{"id":330,"date":"2014-03-24T14:55:15","date_gmt":"2014-03-24T14:55:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/?p=330"},"modified":"2014-03-24T14:55:41","modified_gmt":"2014-03-24T14:55:41","slug":"joseph-kohnen-konigsberger-dichter-der-kant-zeit-zwischen-ost-und-west","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/joseph-kohnen-konigsberger-dichter-der-kant-zeit-zwischen-ost-und-west\/","title":{"rendered":"Joseph Kohnen. K\u00f6nigsberger Dichter der Kant-Zeit zwischen Ost und West"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_331\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/jk.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-331\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-331\" alt=\"jk\" src=\"http:\/\/www.kant-online.ru\/en\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/jk.jpg\" width=\"200\" height=\"255\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-331\" class=\"wp-caption-text\">Joseph Kohnen<\/p><\/div>\n<p>Ein Blick auf die Landkarte gen\u00fcgt, um zu verdeutlichen, dass K\u00f6nigsberg in geographischer, politischer und kultureller Hinsicht immer eine besondere Stellung einnahm, und \u00fcbrigens f\u00fcr das heutige Kaliningrad unter ver\u00e4nderten Umst\u00e4nden immer noch das Gleiche gilt. Das weitgehend flache Agrarland war im 18. Jahrhundert arm, wenig bev\u00f6lkert und wenig entwickelt, und aufgrund eines regen Handels \u2011 und Wirtschaftslebens und einer geselligen Weltoffenheit lebte die Hafenstadt am Pregel unweit des Meeres vor allem durch ihre Eigenschaft als Stapel- und Durchgangsplatz. Von der Zentralregierung in Berlin vernachl\u00e4ssigt und dicht vor den Grenzen des russischen Riesenreichs gelegen, dazu seit vielen Jahrzehnten ein Auffangsort von Emigranten aus allen Gegenden Europas, war die im Gegen\u00adsatz zu ihrer Umgebung stark bev\u00f6lkerte ostpreu\u00dfische Provinzhauptstadt eine ausgedehnte Verwaltungs, Kommerz-, Kultur- und Garnisonsinsel, aus westlicher Sicht die letzte gro\u00dfe n\u00f6rdliche Bastion europ\u00e4ischer Zivilisation auf der langen Marschroute nach den Weiten des Ostens. Das l\u00e4ndliche Ostpreu\u00dfen galt als zur\u00fcckhaltend, schwerf\u00e4llig, nachdenklich, jedoch arbeitsam und zuverl\u00e4ssig und bestand aus einfachen Menschen: Bauern, Fischern, Fl\u00f6\u00dfern, H\u00e4ndlern, Handwerkern und kleinen Beamten; die im Raume K\u00f6nigsbergs Lebenden aus Handwerkern, H\u00e4ndlern, Verwaltungsleuten, Lehrern, Juristen, Bankiers, \u00c4rzten, Predigern und Professoren, mit einem ausgepr\u00e4gten Zug zum N\u00fcchtern-Konkreten, zum Originaldenker, zum Schmunzeln und verhaltenen Humor. Der oft mehrsprachige Ostpreu\u00dfe war, wie Ferdinand Gregorovius betonte: \u201cdie reinste Prosanatur Deutschlands\u201d[7, 109]. R\u00e4umlich auf sich selbst gestellt, hat die Inselstellung der Stadt im Laufe der Zeiten kollektiv eine nach innen bezogene Gef\u00fchls und Glaubenswelt mit einer entsprechenden gesellschaftlich-politischen Selbstbezogenheit entwickelt, in welcher nach den vorhergegangenen Glaubensk\u00e4mpfen zwischen streitbarem orthodoxem Protestantismus und abgekl\u00e4rtem Pietismus mit der Aufnahme der meist um ihres Glaubens willen Vertriebenen ein Geist freundlicher Aufgeschlossenheit und Toleranz entstand, der paradoxerweise diesem allm\u00e4hlich zum Schnittpunkt mannigfaltiger Zivilisationen gewordenen Ort, wie Karlheinz Gehrmann formulierte, eine Vermittlerrolle zwischen der Gegenl\u00e4ufigkeit von west-\u00f6stlicher Kultur und ostwestlicher Machtstr\u00f6mung zugewiesen hat [6, 37].<\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdigerweise haben das sch\u00f6ne, malerische Land mit seinen befestigten Kleinst\u00e4dten und parkreichen Adelsg\u00fctern und die traditionsreiche historische Ordensstadt am Pregel die ausgesprochenen Dichterfiguren nur bedingt beg\u00fcnstigt. Einen ersten, im wesentlichen lyrischen Glanzpunkt hatte es zwar in der ersten H\u00e4lfte des 17.Jahrhunderts gegeben. Von den Musikerdichtern Johannes Eccard, Valentin Thilo u.a. ermutigt, hatten sich damals gleichgesinnte dichterische S\u00e4nger um das Schlo\u00df und den alten Backsteindom zusammengefunden, um schlie\u00dflich in der st\u00e4dtischen Einsamkeit des kaltfeuchten Nordostens als \u201cSterblichkeitsbeflissene\u201d der gemeinsamen \u201cK\u00fcrbish\u00fctte\u201d dem Geheimnis des Todes und dem Gef\u00fchl der Freundschaft nachzugehen. Berufsnot, Flucht vor der Pest, Abenteuerlust und Freundschaftsbed\u00fcrfnis haben die von allen Himmelsrich\u00adtungen her Eingewanderten bis zu ihrem fr\u00fchen Tod in der Zweitresidenz der Preu\u00dfenherz\u00f6ge vereinigt. Der Komponist Johannes Stob\u00e4us (1580\u20131646) stammte aus Graudenz, der hochbegabte Heinrich Albert (1604\u20131659) aus Lohenstein im Vogtland, Simon Dach (1605-1659) aus Memel, Robert Roberthin (1600\u20131648) aus Saalfeld. Doch Pest bzw. andere Krankheiten rafften sie s\u00e4mtlich vorzeitig hinweg, der Dichterkreis zerfiel, und es gab ein Jahrhundert lang keine nennens\u00adwerten Nachfolger.<\/p>\n<p>Die mit dem Raume K\u00f6nigsberg in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts in Ber\u00fchrung gekommenen Namhaften kann man ebenfalls an zwei H\u00e4nden aufz\u00e4hlen, und nur mit M\u00fche haben sie sich den Weg in die deutsche Literaturgeschichte erzwungen. Der wesentliche Grund ist hierf\u00fcr wohl darin zu suchen, dass eben in einer von den gro\u00dfen europ\u00e4ischen Zentren abgelegenen Verwaltungs, Handels und Garnisonsstadt und an einer Universit\u00e4t, wo ausschlie\u00dflich Theologen, Philosophen, Juristen und Altphilologen den Ton angaben, kein N\u00e4hrboden f\u00fcr dichterische H\u00f6henfl\u00fcge gegeben war. Drei Gruppen von Dichtern kann man im ostpreu\u00dfischen Kulturraum der Zeit unterscheiden. Da waren zum einen jene, meist isoliert Schaffenden, die der genius loci ihr Leben lang festhielt oder die er magnetartig immer wieder in seinen Bannkreis zur\u00fcckzog. Zum zweiten gab es ausw\u00e4rtige junge, hoffnungsvoll in die Zukunft blickende Studenten, die in einer Universit\u00e4tsstadt die Entfaltung ihres Talents und wom\u00f6glich eine solide gesellschaftliche Berufsstellung erwarteten und am Orte das nicht fanden, was sie gesucht haben, und deshalb bald wieder wegzogen. Und drittens sind vereinzelte Einheimische, denen ebenfalls die Albertus-Universit\u00e4t und die gesellschaftlichen Voraussetzungen kein Weiterkommen versprachen, schon fr\u00fch ausgebrochen, um niemals mehr wiederzukommen, sondern erst in der gro\u00dfen Welt, meist in der westlichen, zu Ruhm und Ehre zu gelangen. Bezeichnenderweise ist \u00fcbrigens kein einziger wahrhaft bedeutender Schriftsteller, Musiker oder K\u00fcnstler jemals nach K\u00f6nigsberg gekommen, um dort sein Talent bis zu seinem Lebensende zu bet\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Aber wenden wir uns Kant zu. Ber\u00fchmt ist sein in fortgeschrittenem Alter formulierter Ausspruch in der Vorrede zur <i>Anthropologie<\/i>:<\/p>\n<p><i>\u201eEine gro\u00dfe Stadt, der Mittelpunkt eines Reichs, in welchem sich die Landescollegia der Regierung desselben befinden, die eine Universit\u00e4t ( zur Cultur der Wissenschaften ) und dabei noch die Lage zum Seehandel hat, welche durch Fl\u00fcsse aus dem Inneren des Landes sowohl, als auch mit angr\u00e4nzenden entlegenen L\u00e4ndern von verschiedenen Sprachen und Sitten einen Verkehr beg\u00fcnstigt, \u2013 eine solche Stadt, wie etwa K\u00f6nigsberg am Pregelflusse, kann schon f\u00fcr einen schicklichen Platz zu Erweiterung sowohl der Menschenkenntni\u00df als auch der Weltkenntni\u00df genommen werden, wo diese, auch ohne zu reisen, erworben werden kann\u201c <\/i>[11, 120].