{"id":339,"date":"2014-04-02T09:54:06","date_gmt":"2014-04-02T09:54:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/?p=339"},"modified":"2014-04-02T09:57:49","modified_gmt":"2014-04-02T09:57:49","slug":"marco-bettoni-kants-analytik-der-begriffe-und-kunstliche-kognitive-systeme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/marco-bettoni-kants-analytik-der-begriffe-und-kunstliche-kognitive-systeme\/","title":{"rendered":"Marco Bettoni. Kants \u00abAnalytik der Begriffe\u00bb und \u00abK\u00fcnstliche Kognitive Systeme\u00bb"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_341\" style=\"width: 259px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/12667_10151749434854562_517164963_n.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-341\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-341\" alt=\"Marco Bettoni\" src=\"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/12667_10151749434854562_517164963_n-249x300.jpg\" width=\"249\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/12667_10151749434854562_517164963_n-249x300.jpg 249w, https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/12667_10151749434854562_517164963_n.jpg 797w\" sizes=\"(max-width: 249px) 100vw, 249px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-341\" class=\"wp-caption-text\">Marco Bettoni<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\"><b style=\"font-size: 13px;\">1.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/b><b style=\"font-size: 13px;\">Einleitung<\/b><\/p>\n<p>Ich bin Kant f\u00fcr sein Leben und f\u00fcr sein Werk sehr dankbar! Sein Leben ist mir Vorbild und sein Werk gibt mir Hoffnung.\u00a0 Hoffnung, dass wir darin Unterst\u00fctzung finden k\u00f6nnen f\u00fcr die Bew\u00e4lti\u00adgung der schwierigen Aufgabe aus uns selber Menschen zu machen. Was ist der Mensch?<\/p>\n<p>Sartre sagte: \u201eDer Mensch ist nichts anderes als das, was er aus sich selbst macht\u201c und dieses \u201eEtwas\u201c das wir aus uns selbst machen, k\u00f6nnte mit Hilfe von Kant den Idealen der Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit n\u00e4her kommen als dies bisher der Fall gewesen ist, in Europa und in der Welt. Deshalb bin ich also Kant so sehr dankbar und deshalb ist es f\u00fcr mich eine ganz grosse Freude zum Anlass seines 200. Todestags hier in seiner Geburtsstadt mit ihnen an dieser Gedenktagung teilnehmen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Ich bin Ingenieur (Maschineningenieur) und auch Informatiker, kein Berufsphilosoph jedenfalls. Warum Kant, werden sie sich vielleicht fragen. Mehr als Maschinen interessiert mich das Wissen und zwar nicht so sehr die Frage \u201eWas\u201c wir wissen sondern \u201eWie\u201c wir wissen:<\/p>\n<ul>\n<li>womit kommt Wissen zustande?<\/li>\n<li>wie kann ich wissen?<\/li>\n<li>welche sind die Mechanismen des Wissens?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich entwickle also Modelle dieser Mechanismen des Wissens, System-Modelle. Da gibt es viele offene Fragen, ungel\u00f6ste Probleme und diese sind durch die modernen Wissenschaften (Neurowissenschaften (neuroscience), Kognitionswissenschaften (cognitive science)) schlecht oder gar nicht oder nur scheinbar verstanden bzw. gel\u00f6st.