und Organisationen ausschlie\u00dflich den Rechten und Freiheiten von marginalen Bev\u00f6lkerungsschichten, den \u201eprotestbeladenen\u201c oder schlechtweg kriminellen Gruppierungen und Handlungen. Selbstverst\u00e4ndlich soll man die Rechte von solchen Einzelnen und Sozialschichten verteidigen. Aber solche B\u00fcrgerrechtler h\u00f6rt man so gut wie gar nicht, wenn es sich etwa um Hunderte und Tausenden von gesetzesgehorsamen B\u00fcrgern handelt, die am Terrorismus leiden, mit jenen \u201eFreiheitsk\u00e4mpfern\u201c konfrontiert werden, f\u00fcr die die Freiheit als Ziel alles, die Aufopferung von mehreren Menschenleben aber nichts ist. Diese Realit\u00e4ten der Gegenwart bringen uns wieder zu den Paradoxien der Freiheit in der Lehre Kants zur\u00fcck.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>Freiheitsparadoxien im Bereich der praktischen Vernunft<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben schon angedeutet, da\u00df Kant in der \u201eKritik der praktischen Vernunft\u201c von Anfang (Willens-)Freiheit als ein Ausgangspostulat einf\u00fchrt, die er, neben der Unsterblichkeit der Seele und dem Dasein Gottes, als ein Postulat der reinen praktischen Vernunft betrachtet. Das bedeutet nach Kant: ohne einer Voraussetzung der Freiheit ist es nicht m\u00f6glich, von der Sittlichkeit (und dementsprechend vom Recht) auch nur zu reden: \u201eW\u00e4re aber keine Freiheit, so w\u00fcrde das moralische Gesetz in uns gar nicht anzutreffen sein\u201c [2, 280]. Bei genauerer betrachtung der zweiten Kritik Kants wird aber sogar ein wohlwollend gestimmter Leser staunend feststellen m\u00fcssen, mit welchen Widerspr\u00fcchen und Paradoxien die Verwirklichung dieses Postulats auch auf dem Boden der praktischen Vernunft verbunden ist. Die grunds\u00e4tzliche Paradoxie besteht in folgendem.<\/p>\n<p>Einerseits ist die Freiheit, wie schon oben gesagt, zum Postulat erkl\u00e4rt, also gewisserma\u00dfen auch zum Fundament des gesamten Bereichs der praktischen Vernunft, der in ihrer Kant\u2019schen Deutung der Bereich des sittlichen, rechtlichen, und d.h., in einer gewissen Dimension, auch des sozialen Handelns ist.<\/p>\n<p>Andereseits erweist es sich bei einer ausf\u00fchrlichen Erl\u00e4uterung des Freiheitsprinzips, da\u00df es im sittlich-rechtlichen, sozialen Bereich in seiner h\u00f6chsten Erf\u00fcllung die Befolgung der Pflicht, des Sollensprinzips ist. Also wird die Unterordnung des Einzelnen gegen\u00fcber dem, was \u00fcber seine (empirischen) W\u00fcnsche, seine (gew\u00f6hnichen) Gl\u00fccksvorstellungen hinausgeht, &#8211; und oft sogar all diesem widerspricht. Die Pflicht mit lebhaften und feierlichen Worten charakterisierend, stellt sich Kant in bezug auf sie eine in der Tat bedeutsame Frage: \u201e<i>Pflicht!<\/i> Du erhabener gro\u00dfer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich f\u00fchrt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst, doch auch nichts drohest, was nat\u00fcrliche Abneigung im Gem\u00fcte erregte und schreckte, um den Willen zu bewegen, sondern blo\u00df ein Gesetz aufstellst, welches von selbst im Gem\u00fcte Eingang findet, und doch sich selbst wider Willen Verehrung (wenn gleich nicht immer Befolgung) erwirbt, vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich in Geheim ihm entgegen wirken, welches ist der deiner w\u00fcrdige Ursprung, und wo findet man die Wurzel deiner edlen Abkunft, welche alle Verwandtschaft mit Neigungen stolz ausschl\u00e4gt, und von welcher Wurzel abzustammen die unnachl\u00e4\u00dfliche Bedingung desjenigen Werts ist, den sich Menschen allein selbst geben k\u00f6nnen?