<\/p>\n<p>Niemand wird leugnen, dass diese Zeilen so richtig zu dem und auf den gr\u00f6\u00dften Sohn K\u00f6nigsbergs passen. Doch der genius loci reduziert sich nie auf den Geist und die Sch\u00f6pfungen einiger bedeutender K\u00f6pfe, die an einem Ort gelebt haben. Der Junggeselle Kant war ein gem\u00fctlicher, bequemer Mensch. Im t\u00e4glichen Leben schien er sehr begn\u00fcgsam; aber er lie\u00df sich von seinem Diener verw\u00f6hnen. Das Wort vom \u201cfaulen Kant\u201d bezog sich nicht nur auf seine Abneigung gegen Briefschreiben und Gemeinschaftsarbeiten. Vor allem seine von Natur aus schwache k\u00f6rperliche Verfassung hat ihn davon abgehalten, viele und ausgedehnte Reisen zu unternehmen. Doch grunds\u00e4tzlich behagte ihm das Sesshafte, das Ruhige, Stille, Friedliche, das Gef\u00fchl der h\u00e4uslichen Geborgenheit in der eigenen Studierstube, innerhalb der Stadtinsel und in dieser vom Trubel der Welt verschonten abgelegenen Gegend, wo ein n\u00fcchtern pragmatischer Menschenschlag ohne Querulanten, und mit reservierter Heiterkeit begabt, sein Dasein dahinlebte. Alles das <i>geno\u00df <\/i>er. Einen Hang nach Westen hat er nie besessen; eher neigte er irgendwie nach Osten. Man sagt ihm nach, dass in jungen Jahren eine Reise nach Berlin f\u00fcr ihn beschwerlicher gewesen sei als nach Riga. Sein eigener Bruder ging an die gro\u00dfe Stadtschule zu Mitau, und in den siebziger Jahren erhielt er selbst zweimal eine Berufung an die neugegr\u00fcndete Akademia Petrina in der kurl\u00e4ndischen Residenz. Sein Bed\u00fcrfnis nach fremden L\u00e4ndern, nach den gesch\u00e4ftigen Zentren abendl\u00e4ndischer Kultur, seine Neugierde nach au\u00dfereuro\u00adp\u00e4ischen Zivilisationen blieben sehr beschr\u00e4nkt; ein Westfieber nach Paris, London oder Rom hat ihn nicht erfasst. Daher eine ganze Menge merkw\u00fcrdiger Ansichten \u00fcber andere V\u00f6lker, beispielsweise \u00fcber die \u201cNegers\u201d, \u201cChineser\u201d und \u201cJaponeser\u201d [12, 252] in den <i>Beobachtungen<\/i>, oder in der <i>Anthropologie <\/i>\u00fcber die Russen, die er bis ins Alter f\u00fcr r\u00fcckst\u00e4ndig und fremd hielt.<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Gleb\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/X8MCC7NN\/Kohnen%20%20Koenigsberger_Dichter.docx#_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0In den am Orte sesshaft gewordenen Emigrantenkolonien, insbesondere den Franzosen, Schotten, Engl\u00e4ndern, Polen und Schweizern, sowie in den Schiffs \u2011 und Handelsreisenden sah er die entfernteren Welten zur Gen\u00fcge repr\u00e4sentiert. Gen\u00fcgsamkeit pr\u00e4gte ihn selbst im intellektuellen Bereich: Er besa\u00df wenig B\u00fccher und, Rousseau ausgenommen, den er vollst\u00e4ndig hatte, meist blo\u00df philosophische Werke. Was er sonst brauchte, lieh er aus, wobei zu bemerken ist, dass auch die Bibliothek der Albertina kaum 8000 B\u00e4nde umfasste. Hamann und Lauson allein hatten zeitweilig mehr, und Ersterer war weit belesener als Kant, daher wohl im Vergleich zum \u201cMagus\u201d so wenig Bez\u00fcge zu anderen Autoren bzw. K\u00fcnstlern in Kants Schriften. Selbst innerhalb der Altphilologie galt f\u00fcr ihn im wesentlichen nur Latein. Griechisch wurde in K\u00f6nigsberg ohnehin sehr stiefm\u00fctterlich behandelt, und Manfred Lossau hat vor wenigen Jahren darauf hingewiesen, dass Kant selbst Platon und Aristoteles niemals im Original zitiert [24, 65-79]. Sein Geist war prinzipiell nach innen gerichtet, seine Philosophie gen\u00fcgte ihm; er hat sie in erster Linie f\u00fcr sich geschrieben. Nicht umsonst gab er sich in seinen gesellschaftlichen Beziehungen prinzipiell mit Leuten ab, die keine Philosophen waren und vor allem seine Philosophie nicht lasen. M\u00fc\u00dfig bleibt die Frage, ob er an einem anderen Orte eine andere Philosophie ersonnen h\u00e4tte [18, 119-138].<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Gleb\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/X8MCC7NN\/Kohnen%20%20Koenigsberger_Dichter.docx#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Auch die paar Dichter vor dem akademischen Auftreten des Magisters Kant waren wenig bewegliche Stubengelehrte gewesen. Ihr Denken blieb ganz auf den Ort ihres beruflichen Wirkens zentriert. Zu nennen sind vor allem die Br\u00fcder Johann George Bock (1698\u20131762) und Friedrich Samuel Bock (1716\u20131785), die als akademische Lehrer die Dichtkunst vorwiegend als obligatorische Brotkunst praktizierten; doch priesen beide nicht ohne Lokalstolz die nat\u00fcrlichen und k\u00fcnstlerischen Sch\u00f6nheiten ihrer heimatlichen Gegend. Die Gedichte von J.G. Bock [3] aus dem Jahre 1756 konzentrieren sich ganz auf die Geschichte und die zivilisatorische Bedeutung Ostpreu\u00dfens und seiner Hauptstadt und gelten bis zum heutigen Tag als kulturhistorisches Dokument. Bock sieht in Ostpreu\u00dfen ein Juwel der drei f\u00fcrstlichen Gr\u00fcnderfiguren des K\u00f6nigreichs und in K\u00f6nigsberg, mit seinem Handelspotential und seiner traditionsreichen Universit\u00e4t, ein kulturelles Aush\u00e4ngeschild und Bollwerk Preu\u00dfens gegen\u00fcber Ost wie West. Und doch wei\u00df er um die strategische Verwundbarkeit der Heimat und er ist der Erste, der in dunkler Vorahnung prophetisch vorwegnimmt, was zweihundert Jahre sp\u00e4ter mit Stadt und Land passieren wird:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Noch steht der freye Sitz, dem nicht ein Kriegesbrand,<\/p>\n<p>Der sonst dies Reich verletzt, die erste Bl\u00fcth entwandt,<\/p>\n<p>Dem kein verdickter Hauch, mit dem die Pest gewittert,<\/p>\n<p>Die Gegend fahl gemacht, den Gipfel abgesplittert.<\/p>\n<p>Der Tempel stehet noch, dem ein verwegner Zank<\/p>\n<p>Dem Osianders Sturm den fr\u00fchen Untergang<\/p>\n<p>Im Ursprung schon gedroht, als sein gelehrtes Rasen<\/p>\n<p>Mit einem Schein des Rechts, das Unrecht angeblasen.[3, 279]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und wie ein Albtraum klingt es, wenn er die ergreifenden Worte spricht:<\/p>\n<p>Wer wei\u00df, was \u00fcber dich die Zukunft einst verh\u00e4ngt,<\/p>\n<p>Ob \u00fcber deinen Schutt nicht noch ein Barbar sprengt;<\/p>\n<p>Ob die Bezirke nicht der jetzt durchhellten Gassen,<\/p>\n<p>Beschmauchte H\u00fctten noch, wie vormals, in sich fassen;<\/p>\n<p>Wer wei\u00df, wie bald die Zeit die Tempel umgekehrt?