<\/p>\n<p>So kam es, dass ich (1987) anfing Kant zu lesen, in der Hoffnung von ihm zu lernen wie man diese Probleme besser l\u00f6sen k\u00f6nnte. Den konkreten Hinweis auf Kant, den fand ich im Buch eines Computer-Wissenschaftlers, John Sowa [9].<\/p>\n<p>Um ihnen also eine Idee der genannten Fragen und Problemen sowie ihrer Ursachen und L\u00f6sungen zu geben m\u00f6chte ich 3 Gr\u00fcnde nennen und kurz erl\u00e4utern, warum die modernen Kognitionswissenschaften (insbes. die Roboter-Forschung) von Kants \u201eAnalytik der Begriffe\u201c lernen k\u00f6nnen, bessere Roboter<sup id=\"rf1-339\"><a href=\"#fn1-339\"  title=\"&sbquo;robot&rsquo; = &sbquo;an artificial behaving system that can interact with an environment&rsquo; [12].\">1<\/a><\/sup>\u00a0zu bauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b style=\"text-align: center;\">2.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/b><b style=\"text-align: center;\">Beispiele der Aktualit\u00e4t Kants f\u00fcr die Roboterforschung<\/b><\/p>\n<p>Warum k\u00f6nnte Kant f\u00fcr ein Forscher der Roboter entwickelt interessant sein? Beispielsweise aus den folgenden drei Gr\u00fcnden:<\/p>\n<ol>\n<li>\u00dcberwindung von Empirismus-Rationalismus und\/oder Dogmatismus-Skeptizismus<\/li>\n<li>Erweiterung der \u2018<i>synthetic epistemology\u2019<\/i><\/li>\n<li>Konsequenzen ziehen aus der \u201ascanpath theory\u2019<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b><i>2.1\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/i><\/b><b><i>Grund 1 <\/i><\/b><b><i><\/i><\/b><\/p>\n<p>Die Roboterforschung kann von Kant lernen, weil der \u00fcberwiegende Teil ihrer Grundpositionen noch auf der Ebene von Empirismus-Rationalismus und\/oder Dogmatismus-Skeptizismus, so wie zu den Zeiten Kants, angesiedelt ist. Sie haben die \u201eKopernikanische Wende\u201c noch nicht vollzogen.<\/p>\n<p>Ohne sich dessen bewusst zu sein, gr\u00fcnden noch die meisten Wissenschaftler ihre Position und Reflexion auf die klassischen Auffassungen von Erkenntnis:<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <span style=\"text-decoration: underline;\">Empirismus<\/span>: alle Erkenntnis ist sinnliche Erkenntnis; Vernunft kann nur gegebene Vorstellungen und Begriffe verarbeiten<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <span style=\"text-decoration: underline;\">Rationalismus<\/span>: alle unsere Erkenntnis ist Vernunfterkenntnis, die Sinnlichkeit ist nur ein gemindertes Verm\u00f6gen (und verleitet zu Irrt\u00fcmer)<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <span style=\"text-decoration: underline;\">Dogmatismus<\/span>: Vertrauen in die Erkennbarkeit der Dinge (Dinge sind unserer Erkenntnis zug\u00e4nglich, so wie sie sind) wird vorausgesetzt, nicht \u00fcberpr\u00fcft.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <span style=\"text-decoration: underline;\">Skeptizismus<\/span>: unsere Vorstellungen (z.B. Kausalit\u00e4t, Substanz \u2013 siehe D. Hume) sind weder Erfahrungs- noch Vernunftbegriffe. Sie beruhgen lediglich auf Einbildung und Gewohnheit. Konsequenz: kann die Natur nicht objektiv erfassen und \u00fcber Gott und Seele nichts erkennen. Es bleiben nur Meinen und Glauben.