\u201c [2, 509-511, 508-510].<\/p>\n<p>Kants Antwort auf die Frage in bezug auf die Pflicht ist fachspezifisch und kompliziert. Den Ursprung des \u201earistokratischen\u201c Adels der Pflicht erblickt Kant zun\u00e4chst im Verm\u00f6gen des Menschen, seinen \u201ep\u00f6belhaften\u201c Neigungen, der \u201epathologischen\u201c Welt seiner Begierden zu widerstehen, zweitens aber im Personwerden des Einzelnen. Sehr wichtig dabei ist folgender Umstand: nur die Menschen sind es, und darin hat Kant v\u00f6llig recht, die sich selbst dieW\u00fcrde der Pflichtbefolgung und der Verantwortung gegen\u00fcber ihren Mitmenschen \u201ezusprechen\u201c k\u00f6nnen. Wir w\u00fcrden noch hinzuf\u00fcgen: nur wahrhaft freie Menschen sind f\u00e4hig, sich Verantwortung f\u00fcr sich selbst und f\u00fcr andere Einzelmenschen aufzuerlegen, hingegen ist das Bestreben des Menschen (wie auch der sozialen Gruppen, ja der ganzen V\u00f6lker), sich selsbt lauter Rechte und Freiheiten zuzuschreiben, die volle Last der Verantwortung aber anderen aufzub\u00fcrden, ein sicherer Merkmal ihrer tats\u00e4chlichen Unfreiheit. Und dennoch kann man Gesagtes unm\u00f6glich f\u00fcr ungesagt ausgeben: die Pflicht gebietet nach Kant recht streng Unterwerfung und Verehrung, gebietet auch, da\u00df im Menschen \u201ealle Neigungen verstummen\u201c sollen. Und das ber\u00fchmte kategorische Imperativ Kants will dem Einzelmenschen ohne weiteres eine heilige Verpflichtung auferlegen, freiwillig und stolz als eine Art Urheber der ihn selbst beschr\u00e4nkenden \u201eallgemeinen Gesetzgebung\u201c aufzutreten: \u201eHandle so, da\u00df die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten k\u00f6nne\u201c ; [2, 348, 349]).<\/p>\n<p>Diese Z\u00fcge des moralischen Rigorismus Kants haben bekanntlich schon zu seinen Lebzeiten eine Welle der Kritik hervorgerufen (man erinnere sich etwa nur an die bekannten satirischen Verse F.Schillers). Am Ende des XIX. und im XX. Jahrhundert erhoben sich solche kritische Wogen immer wieder und f\u00fchrten manchmal zu negativen Wertungen der kantischen Ethik insgesamt, die beinahe zu einem Sinnbild \u201etotalit\u00e4rer\u201c Gewalt gegen die Pers\u00f6nlichkeit stilisiert wurde. Man erinnere sich an die negativen Charakterisierungen bei Nietzsche: \u201evom kategorischen Imperativ Kants stinkt\u2019s nach Grausamkeit\u201c (<i>Zur Genealogie der Moral<\/i>, \u00a7 6), oder: Kant \u201egibt durch seine Moral folgendes zu verstehen: \u201ein mir ist achtungsw\u00fcrdig, da\u00df ich gehorchen kann, und bei ihnen soll es nicht anders sein als bei mir!\u201c <i>(Jenseits von Gut und B\u00f6se<\/i>, \u00a7 187), oder auch beim russischen Denker Lew Schestow: \u201eDer kategorische Imperativ bei Kant, die utilitaristischen Prinzipien bei Mill hatten nur eine einzige Bestimmung: den Menschen an die mittelm\u00e4\u00dfigen, gewohnten Lebensnormen zu binden, die man als schlechthin f\u00fcr alle Menschen gleicherma\u00dfen tauglich voraussetzte\u201c [3, 212].<\/p>\n<p>Kant hat, hier mu\u00df man es gerechterweise anerkennen, durchaus verstanden, da\u00df dadurch jene angeblich der gesamten reinen Vernunft zugrundegelegte Freiheit wieder entflieht und wiederum \u2013 wie schon auf dem Boden reiner theoretischer Vernunft \u2013 unverwirklicht und unverb\u00fcrgt bleibt. In der \u201eKritik der praktischen Vernunft\u201c (und besonders in der \u201eGrundlegung zur Metaphysik der Sitten\u201c) gibt es mehrere Bekenntnisse dieser Art. So macht Kant z.B., indem er fast am Schlu\u00df der \u201eGrundlegung\u201c