<\/p>\n<p>Da\u00df da ein Dornstrauch nun den Fluch der Erden n\u00e4hrt,<\/p>\n<p>Da\u00df Molch und Nattern hier die eckle Bruten hecken<\/p>\n<p>Wo Kunst und Handel jetzt die holde Stirn entdecken.[3, 310]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und wie eine Vorwegnahme der sp\u00e4teren Klagen Agnes Miegels klingt es, wenn er beschw\u00f6rend schlie\u00dft:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bleib ewig unverletzt du auserw\u00e4hlte Stadt,<\/p>\n<p>Die selbst der Zeiten Arm nunmehr gekr\u00f6net hat.<\/p>\n<p>Bleib eine Friedensburg, ein Preis gerathner Jugend,<\/p>\n<p>Ein aufgestellter Thron der unverla\u00dfnen Tugend,<\/p>\n<p>An Redlichkeit erh\u00f6ht, an Furcht des Herren reich,<\/p>\n<p>Und eine K\u00f6nigsstadt dem Berge Zion gleich,<\/p>\n<p>Mit reiner Lehr umstralt, wodurch zum Ruhm der Erden<\/p>\n<p>Auch St\u00e4dte dieser Zeit des Himmels Vorstadt werden. [3, 312]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der russischen Besatzungszeit geriet J.G. Bock allerdings ins Zwielicht der \u00f6ffentlichen Meinung, weil er die Zarin Elisabeth mit gro\u00dfspurigen Lobhudeleien bedachte. Was den begabten Johann Gottlieb Kreuzfeld (1745\u20131784), einen engen Freund und Verehrer Hamanns anlangt, so starb er bereits mit 39 Jahren.<\/p>\n<p>Anders dachten kurz vor dem Lehrantritt Kants die blutjungen, anonym schreibenden Herausgeber der <i>Daphne <\/i>[4]<i> <\/i>(1749\u20131750). K\u00fchn, humorvoll und voller Zuversicht blickten die federf\u00fchrenden Johann Gotthelf Lindner (1729\u20131776), Johann Friedrich Lauson (1727\u20131783), Johann Georg Hamann (1730\u20131788), Johann Christoph Wolson (1727\u20131765), Samuel Gotthelf Hennings (1725\u20131787), Johann Chris\u00adtoph Berens (1729\u20131792) und Mathias Friedrich Watson (1732\u20131815) \u00fcber den Rand ihrer Stadtinsel und ihres abgelegenen Heimatlandes nach Westen. Ohne weltverbessernde Gr\u00fcnschn\u00e4bel zu sein, warfen sie den schl\u00e4frigen B\u00fcrgern K\u00f6nigsbergs vor, weder guten gesellschaftlichen und k\u00fcnstlerischen Geschmack zu besitzen noch f\u00e4hige Schriftsteller hervorzubringen, sondern angesichts der geographischen Isolation und des fehlenden kulturellen Hinterlands und Echos in einer philistr\u00f6s-spie\u00dferischen Provinzmentalit\u00e4t zu verharren. Und mit erstaunlichem literarischem Wissen hielten sie mit ihren Jugendfreundinnen ihnen den feinen Geschmack, die geistreiche Eleganz und die raffinierten Sitten der Franzosen entgegen, die in ihren Augen das Ideal einer gro\u00dfen Kulturnation abgaben. In diesem Sinne empfahlen sie die Lekt\u00fcre selbst nur Fachleuten bekannter aufgeschlossener, satirischer Autoren wie Cr\u00e9billon, d&#8217;Argens, Saint-\u00c9vremond, Pascal, Mme de Deshouil\u00e8res, Versac, Meilcourt und Brantome, w\u00e4hrend sie den Freigeist Voltaire aus religi\u00f6sen Vorbehalten ablehnten. Lindner sollte sich ab 1755 w\u00e4hrend zehn Jahren als Rektor der Domschule zu Riga mit seinen ber\u00fchmt gewordenen Schulneuerungen energisch f\u00fcr das Studium der modernen Sprachen, insbesondere des Franz\u00f6sischen, einsetzen, w\u00e4hrend Watson Rektor der Stadtschule zu Mitau wurde und Berens ein erfolgreiches kaufm\u00e4nnisches Unternehmen in Riga gr\u00fcndete, das gesch\u00e4ftliche und politische Beziehungen bis nach England t\u00e4tigte. Was Lauson anlangt, so blieb auch er ein Bewunderer franz\u00f6sischer Literatur und \u00fcbersetzte selbst f\u00fcr die Truppe der Caroline Schuch Theaterst\u00fccke, u. a. Moli\u00e8res <i>Tartuffe<\/i>. Andererseits entschied der in jungen Jahren Vielgereiste in fortgeschrittenem Alter, als eingefleischter Hagestolz inmitten seiner Riesenbibliothek in seiner Heimatstadt zu verharren. Als Gelegenheitsdichter und -redakteur verdiente er mehr schlecht als recht seinen Unterhalt mit dem einzigen Ziel, <i>der <\/i>Lokalpoet vom Dienst zu werden. So verfasste er unz\u00e4hlige Gedichte jeder Art auf seine Vaterstadt, auf die ihn unterst\u00fctzende Familie des reichen Kaufmanns Saturgus und deren ber\u00fchmten Wundergarten sowie auf adlige ostpreu\u00dfische Landg\u00fcter, die angesichts ihrer schwachen Qualit\u00e4t heute lediglich dokumentarischen Wert besitzen [20]. Einige sind aber auch heute noch die einzige Quelle, wenn es darum gehen sollte, ehemalige \u00d6rtlichkeiten historisch getreu wieder herzustellen.<\/p>\n<p>Eine systematisch k\u00fchn in die Praxis umgesetzte Ausstrahlungspolitik von K\u00f6nigsberg her in die gro\u00dfe Welt sollten die f\u00fchrenden Verleger, unter ihnen besonders Johann Jakob Kanter, pflegen [18, 1-19]. Dieser abenteuerliche, aber genial begabte Buchh\u00e4ndler war der erste Verleger gro\u00dfen Stils in modernem Sinne. Mitten im Siebenj\u00e4hrigen Krieg kehrte er aus der Wendlerschen Buchhandlung in Leipzig nach K\u00f6nigsberg zur\u00fcck, um in das v\u00e4terliche Gesch\u00e4ft in der Altst\u00e4dtischen Langgasse einzusteigen, wobei er sich von Anfang an mit den Russen politisch und gesch\u00e4ftlich zu arrangieren wusste, was Friedrich II. ihm nach Friedensschlu\u00df nie verzeihen sollte. Nachdem der Vater 1764 gestorben war, verlegte er sein Gesch\u00e4ft in das alte L\u00f6benichtsche Rathaus, wo er u.a. eine Lesebibliothek anschlo\u00df. Er besa\u00df die Begabung, k\u00fcnftige Buchh\u00e4ndlertalente zu entdecken und entschieden zu f\u00f6rdern. So brachte er den akademisch sehr gebildeten Johann Friedrich Hartknoch davon ab, Theologe zu werden. Dieser sollte in der Folge in der Buchh\u00e4ndlerstadt Riga ein gro\u00dfes Gesch\u00e4ft gr\u00fcnden. Auch Jakob Friedrich Hinz wurde sein Alumne und lie\u00df sich wie Hartknoch im Baltikum, genauer im kurl\u00e4ndischen Mitau nieder, wo er eine Kantersche Filiale von W.A. Steidel, einem weiteren Angestellten, \u00fcbernahm. Ein anderer Gehilfe, Johann Daniel Friedrich, assoziierte sich mit Fran\u00e7ois Th\u00e9odore de Lagarde, einem aus K\u00f6nigsberg stammenden Buchh\u00e4ndler in Berlin, und f\u00fchrte lange eine Filiale in Libau. Des weiteren fand auch der Kupferstecher Christian Ludwig Stahlbaum den Weg nach Berlin, w\u00e4hrend Abraham Jakob Penzel, Geograph und \u00dcbersetzer des Cassius und Strabo, Buchh\u00e4ndler in Krakau wurde. Wichtig f\u00fcr den Buchhandel war, dass dank Kanter alle diese J\u00fcnger Gutenbergs der Freimaurerbewegung angeh\u00f6rten, welche angesichts der kosmopolitischen Einstellung und Solidarit\u00e4tsgesinnung des Ordens den B\u00fcchervertrieb in ganz Europa erleichterte. Kanter selbst war f\u00fcr seine Zeit ein gewaltiger Projektemacher. Er wollte Beziehungen zu s\u00e4mtlichen Buchzentren Europas, ob in Ost oder West, herstellen und unter seinem Zepter an m\u00f6glichst vielen Orten Produktions- und Verkaufsfilialen