<\/p>\n<p>Eine vorherrschende rationalistische Position ist z.B. der sogenannte <i>&#8220;strenge Inna\u00adtismus&#8221;<\/i>: sie impliziert, dass Kognition entscheidend von der a priori (im Sinne von vorgegebenen) Definition eines Welt-Modells bestimmt wird. Aber dies ist in der Robotik unbefriedigend, weil ein solch <i>&#8220;angeborenes Welt-Modell<\/i>&#8221; ein Verhalten impliziert, in dem der Roboter Wissen <i>anwendet<\/i>, welches losgel\u00f6st von seinen Erfahrungen spezifiziert wurde. Der Roboter kann infolgedessen nur stereotype Verhaltensweisen annehmen, n\u00e4mlich jene die der Programmierer ihm sozusagen &#8216;eingepflanzt&#8217; hat.\u00a0 Rodney Brooks hat die sogenannte &#8216;<i>subsumption architecture&#8217;<\/i> (COG Projekt) vorgeschlagen, einen dem Innatismus entgegengesetzten Ansatz, welcher ganz und gar auf Reaktionen vertraut, die durch die Antworten der Sensoren auf Zust\u00e4nde in der Umgebung bestimmt werden und erachtet ein Welt-Modell als \u00fcberfl\u00fcssig [2]. Was in einem solchen rein &#8220;empiristischen&#8221; Roboter fehlt ist die F\u00e4higkeit &#8220;Ordnung und Regelm\u00e4\u00dfigkeit&#8221; [A 125] h\u00f6herer Ordnung in seine &#8220;Eindr\u00fccke&#8221; einzuf\u00fchren. Mit Kants Worte, fehlen der Subsumptions-Architektur die &#8220;Begriffe, welche die formale Einheit der Erfahrung, und mit ihr alle objektive G\u00fcltigkeit (Wahrheit) der empirischen Erkenntnis m\u00f6glich machen&#8221; [A 124].\u00a0 Demzufolge ist es nicht erstaunlich, wenn reine Subsumptions-Roboter die F\u00e4higkeit zu komplexen, wirklichen Aufgaben noch nicht vorweisen konnten.<\/p>\n<p><i>=&gt; Aktualit\u00e4t Kants:<\/i>\u00a0 Kant hat diese Gegens\u00e4tze in einen ganz neuem Licht gestellt und aufgezeigt, wie man ihre Schw\u00e4chen \u00fcberwinden sowie ihre St\u00e4rken nutzen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b style=\"text-align: center; font-size: 13px;\"><i>2.2\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/i><\/b><b style=\"text-align: center; font-size: 13px;\"><i>Grund 2<\/i><\/b><\/p>\n<p>Die Roboterforschung kann von Kant lernen, weil eine Richtung der Roboterforschung (<i>synthetic epistemology, <\/i>P. Verschure, Uni\/ETH Z\u00fcrich)\u00a0 Ans\u00e4tze entwickelt, die mit mit dem Ansatz von Kant (model of cognition\u2019) kompatibel sind &amp; erweitert werden k\u00f6nnten:<\/p>\n<p>Ein neuer Ansatz, welcher die obengenante Probleme (siehe Grund 1) durch die Integration (wie Kant es mehr als 200 Jahre fr\u00fcher tat) der brauchbaren Aspekte der rationalistischen und empiristischen Positionen zu \u00fcberwinden sucht, wurde k\u00fcrzlich durch Paul Verschure vom Institut f\u00fcr Neuroinformatik der Universit\u00e4t Z\u00fcrich vorgeschlagen: der Autor behauptet darin, dass<\/p>\n<p>&#8220;before we can address the issue how a system <i>uses<\/i> its knowledge the question of how this knowledge is <i>acquired<\/i> and <i>retained<\/i> needs to be explored.&#8221;<sup id=\"rf2-339\"><a href=\"#fn2-339\"  title=\"&bdquo;bevor wir die Art und Weise wie ein System sein Wissen&nbsp;anwendet&nbsp;untersuchen k&ouml;nnen, mu&szlig; die Frage wie dieses Wissen&nbsp;erworben&nbsp;und&nbsp;erhalten&nbsp;wird beantwortet werden&ldquo; [11].