die vorhergehende Er\u00f6rterung zusammenfa\u00dft, ein Gest\u00e4ndnis, das durchaus f\u00e4hig ist, die Verfechter der Freiheitsidee zu verbl\u00fcffen: \u201eWir haben den bestimmten Begriff der Sittlichkeit auf die Idee der Freiheit zuletzt zur\u00fcckgef\u00fchrt; diese aber konnten wir, als etwas Wirkliches, nicht einmal in uns selbst und in der menschlichen Natur beweisen; wir sahen nur, da\u00df wir sie voraussetzen m\u00fcssen, wen wir uns ein Wesen als vern\u00fcnftig und mit Bewu\u00dftsein seiner Kausalit\u00e4t in Ansehung der Handlungen, d.i. mit einem Willen begabt, uns denken wollen\u2026\u201c [2, 227-229, 226-228].<\/p>\n<p>\u201eMan mu\u00df es frei gestehen\u201c, schreibt Kant, da\u00df wir gleichsam in einen circulus vitiosus geraten: \u201eWir nehmen uns in der Ordnung der wirkenden Ursachen als frei an, um uns in der Ordnung der Zwecke unter sittlichen Gesetzen zu denken\u2026\u201c [2, 232, 233]. Kants Kritiker vom Schlage Nietzsches, Schestows oder der Postmodernisten k\u00f6nnten wohl bemerken, da\u00df im Text der ethischen und rechtsphilosophischen Schriften Kants das Wort \u201eFreiheit\u201c wohl seltener vorkommt als Wendungen wie \u201eUnterordnung\u201c, \u201eZwang\u201c, \u201eSelbstzwang\u201c \u2013 diesmal nicht gegen\u00fcber der Naturkausalit\u00e4t, sondern gegen\u00fcber derPflicht, dem kategorischen Imperativ, den moralischen und anderen sittlichen (sowie auch rechtlichen und allgemein-sozialen) Normen. F\u00fcr diese Kritiker ist, wie wir dies am Besipiel Nietzsches gesehen haben, ganz besonders der Umstand inakzeptabel, da\u00df als h\u00f6chster Ausdruck der eigenen Freiheit und Autonomie, und zugleich damit als ein Ausweg aus den vom gro\u00dfen Denker aufrichtig skizzierten Freiheitsparadoxien hier eine freiwillige Unterwerfung seiner Selbst (\u201eSelbstzwang\u201c) unter einer \u00fcberindividuellen\u00a0 (\u201eallgemeinen\u201c) Gesetzgebung gilt. Daher wird, aus ihrer Sicht, die Ethik Kants zu einem beinahe \u201etotalit\u00e4ren\u201c, gegen\u00fcber dem Einzelnen sogar \u201egrausamen\u201c ethischen System, das im Grunde und letzten Endes das von ihm selbst postulierte Freiheitsprinzip tats\u00e4chlich annuliert. Solche Kritiken sollten, wie ich glaube, nicht schlechtweg abgelehnt werden. Aber spricht man nun von den bei Kant tief und ernsthaft aufgedeckten Freiheitsparadoxien, so ist von vornherein anzuerkennen: diese Paradoxien beziehen sich nicht nur, ja nicht erstrangig, zu seinem ethischen System, als vielmehr zur Widerspr\u00fcchlichkeit, ja Paradoxalit\u00e4t, des reellen Systems des menschlichen Handelns.<\/p>\n<p>In meiner Sicht entsprechen die Paradoxien des kantischen Rigorismus der wirklichen H\u00e4rte, und bisweilen sogar Grausamkeit, der moralischen Regelung des praktischen Handelns wie des Bewu\u00dftseins einer jeden menschlichen Pers\u00f6nlichkeit. Seit dem Zeitalter Kants haben diese H\u00e4rte und Grausamkeit nicht allein in nichts nachgelassen, sondern sind in gewissem Ma\u00df gesteigert. Und noch eine Paradoxie: mit der gesellschaftlichen Entwicklung, mit der Erhebung und Vertiefung des moralischen (Rechts-) Bewu\u00dftseins des Einzelnen und der Gesellschaft wird wahrscheinlich der Konflikt der Neigungen und der Pflicht, der Wahl der Mittel \u2013 und der Verfechtung der Zwecke (wie auch der Konflikt zwischen formalem Recht und materiellem Interesse), von der Person selbst keineswegs weniger scharf und tief erlebt, als im Zeitalter der traditionellen (oder totalit\u00e4ren) rechtlich-moralischen Regelung. Ich denke, Kant, den man so