einrichten, wobei er mit seinen vormaligen Angestellten in gutem Einvernehmen blieb. Zuerst zielte er nach Osten. Vom Vater, der die bankrotte Druckerei des Basilius Corvinus Quassowski, einem Mitglied der russisch-orthodoxen Gemeinde, gekauft hatte, erbte er das Privileg, polnische, russische und slawonische B\u00fccher zu verkaufen. Eine wichtige Filiale er\u00f6ffnete er anfangs in Elbing. Aber er ging auch nach Wien und sogar nach Holland. Die Strecke K\u00f6nigsberg-Leipzig legte er unz\u00e4hlige Male zur\u00fcck. Im August 1762 nahm er Beziehungen zur kurl\u00e4ndischen Residenzstadt Mitau auf und suchte um ein Privileg nach. Danach reiste er nach Sankt Petersburg und beabsichtigte sogar, bis nach Moskau vorzusto\u00dfen. Ein weiteres Projekt sollte das Zentrum K\u00f6nigsberg und die verschiedenen Zweigstellen mit einer Berliner Zentralbuchhandlung vereinigen, woraus dann aber nichts wurde. Seine j\u00e4hrlichen Kataloge bescheinigen, dass er bis zum Schlu\u00df B\u00fccher aus allen Himmelsrichtungen Europas im Original anpries, ankaufte, auslieh, verlieh und verkaufte. Als der b\u00fccherversessene Andrej Bolotow 1758 mit den russischen Besatzungstruppen nach K\u00f6nigsberg kam, glaubte er das Wesen der westlichen Zivilisation in Kanters Buchladen entdeckt zu haben [21, 3]. Vor allem die Firma Hartknoch und Sohn, deren Begr\u00fcnder die von Kanter \u00fcbernommene Idee der Universalit\u00e4t erfolgreichen Buchhandels konsequent ausweitete, wurde in kultureller Hinsicht das wichtigste \u00f6stlichste Vermittlungsglied zwischen Russland und Deutschland, das bis nach London, Paris und der Schweiz wirken sollte, wohin Hartknoch h\u00e4ufig gereist ist [18, 145]. Der Vertrieb der Schriften der <i>Freien \u00d6konomischen Soziet\u00e4t<\/i>, der <i>Russischen Akademie<\/i>, der <i>\u00d6konomischen Gesellschaft<\/i> in Sankt Petersburg, der <i>Russischen Bibliothek<\/i> von Bacmeister, der Arbeiten von Lomonossov, Schl\u00f6zer und Gadebusch w\u00e4ren im Westen ohne ihn nicht denkbar gewesen. Als Kanters Unternehmen in den achtziger Jahren, da er sich finanziell \u00fcbernommen hatte, zu fallieren drohte, hat Kant seine bedeutendsten Werke fast nur noch bei Hartknoch ver\u00f6ffentlicht. Wie dem auch sei: Kein anderer hat in jener Zeit wie Kanter eine gro\u00dfangelegte intellektuelle Wechselwirkung in Bewegung zu setzen vermocht, die einerseits darauf hinzielte, von der Stadtinsel am Pregel her in die gro\u00dfe Welt hinauszustrahlen und andererseits die bedeutendsten europ\u00e4ischen Kulturen nach der Hauptstadt Ostpreu\u00dfens herzuholen. Wie ein symbolisches Zeichen mutet es an, dass das ber\u00fchmte Kant-Portr\u00e4t von Becker, das einst in seinem Laden hing und von der Nachfolgefirma Gr\u00e4fe und Unzer als einziges bedeutendes Originalst\u00fcck aus dem brennenden K\u00f6nigsberg gerettet wurde, heute im Schiller-Nationalmuseum in Marbach gezeigt wird.<\/p>\n<p>Was Kanter in gro\u00dfz\u00fcgigem Stil aus gesch\u00e4ftlicher Sicht versucht hat, vollzog Johann Georg Hamann auf rein geistiger Ebene durch seine alleinige Person. Eigentlich hatte der \u201cMagus\u201d so manches ge\u00admeinsam mit Kant: Er war geboren in K\u00f6nigsberg, stammte aus be\u00adscheidenem, frommem Elternhaus, liebte seine Heimatstadt, die lokale Geborgenheit und die gesellige provinzielle Atmosph\u00e4re mit einem gem\u00fctlichen Hang zum Junggesellenleben, blieb lange Zeit in vorsichtiger Distanz zum andern Geschlecht und war von fr\u00fchen Jahren an der Lekt\u00fcre und dem philosophischen Gr\u00fcbeln zugewandt. Damit h\u00f6ren allerdings die Parallelen auf. Denn der h\u00e4usliche Hamann war paradoxerweise zugleich ein in h\u00f6chstem Ma\u00dfe unruhiges, zutiefst sinnliches und abenteuerliches Temperament und ein kosmopolitischer Denker. Als Universalgelehrter war er prinzipiell jeder Entdeckung, jedem Wissen aufgeschlossen. Als tiefgl\u00e4ubiger Mensch und Wahrheitssucher, der in Gott einen \u201cSchriftsteller\u201d sah [14, 27], in dessen Buch der Welt die Kreatur zu lesen habe, um seit dem S\u00fcndenfall buchstabierend wieder zum Ursprung zur\u00fcckzufinden, versuchte er sowohl mit Kopf als mit Gem\u00fct m\u00f6glichst viel von dessen Sch\u00f6pfung zu erfassen. Daher im Vergleich zu Kant eine private Riesenbibliothek, in der viele Literaturen und Kulturen vertreten waren, der gr\u00fcndliche Erwerb der bedeutendsten Sprachen des Altertums wie der Gegenwart bis zum Arabischen, das einf\u00fchlsame Verst\u00e4ndnis der Alten, der Bibel, der franz\u00f6sischen, englischen und italienischen Literatur und Philosophie, die kritische Haltung gegen\u00fcber den theologischen und philosophischen Str\u00f6mungen und \u00dcberlegungen nach allen Seiten hin und schlie\u00dflich ein gut entwickelter Sinn f\u00fcrs Musikalische. Von kr\u00e4nklicher Konstitution wie Kant, scheute er dennoch aus intellektueller Neugierde weder M\u00fche noch Gefahren, um ausgedehnte Reisen nach Osten wie nach Westen zu unternehmen und fremde L\u00e4nder und Kulturen zu erfassen. In den f\u00fcnfziger und sechziger Jahren pendelte er aus beruflicher Not andauernd im Baltikum herum und hatte oft den Eindruck, \u201candauernd in Russland\u201d zu sein; nicht umsonst fand er in England zu seiner \u201cBekehrung\u201d, und symbolhaft mutet es an, dass er als Pilger zur Wahrheit auf einer Reise zu Gleichgesinnten in fremdem Land im westf\u00e4lischen M\u00fcnster starb und dort seine letzte Ruhest\u00e4tte fand, dicht an einer Stadtautobahn und einem banalen Parkplatz, wo er heute von morgens bis abends die Abgase moderner Motoren einzuatmen hat! Scharf und kritisch im Denken wie Kant, Lessing oder der verhasste Voltaire, humoristisch, satirisch und selbstironisch, vermittelte er Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Aufkl\u00e4rung, auch die politischen Verh\u00e4ltnisse mutig in Frage stellend. Aber sein glaubensbed\u00fcrftiges, christozentrisch orientiertes Herz empfand konkreter als Kant, emotionsgeladen, vergleichend am\u00fcsiert Widerspr\u00fcche in Kauf nehmend, Verstand und Vernunft mit Misstrauen begegnend und daf\u00fcr wie ein poetischer Seher ahnungsvoll den g\u00f6ttlichen Urgrund hinterfragend. Jean Paul hat ihn zutiefst bewundert. Hamanns Seele und Freundschaftsgef\u00fchl geh\u00f6rte K\u00f6nigsberg, aber sein Geist verstand sich \u00fcberall anzupassen, war prinzipiell \u00fcberall zu Hause. Es mu\u00df einmal gesagt werden: Kant strahlte von K\u00f6nigsberg aus als der gr\u00f6\u00dfte <i>Denker<\/i>, aber Hamann war eigentlich am selben Ort <i>der<\/i> Universal<i>geist<\/i> des deutschen 18.Jahrhunderts! So ist auch zu verstehen, dass er wie kein anderer Kants gro\u00dfartiges Gedankengeb\u00e4ude in Frage zu stellen vermochte, Kant selbst jedoch \u2013 und es <i><span style=\"text-decoration: underline;\">hat<\/span><\/i><span style=\"text-decoration: underline;\"> ihn <\/span>insgeheim gewurmt \u2013 es niemals so recht wagte, sich dieser Kritik zu stellen. Enge Freunde wurden sie nie!