\">2<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Dies bedeutet, da\u00df das Welt-Modell des Roboters<\/p>\n<p>&#8220;cannot be fully pre-specified but need to be acquired&#8221; [11].<\/p>\n<p>vermittels seiner Interaktionen mit der Umwelt.<sup id=\"rf3-339\"><a href=\"#fn3-339\"  title=\"Ein Problem mit diesem Ansatz k&ouml;nnte darin liegen &ndash; nach Roger Penrose [7] &ndash; dass der dynamische Erwerb von Wissen m&ouml;glicherweise &uuml;ber eine computergerechte Funktion (&lsquo;computable function&rsquo;) nicht realisierbar ist. Mit anderen Worten, sollte echtes Wissen als&nbsp; nicht berechenbar (&lsquo;non-computable&rsquo;) aufgefasst werden?\">3<\/a><\/sup>\u00a0Dies f\u00fchrt zur Frage nach der Ordnung und Steuerung von Interaktionen, also nach der Erkl\u00e4rung von Erfahrung. Ungl\u00fccklicher\u00adweise schlie\u00dft Verschure, indem er gezielt Erkenntnisse a priori ausschlie\u00dft, nicht nur angeborenes, vorgegebenes Wissen aus, sondern auch erfahrungsfreie (erfahrungs\u00adunabh\u00e4ngige) Elemente welche eine wesentliche Rolle bei der Beantwortung der Frage nach der Erfahrung spielen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>\u2014 Ansatz a) nach Verschure [11].<i><\/i><\/p>\n<ul>\n<li>bevor untersucht wird, wie ein System Wissen anwendet (verarbeitet), muss die Frage untersucht werden, wie Wissen (Weltmodelle) erworben (und aufbewahrt oder ausgedr\u00fcckt) wird. Dies ist die Aufgabe der sogen. \u201c<i>synthetic epistemology, which is defined as the study of the acquisition \u2026 of knowledge by biological systems\u201d<\/i><\/li>\n<li>wie Wissen erworben wird kann nur durch Systeme untersucht werden, die mit der Umwelt interagieren (\u201athe use of knowledge can only be studied by means of systems that actually interact with the world\u2019 [11, 149].<i><\/i><\/li>\n<li>in der Methodologie der \u2018convergent validation\u2019 werden die neuronale und die Verhaltens-Ebene integriert ber\u00fccksichtigt<i><\/i><\/li>\n<li>die Untersuchung auf der Verhaltens-Ebene (behavioural) besteht darin, Roboter zu bauen, welche mit der F\u00e4higkeit ausgestattet werden, ihre Weltmodelle zu erwerben, statt sie durch die Entwickler vorgegeben zu bekommen.<\/li>\n<li>als Verhaltens-Modell (Lern-Modell) werden die der \u201eklassischen\u201c (nach Pawlow) oder \u201eoperanten\u201c (nach Skinner) Konditionierung verwendet<i><\/i><\/li>\n<\/ul>\n<p><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p>\u2014 Ansatz b) nach [13]: Zeigt die Integration von Empirismus (embodied systems approach) und Rationalismus (knowledge level \/ symbol systems approach) an einem Beispiel wie Roboter dieselben Handlungen generieren, wie jene die aus der Entscheidungstheorie von Bayes (1763) abgeleitet werden.<\/p>\n<p><i>=&gt; Aktualit\u00e4t Kants:<\/i><\/p>\n<p>\u2014 Zitat Kant (aus dem sogenannten \u201eStreit mit Eberhard\u201c):<\/p>\n<p>\u201c<i>Die Kritik erlaubt schlechterdings keine anerschaffene oder angeborene Vorstellungen; alle, insgesamt, sie m\u00f6gen zur Anschauung oder zu Verstandesbegriffen geh\u00f6ren, nimmt sie als erworben an.<\/i><\/p>\n<p><i>\u2026 denn keine von beiden nimmt unser Erkenntnisverm\u00f6gen von den Objekten, als in ihnen an sich selbst gegeben, her, sondern bringt sie aus sich selbst a priori zu Stande. <\/i>\u201c\u00a0 In: [5, 221-23].