gerne der Abstraktheit und des Rigorismus beschuldigte, erweist sich in Wirklichkeit realistischer, als die gegenw\u00e4rtigen und fr\u00fcheren sch\u00f6nm\u00fctigen Apologeten einer Freiheit um jeden Preis, einer zwanglosen, verantwortungslosen Freiheit. Denn diese letzteren erfinden zun\u00e4chst \u2013 in hochfliegenden Wendungen und von der harten Realit\u00e4t abstrahierend \u2013 ein gewisses Gedankenbild gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Freiheit, dem Zwang, erst recht aber dem Selbstzwang entgegengesetzt, und dann \u00fcberfallen die Realit\u00e4t mit Anklagen, sobald diese ihren Tr\u00e4umen nicht entsprechend sich \u00e4u\u00dfert, wie auch jene Theoretiker, die, wie etwa Kant, der wirklichen Widerspr\u00fcchlichkeit des Menschenlebens n\u00e4herkommen.<\/p>\n<p>Ist es also nicht realistischer, lebensnaher, sich den \u201eGeboten\u201c sittlicher Pflicht m\u00f6glichst genau zu unterwerfen und den Freiheitsma\u00df ausschlie\u00dflich in dem Grad der Freiwilligkeit zu erblicken, der Bereitschaft, demjenigen in den Dienst zu treten, was jederzeit als unsere moralische Pflicht erkannt wird? Ist nicht dies (wie die strengsten Kritiker meinen) die eigentliche Lehre der Ethik Kants? Diese Konsequenz widerspricht meiner Meinung nach einer wesentlichen Besonderheit der Kant\u2019schen Theorie der praktischen Vernunft und einer weiteren Freiheitsparadoxie. Es ist dies die Paradoxie der erfahrungsm\u00e4\u00dfig vorhandenen, der historisch-konkreten, und der allgemeinen, in Kants Terminologie, der ethischen (sowie der rechtlichen, der allgemein-sozialen) Regelung. Unterwerfen wir uns r\u00fccksichtslos, kritiklos, ethischen (und dementsprechend auch rechtlichen) Regeln eines bestimmten Zeitalters, so handeln wir doch nicht im Sinne Kants. (Freilich m\u00fcssen wir auch diesen Regeln gegen\u00fcber eine gewisse Achtung zollen, zumindest gegen die Tatsache selbst, da\u00df wie auch immer geartete Handlungsnormen in der Gesellschaft vorhanden sind). Das f\u00fcr Kant entscheidende Zeugnis der moralischen (rechtlichen) Denkungsart ist die Orientierung an der allgemeinen Form des Sittengesetzes, an der moralischen Pflicht als solcher. Das hatten auch Kantkritiker im Sinne, indem sie dem Philosophen Formalismus und Universalismus vorwarfen. Jedoch unterstellt die Form des kategorischen Imperativs bei Kant selbst, da\u00df jeder Einzelne \u2013 bei allen \u00e4u\u00dferen Zw\u00e4ngen \u2013 dennoch frei genug ist, um zwischen verschiedenen Maximen (allgemeinen Formeln) des Handelns zugunsten solcher zu w\u00e4hlen, die er gleichsam in seinem eigenen Namen dem Menschengeschlecht als Grunds\u00e4tze einer allgemeinen Gesetzgebung inhaltlich empfehlen kann. Die Kritiker, welche Kant f\u00fcr seinen Rigorismus und Universalismus Vorw\u00fcrfe machen, \u00fcbersehen dabei, da\u00df die Verwandlung des kategoriscchen Imperativs in eine allgemeinverpflichtende Handlungsmaxime einen durchaus konkreten Lebenssinn haben kann.<\/p>\n<p>So w\u00fcrden z.B. jene Einzelmenschen (oder Menschengruppen, oder Nationen), die Beschl\u00fcsse fassen und\/oder vollziehen, wonach man im Namen der Freiheit und der Demokratie andere V\u00f6lker und Nationen in offensiver Weise, ja sogar mit Waffenmacht und durch blutige Kriegshandlungen, zur Demokratie zwingen darf oder vielleicht sogar soll, den Test am Ma\u00dfstab des kategorischen Imperativs Kants offenbar nicht bestehen. Denn sie h\u00e4tten dann Einzelnen, V\u00f6lkern, Nationen empfehlen m\u00fcssen, in derselben Weise auch gegen sie und ihre Nationen zu handeln, die sich \u201eMentoren der Freiheit und Demokratie\u201c w\u00e4hnen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Fazit.