<\/p>\n<p>Sozusagen zwischen beiden stand Theodor Gottlieb von Hippel (1741\u20131796), sowohl als pers\u00f6nlicher Freund als auch geistesgeschichtlich. Dieser kam aus dem Herzen Ostpreu\u00dfens und blieb immer ein Ostpreu\u00dfe. Wie Kant war er sesshaft veranlagt. Nur zwei gr\u00f6\u00dfere Reisen unternahm er im Leben: eine in jungen Jahren nach Petersburg, wo man ihm eine gl\u00e4nzende Karriere in Aussicht stellte, die er z\u00f6gernd ablehnte, und eine Dienstreise in gesetzten Jahren nach Berlin und Sachsen; das war alles. Aus beruflichen Gr\u00fcnden verankerte er sich mit der Zeit ganz in seiner Provinzhauptstadt, stieg als ehrgeiziger Dirigierender B\u00fcrgermeister auf, zum angesehensten, aber auch gef\u00fcrchtetsten Mann der Verwaltung, die er eisern im Griff hatte, und begn\u00fcgte sich wie Kant, Kraus, Hamann und Lauson mit dem vorhandenen gesellschaftlichen Angebot. Auch er besa\u00df als k\u00f6niglicher Spitzenbeamter, als Lokalpolitiker, Jurist, Richter und Freimaurer einen scharfen Verstand, eine ungemein pr\u00e4zise Rede- und Formulierungsgabe und ein bemerkenswertes Organisationstalent. Und schlie\u00dflich blieb auch er unverheiratet, begegnete jedoch dem weiblichen Geschlecht wie Kant mit ausgesuchter Vornehmheit. Andererseits empfand auch er eine Art geheimen Fernwehs nach dem Osten, zum Baltikum, zu Lettland und Kurland, und vor allem zum 9europ\u00e4ischen Russland. Der genius loci lie\u00df ihn nicht fort, aber auch seine Pers\u00f6nlichkeit selbst hat mehr, als man bisher wahrhaben wollte, den genius loci zur Zeit Kants mitgepr\u00e4gt [16]. Doch in krassem Gegensatz zu Kant, und in tiefgr\u00fcndender, wenn auch verhaltener Seelenverwandtschaft zu Hamann litt sein Wesen unter dem Zwiespalt von Rationalismus und pietistisch gef\u00e4rbtem Gottesbed\u00fcrfnis. Kein K\u00f6nigsberger hat jemals vor und nach ihm sosehr gegen den Tod und um die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit gerungen wie er. Daher ebenfalls, wie bei Hamann und Lauson, jene weitgef\u00e4cherte Belesenheit und Kenntnis insbesondere des europ\u00e4ischen Erbes der Antike und der Renaissance, aber auch der franz\u00f6sischen, englischen und italienischen Dichter, Philosophen, Theologen und Juristen des 17. und 18.Jahrhunderts, ein prinzipielles Misstrauen den blo\u00dfen Gaben des Verstands und der Vernunft gegen\u00fcber, eine temperamentvolle Aggressivit\u00e4t gegen\u00fcber dem vermeintlich B\u00f6sen, dem Minderwertigen in Politik und Gelehrsamkeit. Seine grunds\u00e4tzliche Aufgeschlossenheit in pragmatischer Hinsicht veranlasste ihn zur geistigen und konkreten Bet\u00e4tigung auf allen m\u00f6glichen Gebieten, wobei sein Wirken einerseits direkt lokal und regional gebunden blieb, andererseits sich auf die gro\u00dfen Fragen der Menschheit ausweitete. So geh\u00f6rt in den <i>Lebensl\u00e4ufen nach aufsteigender Linie <\/i>, den <i>Kreuz- und Querz\u00fcgen des Ritters A bis Z<\/i> und den <i>Handzeichnungen nach der Natur<\/i> seine Liebe der Heimatstadt und der Landschaft <i>Ostpreu\u00dfens<\/i> mit ihren gesellschaftlichen, kulturellen, politischen und erzieherischen Problemen, in Briefen und Autobiographie hingegen den beiden gro\u00dfen Staats- und Milit\u00e4rm\u00e4chten des europ\u00e4ischen Ostens, n\u00e4mlich Preu\u00dfen und Russland, die er mit ihren \u00fcberragenden Herrscherfiguren objektiv auf Vor- und Nachteile hin miteinander vergleicht. Seit seiner Jugend schwankte er diesbez\u00fcglich zwischen seiner Treue und Anh\u00e4nglichkeit an das kleine, aber verwaltungstechnisch, juristisch und milit\u00e4risch straff organisierte und vom Fortschrittsglauben beseelte K\u00f6nigreich Preu\u00dfen und der Bewunderung f\u00fcr die gewaltige, mit einem \u201crohen Erdenklo\u00df\u201d vergleichbare, \u201czu Soldaten \u201d erkorene russische Nation [10, 151] mit ihrer vorbehaltlosen Heimatliebe, die sich erst in der \u201cersten St\u00e4rke\u201d befinde und Europa und die Weltgeschichte ersch\u00fcttern werde, wenn sie einmal richtig aufgewacht sei und besonders vielleicht den Preu\u00dfen \u201czu schaffen machen\u201d w\u00fcrde [10, 115-119]. Allerdings sieht er in der Ausdehnung des russischen Staatsgebildes etwas beinahe Widersinniges und glaubt wie Friedrich II. die Ahnung zu haben, dass dieser Staat seiner eigenen Gr\u00f6\u00dfe erliegen k\u00f6nnte: \u201cEs ist gewi\u00df nicht der erste, der durch seine Gr\u00f6\u00dfe klein geworden. Der Goliath und der kleine David sind mir immer im Kopfe, wenn ich Ru\u00dfland und den preu\u00dfischen Staat vergleiche\u201d[10, 121]. Dahingegen ruft der Held Alexander, der in den <i>Lebensl\u00e4ufen <\/i>in russische Milit\u00e4rdienste tritt, bez\u00fcglich Friedrichs II. und Katharinas II. mit Begeisterung aus: \u201cWenn diese Monarchin mit dem K\u00f6nige von Preu\u00dfen ein Paar worden: Welt! was meinst du?\u201d [22, 256] Immer wieder stellt er nach der Lekt\u00fcre Rousseaus und nach den Experimenten der parlamentarischen englischen Monarchie und der jungen amerikanischen Demokratie die Frage nach der idealen Staats und Regierungsform, wobei er im Hinblick auf eine universal verbesserte Menschheit in ferner Zeit zwar einer wahrhaft aufgekl\u00e4rten Monarchie seine Sympathien schenkt, grunds\u00e4tzlich jedoch weitgehende demokratische Entwicklungen in westlichem Sinne miteinbeschlie\u00dft und die republikanische Staatsform nicht ausschlie\u00dft. In diesem Zusammenhang spricht er dem Freunde Kant und dessen Sch\u00fcler Kraus, die auch von der Franz\u00f6sischen Revolution nichts verstanden h\u00e4tten, jedes echte politische Verst\u00e4ndnis ab, so dass sie nicht einmal im Stande seien, \u201ceinen H\u00fchnerstall\u201d zu regieren [22, 275]. Auch in der Frauenfrage \u00fcbertr\u00e4gt sich sein Denken auf das Feld des universal G\u00fcltigen, indem er im Buch <i>\u00dcber die Ehe <\/i>und in der Abhandlung <i>\u00dcber die b\u00fcrgerliche Verbesserung der Weiber <\/i>die k\u00fchnsten gesellschaftlichen, psychologischen, und beruflichen Refor\u00admen fordert, die erst in unserer Zeit in die Praxis umgesetzt worden sind. Ein \u00c4hnliches gilt f\u00fcr den Geist seiner zahlreichen juristischen und verwaltungstechnischen Abhandlungen. Und durch konkrete Neuerungen in seiner Stadt hat er das Armen, Waisenhaus, Schul, Polizei und Feuerl\u00f6schwesen in westlichem Sinne reorganisiert in Einrichtungen, die bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ihre G\u00fcltigkeit behielten. So ist dieser Popularphilosoph, der mit Hamann der Erkenntnisphilosophie Kants, wie die satirische Examinierungsszene im 2. Band der <i>Lebensl\u00e4ufe <\/i>\u00a0zeigt, mit Skepsis gegen\u00fcberstand [22, II, 139], und westeurop\u00e4ischem Denken viel wirklichkeitsn\u00e4her und tributpflichtiger war, von K\u00f6nigsberg aus ungeachtet der \u00f6rtlichen und regionalen Umst\u00e4nde ein Weltb\u00fcrger in modernem Sinne gewesen.