<\/p>\n<p>Inspiriert von Kant\u2019s 1. Kritik k\u00f6nnte die \u201esynthetic epistemology\u201c wie folgt modifiziert und erweitert werden:<\/p>\n<p>\u2014 Konzeption eines \u201eerworbenen Apriori\u201c statt derjenigen eines Apriori als Gegensatz zu erworben also nur vorgegeben [13, 586).<\/p>\n<p>\u2014 ein Modell von Kognition, das nicht nur eine neuronale Ebene und eine Verhaltensebene ber\u00fccksichtigt, sondern auch eine Ebene der Kategorisierung (insbes. Objekt-Konstitution)<\/p>\n<p>\u2014 ein Modell von Lernen, das nicht nur Verst\u00e4rkung (\u201areinforcement\u2019, Skinner) oder \u201abedingten Reflex\u2019 (Pawlow) ber\u00fccksichtigt, sondern auch Reflexion und Einsicht (Einsichtslernen, \u201akognitive\u2019 Konditionierung) z.B. durch die Verbindung von Begriffen in Urteilen (f\u00fcr die Koordination von Verhalten mit anderen Subjekten =&gt; Sprache, s. H. Maturana).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b style=\"text-align: center; font-size: 13px;\">2.3\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/b><b style=\"text-align: center; font-size: 13px;\">Grund 3<\/b><\/p>\n<p>Die Roboterforschung kann von Kant lernen, weil ein Teil der Wahrnehmungs\u00adforschung, die \u201ascanpath theory\u2019, den zentralen Teil von Kants Ansatz (synthetische Einheit der Apperzeption, Par. 17) \u00fcber die vergangenen mehr als 30 Jahre empirisch best\u00e4tigt hat (im Bereich der visuellen Wahrnehmung) ohne daraus viele noch m\u00f6glichen Konsequenzen zu ziehen.<\/p>\n<p>Im folgenden ein Zitat aus der Webseite des Instituts von L. Stark:<\/p>\n<p>\u2014\u00a0<i>\u201cThe Scanpath theory (\u2018mind\u2019s eye research\u2019[10]) suggests that a &#8220;top-down&#8221; internal cognitive model of what we see controls not only our visual perception, but also drives\u00a0 the sequences of rapid eye movements, EMs, and fixations, or glances, that so efficiently travel over a scene or picture of interest. This internal model drives our eye movements in a repetitive, sequential set of saccades and fixations over subfeatures of the picture so as to check out and confirm the model. These sequences are idiosyncratic to the subject and to the picture\u201d<\/i>\u00a0 [8].<\/p>\n<p align=\"center\">\u201cScanpath\u201d bezeichnet hier den Abtastweg, den die Augen zur\u00fccklegen, wenn wir etwas schauen, z.B. ein Gesicht.<\/p>\n<p align=\"center\">Abbildung 1: Scanpath (aus: <a href=\"http:\/\/www.rybak-et-al.net\/\">www.rybak-et-al.net<\/a>)<\/p>\n<p>Der Abtastweg in Abb. 1 ist nur ein vereinfachter Teil des Weges, den die Augen normalerweise zur\u00fccklegen. Eindr\u00fcckliche Aufzeichnungen und Studien zu diesen komplexen Abtastwegen hatte als erster der russische Forscher Yarbus in den 60\u2019er Jahren\u00a0 ver\u00f6ffentlicht (englisch 1967).<\/p>\n<p>Eine Anwendung dieser Erkenntnisse \u00fcber visuelle Wahrnehmung besteht in der Entwicklung von Algorithmen f\u00fcr die Auswahl und Lokalisierung von \u201eRegions-of-Interest\u201c (ROI\u2019s) in der computerunterst\u00fctzten Bildverarbeitung. Diese Technologie wurde auf die\u00a0 Vision-Systeme der \u201eMars Rovers\u201c angewendet, um ihre autonome Fortbewegung sicherer zu machen.