<\/span> Ich will keineswegs behaupten, da\u00df etwa Kants Freiheitslehre einwandfrei sei und keiner Kritik verdiene. Als umfassender konzept geh\u00f6rt sie mit allen ihren Einzelheiten der Vergangenheit. Eine neue, unseren Zeiten entsprechende Freiheitstheorie ist, wie es scheint, noch zu schaffen. Aber bei derEntwicklung einer solchen Theorie m\u00fc\u00dfte man, wie ich glaube, auf die reelle und unaufhebbare Paradoxalit\u00e4t, ja Antinomismus der Handlungen um der Freiheit willen und der menschlichen Freiheitsgedanken, die gegenseitige Verflechtung der Kausalit\u00e4t durch Freiheit mit der Kausalit\u00e4t durch Natur, auf die unzertrennliche Einheit der Wahlfreiheit und der Selbstunterwerfung unter Pflichtgebote, die Wechselwirkung von Freiheit und Verantwortung unbedingt R\u00fccksicht nehmen. Man mu\u00df sich die Gefahren einer angeblichen \u201e\u00dcberwindung\u201c der Antinomien im Sinne der Propaganda zugunsten einer gewissen absoluten, verantwortungslosen Freiheit, eines wie auch immer blutigen Kampfes um diese Freiheit, &#8211; oder im Gegenteil im Sinne einer konformistischen, totalit\u00e4ren Freiheitsaufopferung (die sich oft als \u201eerkannte Notwendigkeit\u201c verkleidet).<\/p>\n<p>Und alles oben Gesagte (wie auch vieles Andere, was au\u00dferhalb der Rahmen meines Vortrags bleiben mu\u00df), bedeutet, da\u00df wir Kants Beitrag zum Verst\u00e4ndnis der Freiheit und zur Sache der Freiheit selbst durchaus beachten und hoch zu sch\u00e4tzen wissen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\"><b>Bibliographie:<\/b><\/p>\n<ol>\n<li><i>Kant I.<\/i>\u00a0 Gesammelte Schriften (Akademie-Ausgabe). Berlin: de Gruyter Verlag, 1900 ff.<\/li>\n<li><i>Kant I.<\/i> Werke. Zweisprachige deutsch\u00dfrussische Ausgabe. Herausgeber Nelli Motroschilowa, Burkhard Tuschling. Moskau, 1997.<\/li>\n<li><i>Schestow L.<\/i> Dostojewskij i Nietzsche (Dostojewskij und Nietzsche). Sankt-Petersburg, 1903.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\"><b><i>Die erste Ver\u00f6ffentlichung des Aufsatzes<\/i><\/b><i>:<\/i><\/p>\n<p align=\"left\">Motroschilowa N.W. Paradoxien der Freiheit in der Philosophie Kants: Ihre aktuelle Bedeutung\/\/ Kant zwischen West und Ost. Zum Gedenken an Kants 200. Todestag und 280. Geburtstag. Hrsg. Von Prof. Dr. Wladimir Bryuschinkin. Bd.1. Kaliningrad, 2005. S. 24 &#8211; 38.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den zwei Jahrhunderten, die seit dem Todestage Kants verflossen sind, haben sich im Bereich des Menschengeistes unz\u00e4hlige wichtige Begebenheiten ereignet. Schaut man in dieser Geschichte nach best\u00e4ndigen intellektuellen Tendenzen um, so ist als eine dieser Tendenzen das stabile und immer wachsende Interesse zur Philosophie des gro\u00dfen Kant anzuerkennen. Suchen wir ferner nach der generellsten [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":361,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/360"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=360"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/360\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":363,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/360\/revisions\/363"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/361"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=360"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=360"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=360"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}