<\/p>\n<p>Ein \u00c4hnliches erstrebte sein langj\u00e4hriger Seelenfreund Johann George Scheffner (1736\u20131820), doch blieb dieser oberfl\u00e4chliche, seelischen Tiefgangs entbehrende Vielschreiber in jeder Hinsicht hinter ihm zur\u00fcck. Scheffner liebte K\u00f6nigsberg nicht, verschm\u00e4hte ebenfalls das Reisen und verbrachte als ein vom materiellen Gl\u00fcck Beg\u00fcnstigter f\u00fcnf Sechstel seines Daseins auf seinen Landg\u00fctern auf dem Stolzenberg bei Danzig, dann in Sprindlack, Eberswalde und Taplacken, um erst 1795 als angesehener Lokalpatrizier in die Stadt zur\u00fcckzukehren und das Alter mit hochgestellten Gleichaltrigen zu verbringen. Er war sehr belesen in antiker und geistreicher franz\u00f6sischer Literatur, u.a. im Montaigne und den Dichtern der pr\u00e9ciosit\u00e9, die er, vorwiegend den Jean-Baptiste-Joseph Villart de Gr\u00e9court (1683\u20131743) nachahmend, dazu benutzte, um eine Lawine seichter zotenhafter Gedichtb\u00e4nde in spa\u00dfhafter Selbstzufriedenheit anonym auf den Markt zu bringen [17, 159-193]. Daneben versuchte er nicht ohne Wichtigtuerei im Umgang mit namhaften aufkl\u00e4rerischen Zeitgenossen, u.a. auch mit Kant, der ihm gegen\u00fcber h\u00f6flich distant blieb, als eine Art \u201cNebensonne\u201d auf die Nachwelt \u00fcberzugehen [27, 370-377].<\/p>\n<p>Es bleiben die Ausgebrochenen. Drei sind da vor allem zu nennen: Johann Friedrich Reichardt, Johann Gottfried Herder und Jakob Michael Reinhold Lenz. Alle drei waren sie in ihrer Jugend vorbehaltlose Verehrer Kants, aber auch der russischen Nation, deren vermeintlich aufgekl\u00e4rten Herrscherfiguren sie in politischer Unwissenheit tiefgrei\u00adfende Neuerungen zutrauten. \u201cDem Herrn. Prof. Kant einzig und allein\u201d, so gesteht Reichardt, \u201cverdank ich\u2019s, dass ich von meinen fr\u00fchsten Jugendjahren an, nie den gew\u00f6hnlichen erniedrigenden Weg der meisten K\u00fcnstler unserer Zeit betrat, und seinem akademischen Unterricht, den er mir fr\u00fch ganz aus freiem Triebe, antrug, und drey Jahre auf die alleruneigenn\u00fctzigste Weise gab, dank ich das fr\u00fche Gl\u00fcck, die Kunst von Anfang aus ihrem wahren, h\u00f6hern Gesichtspunkte beachtet zu haben und nun das gr\u00f6\u00dfere Gl\u00fcck, seine unsterblichen Werke mit Gewinn studiren zu k\u00f6nnen [28, 24].\u201c Doch der abenteuerliche, unstete Charakter fand in seiner ihn langweilenden Heimatstadt wie auch an der Albertina nichts, was seine ureigenste Begabung, n\u00e4mlich die Musik, gef\u00f6rdert h\u00e4tte. Kant allein vermochte nicht, ihn am Orte zu halten. Nach vielen Irrwegen durchs Baltikum und Polen schlug er sich entschieden durch nach Westen, wo er schlie\u00dflich zu sich selbst fand und lange Zeit eine gl\u00e4nzende Karriere als Kapellmeister geno\u00df. Daneben hat er auch stets gedichtet. Aber er hat nie in K\u00f6nigsberg dirigiert.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches erfuhr der junge Herder. Im Alter von kaum 17 Jahren traf der ebenfalls \u00e4u\u00dferst schwierige Sch\u00fcler Sebastian Friedrich Treschos im Mai 1762 aus Mohrungen mit hochfliegenden Erwartungen in der Provinzhauptstadt ein; am 22.November 1764 verlie\u00df auch er zutiefst entt\u00e4uscht den ungeliebten Ort, und zwar f\u00fcr immer, begleitet durch das Ro\u00dfg\u00e4rter Tor von Hamann. Auch er war vom Unterricht Kants fasziniert, und er fand im \u201cMagus\u201d einen seelenverwandten Freund und Mentor, der ihm seine wahre Begabung als Wahrheitssucher und Dichter entdeckte. Doch auch ihm gen\u00fcgten die beiden so unterschiedlichen Gr\u00f6\u00dfen nicht, um ihn im hohen europ\u00e4ischen Osten zu halten. Sie waren nur die entscheidenden Vordenker, Lehrer, Ratgeber und Wegweiser; seinen Weg mu\u00dfte er allein gehen. Was er am Ende wurde, wurde er in weitgehender Unabh\u00e4ngigkeit von ihnen in westlicher gelegenen Gegenden und Kulturen! Gl\u00fccklich wurde er dabei so wenig wie Reichardt.<\/p>\n<p>Und auch dem Dritten erging es nichts anders. Der livl\u00e4ndische Pastorensohn Lenz suchte ebenfalls innerlich schon fr\u00fch zerrissen ab 1768 an der einzigen ostpreu\u00dfischen Landesuniversit\u00e4t seine Bestimmung zu entdecken und vert\u00e4ndelte drei Jahre als fauler, na\u00efver Student unter l\u00e4rmenden, trinkenden Landsleuten. Auch er erkannte im noch jungen Kant das Ausnahmegenie und verglich ihn voller Regionalstolz mit den zahllosen ber\u00fchmten Gestalten der franz\u00f6sischen Geistesgeschichte [23, 117-121]. Dann dr\u00e4ngte auch ihn ein abenteuerliches, ungest\u00fcmes Temperament nach eben jenem Frankreich und eben diesem selben Weimar wie Goethe und Herder, um ihn ergebnislos immer wieder ziellos nach dem Osten zur\u00fcckzutreiben, wo er schlie\u00dflich in Moskau elend zugrunde ging.<\/p>\n<p>Geistig und seelisch blieben sie alle drei letzten Endes heimatlos. Weder der gewaltige Geist, von dem das moderne Denken seinen Anfang genommen, noch der geniale poeta vates auf dem Wege zum g\u00f6ttlichen Urgrund haben ihnen den inneren Frieden des wahrhaft Weisen vermittelt; das \u00fcbrige Europa allerdings eben so wenig. Und K\u00f6nigsberg ist f\u00fcr sie lediglich ein Ausgangs- bzw. Durchgangsort gewesen.<\/p>\n<p>Den alternden Kant begleitete schlie\u00dflich noch eine zweite Gene\u00adration. Aber diese hat der in seinen k\u00f6rperlichen wie geistigen Kr\u00e4ften nachlassende Albertinagelehrte nicht mehr so richtig beeindrucken k\u00f6nnen, genauso wenig wie die \u00fcbrige Belegschaft der Universit\u00e4t, die gegen Ende des aufgekl\u00e4rten Jahrhunderts stark im Niedergang begriffen war. Da war zuerst der mit zwanzig Jahren schon erblindende Ludwig von Baczko (1756\u20131823), den sein k\u00f6rperliches Handikap bis zum Lebensende an Ort und Schreibstube fesselte. M\u00fchsam erarbeitete sich der vom Leben und der Gesellschaft Verbitterte wie sein Schicksalsgenosse Conrad Pfeffel in Colmar mit Hilfe Dritter ein ungeheures Wissen. Im jovialen Hamann fand er einen verst\u00e4ndnisvollen Freund, w\u00e4hrend er bei den seinen Umgang meidenden Lokalgr\u00f6\u00dfen Hippel und Kant die Verachtung seines Invalidentums zu erraten glaubte. Gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig blieb er in seiner Heimat verwurzelt, intellektuell ein scharf kritisch eingestellter Sp\u00e4taufkl\u00e4rer, dichterisch ein auf die sich langsam entfaltende Romantik hin Orientierter, ein Erbe des ausklingenden Jahrhunderts sowohl als auch ein Ahnender der kommenden Zeit. Als Historiker und Autobiograph leistete er trotz seiner Blindheit zu Ostpreu\u00dfen und K\u00f6nigsberg geradezu Erstaunliches [2], als Epiker schrieb er einige der k\u00fchnsten gesellschaftskritischen Romane in Deutschland [5] und als Novellendichter eine gro\u00dfe Zahl phantastischer Kurzgeschichten im Sinne Hoffmanns. Als Universalgelehrter in ewiger Nacht bewies der k\u00f6rperlich zur Unbeweglichkeit Verurteilte, dass Geist und Phantasie nicht zu reisen brauchen, um \u00fcberall zu Hause zu sein.