<\/p>\n<p><i>=&gt; Aktualit\u00e4t Kants:<\/i><\/p>\n<p>\u201e<i>New experimental evidence presented in this chapter makes clear that eye movement scanning patterns reflect changes in cognitive states. Thus we add support to the concept that cognitive models direct scanpath eye movements in active looking\u201d<\/i> [10, 226].<\/p>\n<p>F\u00fcr die Interpretation der Ergenbnisse w\u00e4re es n\u00fctzlich, wenn man \u00fcber diese \u201acognitive models\u2019 etwas sagen k\u00f6nnte: was ist das? wie k\u00f6nnte so was strukturiert sein? Auf diese und \u00e4hnliche Fragen k\u00f6nnte man mit dem Konzept der synthetischen Einheit der Apperzeption und der damit verbundenen Theorie der Erfahrung antworten. Dadurch w\u00fcrde die Scanpatth-Thorie weiterentwickelt werden k\u00f6nnen (z.B. im Hinblick auf Roboteranwendungen) und w\u00e4re so in der Lage neuartige Konsequenzen aus ihren bisherigen experimentellen Befunden zu ziehen.<\/p>\n<p>Kant schreibt in einem seiner ber\u00fchmten (und sp\u00e4rlichen) Beispiele:<\/p>\n<p><i>&#8220;Um aber irgend etwas im Raume zu erkennen, z.B. eine Linie, mu\u00df ich sie ziehen, und also eine bestimmte Verbindung des gegebenen Mannigfaltigen synthetisch zu Stande bringen, so, da\u00df die Einheit dieser Handlung zugleich die Einheit des Bewu\u00dftseins (im Begriff einer Linie) ist, und dadurch allererst ein Objekt (ein bestimmter Raum) erkannt wird.&#8221;<\/i> (B 138).<\/p>\n<p>Hier will Kant eine &#8220;Linie&#8221; erkl\u00e4ren und wenn wir auf die funktionelle Seite dessen, was er schreibt schauen, dann sehen wir, da\u00df er eine operationelle Erkl\u00e4rung des Begriffs \u201eLinie\u201c anbietet. \u201eOperationell\u201c ist diese Erkl\u00e4rung in dem Sinne, dass Kant hier einen &#8220;Linien-Mechnsimus&#8221; beschreibt der, wenn man ihn in unserem Kopf operieren l\u00e4\u00dft, uns als Ergebnis unserer mentalen Operationen jene &#8220;Linie&#8221; gibt die er erkl\u00e4ren m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Was hier im Falle der Linie veranschaulicht wird gilt analog f\u00fcr alle beliebigen erfahrungsfreien (-unabh\u00e4ngigen) Elementen (Begriffe a priori, wie Anfang, Ende, Einzahl, Mehrzahl, Einheit, Mehrheit, Element, Menge, Teil, Ganze, Raum, Zeit, Zahl, hier, dort, jetzt, usw.): auch f\u00fcr sie m\u00fcssen wir mit Hilfe von Kants Analytik der Begriffe generative Mechanismen suchen und entwickeln, die, wenn wir sie in unserem Kopf operieren lassen, die zu erkl\u00e4renden Begriffe a priori liefern.<\/p>\n<p>Worin besteht nun die Relevanz solcher Betrachtungen f\u00fcr die Robotik? Sie k\u00f6nnen uns helfen, die zentrale Frage nach der Erfahrung zu beantworten: Was, wenn \u00fcberhaupt, sollte ein autonomer Roboter von sich aus zum Aufbau seines eigenen Wissens beitragen?&#8221; Im Lichte von Kants Erkl\u00e4rungen l\u00e4\u00dft sich antworten, da\u00df was ein Roboter von sich aus beitragen k\u00f6nnte die Mechanismen und Operationen des Erwerbens und des Anwendens <i>erfauhrungsunabh\u00e4ngiger Elemente <\/i>(reine Verstandesbegriffe a priori) sein k\u00f6nnten, da sie die Einheit der Erfahrung implementieren und die Bedingungen der M\u00f6glichkeit von Erfahrung darstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>3. Schluss<\/b><\/p>\n<p>Zum Schluss m\u00f6chte ich diese Betrachtungen im gr\u00f6\u00dferen Kontext der Globalisierung stellen. Die Globalisierung bringt uns, zusammen mit der \u201ewirtschaftlichen\u201c Gleichf\u00f6rmigkeit auch einen Zwang zur \u201ekulturellen\u201c Gleichf\u00f6rmigkeit. Die grosse Herausforderung sehe ich hier in der Frage, wie wir, unter Bedingungen der materiellen Gleichf\u00f6rmigkeit doch noch eine Vielfalt kultureller Identit\u00e4ten bewahren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wie?<\/p>\n<p>Wir brauchen eine Auffassung von Erfahrung die zugleich \u201euniversalistisch\u201c ist als auch f\u00e4hig, kulturelle Vielfalt zu unterst\u00fctzen. Eine Auffassung, die den inter- und trans\u00adkulturellen Dialog f\u00f6rdert. Und das ist genau, was uns Kants \u201eKritik der reinen Vernunft\u201c lehren kann, denn sie nennt die entscheidende Bedingung daf\u00fcr, n\u00e4mlich eine durch Erfahrung erworbene aber \u201eerfahrungs-freie\u201c Voraussetzung von Erfahrung, das \u201esynthetische Apriori\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>Bibliographie:<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><i>Bettoni M.C.<\/i> A Cybernetic Approach to Kant&#8217;s Architecture of the Mind \/\/ <i>Akten des 7. <\/i><i>Internationalen Kant-Kongress<\/i>. Bonn: Bouvier,1991. P. 723-741.<\/li>\n<li><i>Bettoni M.C.<\/i> Mit Kant fortschreiten in der K\u00fcnstlichen Intelligenz (1) \/\/ Kantovski sbornik. Bd. 16.<b> <\/b>Kaliningrad, 1991. S. 75-84 (russisch).<\/li>\n<li><i>Bettoni M.C.<\/i> Kant and the Software Crisis: Suggestions for the construction of human-oriented software systems \/\/ Kantovski sbornik. Vol. 19. Kaliningrad, 1995. P. 131-137. (In russian). English version in: <i>AI &amp; Society<\/i> <b>9<\/b>, 396-401 (1995).<\/li>\n<li><i>Brooks R. A., Breazeal C., Marjanovic M., Scassellati B., Williamson M<\/i>. The Cog Project: Building a Humanoid Robot (in press). <a href=\"http:\/\/www.ai.mit.edu\/projects\/cog\/Publications\/CMAA-group.pdf\">http:\/\/www.ai.mit.edu\/projects\/cog\/Publications\/CMAA-group.pdf<\/a>.<\/li>\n<li><i>Kant I.<\/i> \u00dcber eine Entdeckung nach der alle neue Critik der reinen Vernunft durch eine \u00e4ltere entbehrlich gemacht werden soll \/\/ Kant I. Gesammelte Schriften. (Akademie-Ausgabe). Bd. VIII.<\/li>\n<li><i>Oberhausen M.<\/i> Kants Lehre von einer &#8216;urspr\u00fcnglichen Erwerbung&#8217; apriorischer Vorstellungen. Frommann-Holzboog, Stuttgart, 1997.<\/li>\n<li><i>Penrose R<\/i>. Shadows of the Mind. Vintage, 1995.<\/li>\n<li><i>8.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/i>Privitera<i> <\/i>C. <a href=\"http:\/\/scan.berkeley.edu\/people\/claudio\/index.html\">http:\/\/scan.berkeley.edu\/people\/claudio\/index.html<\/a>, <i><\/i><\/li>\n<li><i>Sowa J.<\/i>\u00a0 Conceptual Structures. 1985.<\/li>\n<\/ol>\n<p>10. <i>Stark, L. &amp; Ellis, S.R.<\/i> Scanpath revisited: cognitive models direct active looking \/\/ Eye movements. Hillsdale: Lawrence Erlbaum, 1981.<\/p>\n<p>11. <i>Verschure, P. F. M. J. <\/i>\u00a0Synthetic epistemology: The acquisition, retention, and expression of knowledge in natural and synthetic systems \/\/ Proceedings of World Conference on Computational Intelligence. Anchorage: IEEE, 1998. P. 147\u2013153.