<\/p>\n<p>Dem Genius loci verfallen war aus anderen Gr\u00fcnden auch Johann Michael Hamann, der Sohn des \u201cMagus\u201d. Der Vater hatte ihn buchst\u00e4blich von Kindsbeinen auf getrimmt zum Sprachenerwerb und zur Lekt\u00fcre der Lateiner, Griechen und des Hebr\u00e4ischen. Er wurde dann auch sp\u00e4ter ein ausgesprochener Schulmann, am Ende sogar Vorsteher der traditionsreichen Lateinschule der Altstadt. Seine besondere Liebe galt jedoch der lyrischen Poesie, die er in K\u00f6nigsberg trotz gegenteiliger Behauptungen als Erster zu echter Meisterschaft gebracht hat. Ja, er ist bis zu Agnes Miegel zweifellos der bedeutendste Lyriker K\u00f6nigsbergs gewesen [9]. Auf die gro\u00dfe Welt war sein Geist nicht gerichtet, schon gar nicht nach Westeuropa und dessen Kulturen. Lediglich begleitete er den Vater nach M\u00fcnster, wo dieser dann starb. Von Jugend auf zog es ihn wie den Vater mit der Hilfe der angesehenen Grafenfamilie von Keyserlingk als Hofmeister nur nach dem Baltikum, insbesondere nach Kurland, und danach strebte er in die Heimatstadt zur\u00fcck, wo er bis zu seinem fr\u00fchen Tode mit seiner gro\u00dfen Familie blieb. Im Gegensatz zum \u201cMagus\u201d wurde er kein Aufgekl\u00e4rter, kein Philosoph, kein Sokrates, Diogenes oder Pan, kein poeta vates, der im Buche der Natur lesen und lernen konnte, sondern in ratloser Distanz zum schweigenden Gott nur ein bescheidener, vor dem Leben resignierender S\u00e4nger. Sein Denken und F\u00fchlen identifizierte sich mit der Stille der landschaftlichen Weiten an der Ostsee, die er teils als versp\u00e4teter Anakreontiker, teils als Nachfahre der Dachschen <i>K\u00fcrbish\u00fctte <\/i>in tief melancholischen, todestrunkenen Phantasien besungen hat.<\/p>\n<p>Ebenso schwerbl\u00fctig, aber innerlich furchtbar zerrissen und von provokativem, abenteuerlich egozentrischem, ungemein sinnlichem Temperament gequ\u00e4lt, wu\u00dfte der gleichaltrige Zacharias Werner, Sohn eines angesehenen Juraprofessors und einer krankhaft vom religi\u00f6sen Wahn besessenen Mutter, weder mit seinem Jurastudium noch mit seinen Lehrern Kant und C.E. Mangelsdorff etwas anzufangen. Von einem Skandal in den anderen verfallend, wurde er schon in jungen Jahren aufgrund seines z\u00fcgellosen Lebens aus der Heimatstadt regelrecht ausgeb\u00fcrgert, um trotz seines tiefen Hangs zu den d\u00fcsteren, geschichtstr\u00e4chtigen Weiten des Nordostens [19] in allen m\u00f6glichen Gesellschaftsschichten, Religionen, Freimaurerbewegungen und politischen Str\u00f6mungen Mitteleuropas vergeblich sein Heil zu suchen, ein typischer Vertreter der angehenden Romantik, f\u00fcr den in der Stadt am Pregel kein Platz sein konnte.<\/p>\n<p>Und auch der letzte Namhafte zog fr\u00fch weg. Berufszw\u00e4nge, innere Unruhe und der Drang zu einer noch unbekannten, h\u00f6heren Bestimmung zogen ebenfalls das Universalgenie E.T.A. Hoffmann nach Westen, in die neue Welt romantischen F\u00fchlens und Sehnens. Dort wurde er ein angesehener Jurist, ein bedeutender Dirigent und Kom\u00adponist und schlie\u00dflich ein Prosaerz\u00e4hler von Weltruhm, der Einzige dieser Art, den K\u00f6nigsberg je hervorgebracht hat, ohne dass die Heimat jemals so richtig \u2013 einige heute schwer identifizierbare Jugendreminiszenzen ausgenommen \u2013 an seiner Entfaltung teilgenommen hat. Nicht einmal die herrliche Erz\u00e4hlersprache verdankt er K\u00f6nigsberg. Auch er hat wie Reichardt niemals in seiner Heimatstadt dirigiert!<\/p>\n<p>Das K\u00f6nigsberg Immanuel Kants, in anderen Worten: die Glanzzeit der Stadt am Pregel w\u00e4hrend der letzten vierzig Jahre des aufgekl\u00e4rten Jahrhunderts, zeigt ein vielfarbiges Mosaik unterschiedlichster Individualit\u00e4ten. Sogenannte Gruppen, Str\u00f6mungen und Schulen gab es dort nicht. Die starken Geister entwickelten sich dort mehr oder weniger allein; das hat immer den Charme dieses Orts ausgemacht. Aber dieser Umstand hat es den Betroffenen auch immer schwer gemacht. Das Paradox der geographischen Kulturinsel und dennoch gesch\u00e4fts- und handelst\u00fcchtigen Weltoffenheit erlaubte mehr als anderswo je nach Biographie, Bedarf und Temperament alle m\u00f6glichen Entwicklungswege; aber der Ort war nur bedingt imstande, diese Perspektiven vollauf zu f\u00f6rdern bzw. zur Reife zu bringen. Das Beispiel Kants und Hamanns belegt, dass einzelne \u00dcbergro\u00dfe, was immer man dagegen vorbringen mag, immer nur durch und f\u00fcr sich selbst wirken und weitgehend nicht verm\u00f6gen, andere entscheidend festzuhalten, dasje\u00adnige alleinige des anonym schreibenden Hippel, dass nur wenige in der geistigen Isolation und Eigenbr\u00f6telei wahrhaft Gro\u00dfes, die Zeiten \u00dcberdauerndes oder erst in sp\u00e4ter Zukunft zu \u00fcberregionalem Verst\u00e4ndnis Gelangendes erzeugen k\u00f6nen. K\u00f6nigsberg war nicht Paris, London, Rom, Berlin, Petersburg oder Moskau und konnte es nie werden; es war und wurde auch kein Weimar! Schon das Tagebuch von Johann Abegg beleuchtet [1], wo die Stadt um die Jahrhundertwende in ihrer intellektuellen Begrenzung wirklich stand, und ein erst in rezenter Zeit ver\u00f6ffentlichter Briefwechsel zwischen Rudolf Unger und Arthur Warda best\u00e4tigt, dass noch ein gutes Jahrhundert sp\u00e4ter sich wenig ver\u00e4ndert hatte [13]. In diesem Sinne h\u00e4tte das heutige Kaliningrad wahrhaftig \u2013 wieder irgendwie paradox \u2013 eine einzigartige historische Chance, damit Agnes Miegels Wort seine G\u00fcltigkeit behalte: \u201cUnd dass Du, K\u00f6nigsberg, nicht sterblich bist!\u201c [25,119, 257]<\/p>\n<p align=\"center\">Literatur.<\/p>\n<ol>\n<li><i>Abegg J.<\/i> Reisetagebuch von 1798. Erstausgabe., Frankfurt am Main: von Walter und Yolanda Abegg in Zusammenarbeit mit Zwi Batscha Insel Verlag, 1976.<\/li>\n<li><i>Baczko L. V.<\/i> Versuch einer Geschichte und Beschreibung der Stadt K\u00f6nigsberg. Kgsbg.: 1787. 2. Aufl. 1804; Geschichte Preu\u00dfens. 6 Bde. Kgsbg. 1792\u20131800 u.a.m.; Geschichte meines Lebens. 3 Bde. Kgsbg. 1824; dazu die Herausgabe einer Reihe von Zeitschriften wie das Preu\u00dfsche Tempe (1780\u20131782); das Preu\u00dfische Magazin (1782); die Annalen des K\u00f6nigreichs Preu\u00dfen (1792\u20131793) und das Wochenblatt f\u00fcr den B\u00fcrger und den Landmann (1795\u20131796).<\/li>\n<li><i>Bock J.<\/i> <i>G. <\/i>Gedichte. K\u00f6nigsberg, druckts und verlegts Johann Heinrich Hartung, 1756.<\/li>\n<li><i>Daphne.<\/i> Nachdruck der von Johann Georg Hamann. Johann Gotthelf Lindner u.a. herausgegebenen K\u00f6nigsberger Zeitschrift (1749\u20131750). Bd. 15. Frankfurt a. M., Bern, New York, Paris, 1991.<\/li>\n<li><i>Elbing<\/i> <i>K. von A<\/i>. Die akademischen Freunde. Eine Geschichte in Briefen. Kgsbg., Leipzig: Hartung, 1783.<\/li>\n<li><i>Gehrmann K.<\/i> Kant und K\u00f6nigsberg. Im Gedenken an Kurt Stavenhagen. \/\/ Ostbrief, L\u00fcneburg, 1955. ( Mitteilungen der Ostdeutschen Akademie L\u00fcneburg ).