<\/p>\n<p>12. <i>Voegtlin, T., &amp; Verschure, P. F. M. J.<\/i> What can robots tell us about brains? A synthetic approach towards the study of learning and problem solving \/\/ Reviews in the Neurosciences. 1999. Vol. 10. N 3\u20134. P. 291\u2013310.<\/p>\n<p>13. <i>Verschure, P.F.M.J. &amp; Althaus, P.<\/i> A real-world rational agent: Unifying old and new AI. Cognitive Science. 2003. Vol. 27 P. 561-590.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b><i>Die erste Ver\u00f6ffentlichung des Aufsatzes<\/i><\/b><i>:<\/i><\/p>\n<p>Bettoni, Marco. Kants \u201aAnalytik der Begriffe\u2019 und \u201aK\u00fcnstliche Kognitive Systeme\u2019 \/\/ Kant zwischen West und Ost. Zum Gedenken an Kants 200. Todestag und 280. Geburtstag. Hrsg. Von Prof. Dr. Wladimir Bryuschinkin. Bd.2. Kaliningrad, 2005. S. 44 &#8211; 51.<\/p>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<hr class=\"footnotes\"><ol class=\"footnotes\"><li id=\"fn1-339\"><p>\u201arobot\u2019 = \u201aan artificial behaving system that can interact with an environment\u2019 [12].&nbsp;<a href=\"#rf1-339\" class=\"backlink\" title=\"Jump back to footnote 1 in the text.\">&#8617;<\/a><\/p><\/li><li id=\"fn2-339\"><p>\u201ebevor wir die Art und Weise wie ein System sein Wissen\u00a0<i>anwendet<\/i>\u00a0untersuchen k\u00f6nnen, mu\u00df die Frage wie dieses Wissen\u00a0<i>erworben<\/i>\u00a0und\u00a0<i>erhalten\u00a0<\/i>wird beantwortet werden\u201c [11].&nbsp;<a href=\"#rf2-339\" class=\"backlink\" title=\"Jump back to footnote 2 in the text.\">&#8617;<\/a><\/p><\/li><li id=\"fn3-339\"><p>Ein Problem mit diesem Ansatz k\u00f6nnte darin liegen &#8211; nach Roger Penrose [7] &#8211; dass der dynamische Erwerb von Wissen m\u00f6glicherweise \u00fcber eine computergerechte Funktion (&#8216;computable function&#8217;) nicht realisierbar ist. Mit anderen Worten, sollte echtes Wissen als\u00a0 nicht berechenbar (&#8216;non-computable&#8217;) aufgefasst werden?&nbsp;<a href=\"#rf3-339\" class=\"backlink\" title=\"Jump back to footnote 3 in the text.\">&#8617;<\/a><\/p><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Einleitung Ich bin Kant f\u00fcr sein Leben und f\u00fcr sein Werk sehr dankbar! Sein Leben ist mir Vorbild und sein Werk gibt mir Hoffnung.\u00a0 Hoffnung, dass wir darin Unterst\u00fctzung finden k\u00f6nnen f\u00fcr die Bew\u00e4lti\u00adgung der schwierigen Aufgabe aus uns selber Menschen zu machen. Was ist der Mensch? Sartre sagte: \u201eDer Mensch ist nichts anderes [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":341,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/339"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=339"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/339\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":343,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/339\/revisions\/343"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/341"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=339"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=339"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=339"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}