<\/li>\n<li><i>Gregorovius F.<\/i> \/\/ Ostpreu\u00dfen in 1440 Bildern. Geschichtliche Darstellungen von Emil Johannes Guttzeit. Verlag Gerhard Rautenberg, 1996.<\/li>\n<li><i>Guinet L.<\/i> Zacharias Werner et l&#8217;\u00e9sot\u00e9risme ma\u00e7onnique. Th\u00e8se Lettres. Paris, Caen 1961. <i>Abegg J. <\/i>Reisetagebuch von 1798. Erstausgabe. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1976.<\/li>\n<li><i>Hamann J. M. <\/i>Gedichte. Nachdruck der Erstausgaben. Mit einem Nachwort von Joseph Kohnen in Zusammenarbeit mit Reiner Wild. Frankfurt a.M., Berlin, Bern, New York, Paris, Wien, 1993.<\/li>\n<li><i>Hippel<\/i> <i>T. G.<\/i> Autobiographie \/\/ S\u00e4mtliche Werke. Bd. XII. Berlin: Georg Reimer, 1828.<\/li>\n<li><i>Kant I.<\/i> Anthropologie in pragmatischer Hinsicht \/\/ Kant. Gesammelte Schriften. Hrg. von der K\u00f6niglich-Preu\u00dfischen Akademie der Wissenschaften, Berlin und Leipzig 1900\u20131955. Abth.: Werke. 7. Bd. 1917.<\/li>\n<li><i>Kant I.<\/i> Beobachtungen \u00fcber das Gef\u00fchl des Sch\u00f6nen und Erhabenen, Vierter Abschnitt \/\/ Kant&#8217;s gesammelte Schriften, Werke, Bd. II, Vorkritische Schriften II, Berlin 1912, S. 252ff.<\/li>\n<li><i>Knoll R<\/i>. Johann Georg Hamann 1730\u20131788. Quellen und Forschungen \/\/ Schriften der Universit\u00e4tsbibliothek M\u00fcnster. Bonn: Verlag Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, 1988.<\/li>\n<li><i>Kohnen J<\/i>. Andrej Bolotows K\u00f6nigsberg-Aufzeichnungen (1758\u20131762) im Blickfeld der ostpreu\u00dfischen Literaturgeschichte \/\/ Publications du Centre Universitaire de Luxembourg. Luxemburg, 1994.<\/li>\n<li><i>Kohnen J. <\/i>Hippels Russland-Bild \/\/ K\u00f6nigsberger Beitr\u00e4ge.<\/li>\n<li><i>Kohnen J<\/i>. Theodor Gottlieb von Hippel. Eine zentrale Pers\u00f6nlichkeit der K\u00f6nigsberger Geistesgeschichte. Biographie und Bibliographie. L\u00fcneburg: Nordostdeutsches Kulturwerk Verlag, 1987.<\/li>\n<li><i>Kohnen J.<\/i> Theodor Gottlieb von Hippel. Eine zentrale Pers\u00f6nlichkeit \/\/ Lyrik in K\u00f6nigsberg. 1749\u20131799. Regensburger Beitr\u00e4ge zur deutschen Sprach und Literaturwissenschaft. Frankfurt a.M.,\u00a0 Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2000.<\/li>\n<li><i>K\u00f6nigsberger Beitr\u00e4ge<\/i>. Von Gottsched bis Schenkendorf. Herausgegeben von Joseph Kohnen, Peter Lang, Frankfurt a.M., Berlin, Bern, Bruxelles, Oxford, Wien, 2000.<\/li>\n<li><i>Kozielek G.<\/i> Zu Leben und Werk Zacharias Werners. Breslau, 1963. Das dramatische Werk Zacharias Werners, Breslau 1967; Louis Guinet: Zacharias Werner et l&#8217;\u00e9sot\u00e9risme ma\u00e7onnique, Th\u00e8se Lettres, Paris, Caen 1961; La Haye,Paris 1962; ders.: De la Franc-Ma\u00e7onnerie au Sacerdoce ou La Vie romantique de Friedrich Ludwig Zacharias Werner (1768\u20131823). Etude biographique. Th\u00e8se compl\u00e9mentaire, Paris 1961\u00a0; Caen 1964\u00a0; Goedeke, VI, 90-95\u00a0; ADB, 42, S. 66-74.<\/li>\n<li><i>Lauson J.<\/i> <i>F.<\/i> Erster und Zweeter Versuch in Gedichten. K\u00f6nigsberg, 1753.<\/li>\n<li><i>Leben <\/i>und Abenteuer des Andrej Bolotow von ihm selbst f\u00fcr seine Nachkommen aufgeschrieben. Bd 1. Leipzig: Verlag C.H. Beck, 1989.<\/li>\n<li><i>Lebensl\u00e4ufe<\/i> nach aufsteigender Linie. SW IV, II.<\/li>\n<li><i>Lenzens<\/i> Gedicht auf Kant \/\/ J.Kohnen: Lyrik in K\u00f6nigsberg.<\/li>\n<li><i>Lossau M.<\/i> Klassische Philologie an der Albertina zur Zeit Kants. In: K\u00f6nigsberg. Beitr\u00e4ge zu einem besonderen Kapitel der deutschen Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts. Begr\u00fcndet und herausgegeben von Joseph Kohnen. Peter Lang, Frankfurt a.M., Berlin, Bern, New York, Paris, Wien, 1994.<\/li>\n<li><i>Miegel<\/i> <i>A<\/i>. Abschied von K\u00f6nigsberg \/\/ Sem Simkin: Swjet tuy jedinstwjennuj\/ Du mein einzig Licht. Gedichte K\u00f6nigsberger Dichter. Kaliningrad 1993.<\/li>\n<li><i>Plehwe A. <\/i>Johann George Scheffner. K\u00f6nigsberg, 1936.<\/li>\n<li><i>Schneider F.J<\/i>. Theodor Gottlieb von Hippel in den Jahren von 1741 bis 1781 und die erste Epoche seiner literarischen T\u00e4tigkeit. Prag: Taussig und Taussig, 1911.<\/li>\n<li><i>Walter S.<\/i> Johann Friedrich Reichardt. Komponist, Schriftsteller, Kapellmeister und Verwaltungsbeamter der Goethezeit. Freiburg i.Br. und Z\u00fcrich, 1963.<\/li>\n<li><i>Warda A.<\/i> Der Anla\u00df zum Bruch der Freundschaft zwischen Hippel und Scheffner\/\/ Altpreu\u00dfische Monatsschrift. 1916.<\/li>\n<li><i>Zacharias W.<\/i> <i>F. L.<\/i> Sein Weg zur Romantik \/\/ Das dramatische Werk Zacharias Werners. Breslau, 1967.<\/li>\n<\/ol>\n<div><\/div>\n<p><b><i>Die erste Ver\u00f6ffentlichung des Aufsatzes<\/i><\/b><i>:<\/i><\/p>\n<p>Joseph Kohnen. K\u00f6nigsberger Dichter der Kant-Zeit zwischen Ost und West \/\/ Kant zwischen West und Ost. Zum Gedenken an Kants 200. Todestag und 280. Geburtstag. Hrsg. Von Prof. Dr. Wladimir Bryuschinkin. Bd.2. Kaliningrad, 2005. S. 293 &#8211; 310.<\/p>\n<div><\/div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Gleb\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/X8MCC7NN\/Kohnen%20%20Koenigsberger_Dichter.docx#_ftnref1\">[1]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 \u201cDa Russland das noch nicht ist, was zu einem bestimmten Begriff der nat\u00fcrlichen Anlagen, welche sich zu entwickeln bereit sind, erfordert ist [&#8230;]\u201d[11, 252].<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Gleb\/AppData\/Local\/Microsoft\/Windows\/INetCache\/Content.Outlook\/X8MCC7NN\/Kohnen%20%20Koenigsberger_Dichter.docx#_ftnref2\">[2]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u201e&#8230;eine gro\u00dfe Stadt, der Mittelpunkt eines Reichs&#8230;\u201c oder: \u201eKommt das Licht aus K\u00f6nigsberg?\u201c [17, 119-138].<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Blick auf die Landkarte gen\u00fcgt, um zu verdeutlichen, dass K\u00f6nigsberg in geographischer, politischer und kultureller Hinsicht immer eine besondere Stellung einnahm, und \u00fcbrigens f\u00fcr das heutige Kaliningrad unter ver\u00e4nderten Umst\u00e4nden immer noch das Gleiche gilt. Das weitgehend flache Agrarland war im 18. Jahrhundert arm, wenig bev\u00f6lkert und wenig entwickelt, und aufgrund eines regen Handels [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":333,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/330"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=330"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/330\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":334,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/330\/revisions\/334"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/333"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=330"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=330"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kant-online.ru\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=330"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}